Streitbar : Das Kreuz mit dem Kreuz

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Die moderne Gesellschaft kasteit sich gern – der Natur ist ein sich selbst strafender Mensch jedoch egal, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
05. April 2015, 16:00 Uhr

Von den Großereignissen des Kirchenkalenders passt Ostern zweifellos am besten in die postchristianisierte Moderne. Das Narrativ des Festes könnte der Plot eines Werbefilms für Fitnessstudios sein. Nach Qualen und Entbehrungen wartet eine Wiederauferstehung. Hätte Johann Sebastian Bach nicht die opulente und göttliche Matthäuspassion geschrieben, wären Ostern und die Passionszeit noch trostloser als das Leben in den asketischen Großstadtvierteln zwischen den Bioläden sowieso schon sein kann.

Genau da sitzen die Meinungsmacher und haben ihre Ideen davon, wie die Welt funktioniert. Der bessere Mensch, so legen uns Bestseller-Autoren, Kampagnen für Low-Fat-Lebensmittel und Subventionen für nachträgliche Gebäudedämmungen oder Greenpeace, der NABU, Foodwatch und andere Nichtregierungsorganisationen nahe, übt sich in Verzicht. Kein Besitz, keine Emissionen, kein Verbrauch. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, sagte Goethe einst. Heute gilt: Edel sei der Mensch, hilfreich, gut – und spurlos. Sogar Begräbnisse werden mittlerweile auf ihre Öko-Bilanz hin untersucht. Der Heiland hinterließ bekanntlich auch nichts in seinem Grab.

Der Verzicht ist zum Selbstzweck geworden. Ich bin eigentlich kaum noch was und darum bin ich – oder so ähnlich. Die Entsagung stattet den Entsagenden mit moralischer Größe aus. Da allerdings will er dann auf einmal gar nicht mehr so unauffällig und spurlos sein. Das Leben führt der Asket als Mission. Eine, die der des Gottessohnes ähnelt, der seinen Jüngern schließlich auch den rechten Weg wies. Wo den zu Bekehrenden von heute die Lust an der Askese fehlt, muss die vermeintliche Einsicht, dass es nicht anders geht, nachhelfen.

Beispiel gefällig? So ist der Anteil der wirklich Laktoseintoleranten in der Bevölkerung in etwa so hoch wie die Spurenanteile von Nüs-sen in Reiswaffeln. Dennoch sind die einschlägigen Ausweich-Milchprodukte ohne Laktose mittlerweile Teil eines gewaltigen Marktsegmentes geworden. „Frei von“ oder „ohne“ ist schwer angesagt in den Supermarktregalen. Die Liste der nicht in einer Scheibe Knäckebrot versammelten Stoffe ist auf den Verpackungen länger als die der Zutaten.

Was vorgibt eine Allergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit zu sein, ist jedoch meist eine Erkrankung aus der narzisstischen Abtei-lung. Woran erkennt man einen Veganer? Er wird es einem spätestens nach 30 Sekunden erzählen. Der neuste Schrei auf dem Markt der Essstörungen ist die Glutenunverträglichkeit. Wenn der Gang in Supermärkte und Restaurants zum Spießrutenlauf wird und jeder Gastgeber auf seinem Geburtstag noch Extrawürste bereithalten muss, ist für Anteilnahme und Aufmerksamkeit reichlich gesorgt. So wird das Le-ben in der westlichen Überflussgesellschaft als moderner Passionsweg inszeniert. „Seht her“, ruft der Allergiker inmitten rappelvoller Supermärkte, „für mich gibt es hier kaum was und das Bisschen ist dann auch noch teurer.“ Da muss halt jeder durch, der sich einen extravaganten Geschmack erlaubt.

Wenn es nur das Essthema wäre, ginge es ja noch. Doch die sich selbst in Enthaltsamkeit Übenden verstopfen mittlerweile als Verkehrshin-dernisse die schmalen Laufwege der Innenstädte, wenn sie sich nicht in die Fitnessstudios quälen wollen, sondern es mit Jogging oder – viel schlimmer noch – Nordic Walking outdoor versuchen. Die Enthaltsamkeit wird sukzessive zum gesellschaftlichen Exzess. Ob Kleidung, Wohnen, Freizeitgestaltung, Urlaubsziele oder politische Demonstrationen – an jeder Ecke lauern Monstranzen der Entsagung, die...

... das Leben weniger schön machen. Grüne Großstadtbewohner finden zum Beispiel nichts dabei, einerseits die Verschandelung der Innenstädte durch Autos zu beklagen und andererseits und gleichzeitig – sofern sie eben doch unbedingt einen Wagen brauchen – die hässlichsten Gefährte der Welt zu besitzen, meist verbrauchsoptimierte kastenförmige Zwitterfahrzeuge, die halb Kleinwagen und halb Transporter sein wollen und von französischen oder italienischen Herstellern in Trendfarben angeboten werden. Auch die Carsharing-Anbieter, deren Geschäftsmodell den urbanen Ökovertretern ein Herzensanliegen ist, setzen meist nicht auf Augenschmeichler, sondern auf pragmatische Kleinwagen, die weder vor Altbaufassaden noch vor den Glas- und Stahlkonstruktionen jüngeren Datums bella Figura machen. Der Kollege Ulf Poschardt bemerkte neulich in der „Welt“, dass die winzig motorisierten Autos zu einer „Rebarbarisierung“ des Fahrens führten. Sie seien „laut, unkultiviert“ und hätten „schockierende Drehzahllöcher“.

Was der passionierte Porsche-Fahrer Poschardt im Straßenverkehr beobachtete, lässt sich auf die Ernährung übertragen. Hardcore-Asketen predigen und futtern Rohkost, was tatsächlich und treffend auch nur als Rebarbarisierung bezeichnet werden kann.

Der Verzicht – ob am Esstisch oder auf der Autobahn – ist eben mehr als Selbstkasteiung oder eine Lust am Weniger. Dahinter wohnt etwas ganz anderes, etwas, das nicht edel, nicht selbstlos und auch nicht aufgeklärt ist. Etwas, das auch nicht als Lehre taugt oder als Antwort auf die Fragen dieser Zeit. Es ist die Verzweiflung an der modernen Welt, die sich hinter der Askese verbirgt und einen auf weise und gelassen macht. Wer verarbeitete oder wenigstens gegarte Nahrung meidet, versucht das Menschsein an sich zu leugnen. „Die Küche ist das biologische Merkmal des Menschen“, sagt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, der „das Feuer und die Fähigkeit zu kochen“ als „Basis der Menschwerdung“ betrachtet und eben nicht das Aufstellen von Ernährungsbilanzen und Kalorientabellen, was die neuen Bewohner der Fitness-Tempel hingegen so gerne tun.

Denen geht es nicht um die Lust am Sport und ein paar Muckis mehr, sondern um das schlechte Gewissen. Jeder Meter auf dem Laufband soll als Absolution für ruhige Momente vor der Glotze oder Ernährungssünden (am schlimmsten ist beides gleichzeitig) dienen. Die Verzweifelten schaffen sich so virtuelle Renaturierungs- und Ausgleichsflächen, wie wir sie von großen Baumaßnahmen in der Nähe von Naturschutzgebieten kennen. Jede Hingabe, jeder Genuss der Segnungen der modernen und zivilisierten Welt muss bezahlt werden, indem man sich selbst radikal zurückwirft und isst oder sich bewegt wie die Vorfahren vor Ewigkeiten.

Schauen wir uns die Ostergeschichte noch einmal an: Jesus Christus, der das einfache Leben fernab der damals schon beachtlichen und alles dominierenden römischen Zivilisation predigte und praktizierte, wird von dieser Zivilisation schließlich ans Kreuz genagelt. Die damals moderne Welt versündigte sich am einfachen Naturburschen aus Galiläa. Doch dieser Mord, so erzählen uns die Evangelien, wurde teuer be-zahlt. Das naturverbundene Opfer lässt sich doch nicht unterkriegen, erwacht und steht schließlich wieder auf. Rom hingegen ging irgend-wann zugrunde. So haben es die Asketen von heute verinnerlicht: Wer sich der Moderne und ihren Erleichterungen hingibt, wird irgendwann eine göttliche Quittung bekommen. Oder noch viel einfacher: Die Natur schlägt irgendwann zurück.

Nein! Wird sie nicht.

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