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Christentum : Das Gottes-Lädchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die einen nennen es Kitsch, die anderen wollen nicht darauf verzichten -  Vor allem in erzkatholischen Gegenden gibt es christliche Devotionalienläden – und in Berlin

Rachele Raffaela Cutolo hat gerade einen Kampf zwischen Seelenheil und Geschäft ausgefochten. Mit kleinen Schritten bewegt sie sich auf die Ladentür zu, ein Mann hat dort Blickkontakt mit einer hüfthohen Maria aufgenommen. Bei Maria war Rachele Raffaela Cutolo bis gerade eben auch noch – in Gedanken. Sie hat gebetet. Und so richtig damit aufhören wollte sie eigentlich nicht. Sie zögerte das Aufstehen hinaus, nachdem sich plötzlich der Lärm der Potsdamer Straße mit den gregorianischen Gesängen vom Band im Laden gemischt hatte. Aber jetzt steht da dieser Mann in der Lederjacke. Ein Kunde. Im Gehen murmelt Cutolo noch mal „...jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ 

Rachele Raffaela Cutolos Weg ist nicht lang. Sie geht vorbei an  Bündeln geraffter Rosenkränze, Engeln, Kreuzen, Jesusfiguren, mehr als 20 Sorten Weihrauch und Marienstatuen – vielen Marienstatuen. Eine trägt ein Kind auf dem Arm, dessen Ohren verglichen mit dem Kopf viel zu groß sind. Es sieht aus wie  Mister Spock in „Raumschiff Enterprise“. Cutolo hat die Figur in einem China-Laden entdeckt und sofort gekauft. Jetzt steht sie hier zum Verkauf.


„Wofür wollen Sie die Maria denn haben?“


Die gebürtige Neapolitanerin Cutolo arbeitet im „Ave Maria“, einem christlichen Devotionalienladen. In Rom, rund um den Vatikan, finden sich diese Läden reihenweise. Aber Berlin, Potsdamer Straße, ist nicht der Vatikan. Katholiken sind eine Minderheit in der Hauptstadt – nach Angaben des Erzbistums machen sie rund neun Prozent der Bevölkerung aus. „Wofür wollen Sie die Maria denn haben?“, fragt Cutolo den Mann an der Tür. Er will sie mit nach Afrika nehmen, zu einem Künstler. Der bearbeite die Maria dann etwas, damit sie in ihrem Stil besser in eine afrikanische Kirche passe. 

Bei Künstlern wird Cutolo skeptisch. Einmal sei eine Künstlerin in ihrem Laden gewesen, die wollte Marien für die Kunst in der Mitte durchschlagen. „Da habe ich gesagt, die Figuren bleiben hier!“ Wenn sie von ihren Kunden berichtet, machen Erzählungen von gescheiterten Verkaufsgesprächen einen recht großen Anteil aus.

So wie die Geschichte von der Frau, die kirchlich heiraten wollte, aber eigentlich nur ihrem Mann zuliebe, weil der gläubig sei. Das hat Cutolo aufgeregt. „Wenn einer reinkommt und so mit Stolz sagt, er ist Atheist, dann vergesse ich das Geschäft.“ Gott belügen, das gehe doch nicht. „Ich habe natürlich zu ihr gesagt: Der da unten wartet schon. Der heizt schon vor.“

Rachele Raffaela Cutolo verkauft dem Mann in der Lederjacke eine Maria mit Jesuskind, die eigentlich 330 Euro kosten soll. Sie nimmt dafür aber nur 200 Euro und gibt noch eine andere Maria als Geschenk dazu. Es sei ja für Afrika, sagt sie. Bevor sie die Figur einpackt, fährt sie mit einem Finger über die Backen des kleinen Jesus. Mit ihren Lippen macht sie ein Kussgeräusch. „Ich finde ihn so süß.“

Einige Meter entfernt vom „Ave Maria“ liegt der Bülowbogen, eine bekannte Kurve der Berliner U-Bahn, die hier oberirdisch fährt. In der ARD-Serie „Praxis Bülowbogen“ hat sich dort Schauspieler Günter Pfitzmann als Arzt durch die Gegend berlinert. An einem anderen Haus erinnert eine schwere Plakette an Wunder-von-Bern-Trainer Sepp Herberger, der dort mal gewohnt habe. Berliner Erinnerungen. Der Abschnitt der Potsdamer Straße, an dem das „Ave Maria“ liegt, wirkt hingegen so, als habe jemand die Läden und Lokale recht frisch zusammengewürfelt. An der Ecke sucht ein Erotik-Markt per Aushang nach einer neuen Reinigungskraft. Wenige Meter weiter durchwühlen Menschen die Körbe eines 1-Euro-Ladens.  Nur Schritte entfernt bietet eine Kunstgalerie eine Vase für Hunderte Euro an, eine Hutdesignerin sucht in einer großzügig angelegten Boutique Käufer für ihre Entwürfe. „Die Gegend hat sich schon stark verändert in den letzten Jahren. Früher gab es hier ja nur Leerstand und Pfennigläden“, sagt Dieter Funk. Er sitzt in der „Joseph Roth Diele“, einem Restaurant direkt neben dem „Ave Maria“. Mitgegründet hat er beides. Bis vor einigen Minuten waren die Tische des Restaurants noch bis auf den letzten Platz besetzt. Männer in Anzügen und Frauen mit Hornbrillen drängten sich zum Mittagessen. Jetzt ist es für den Moment etwas ruhiger. 1996 eröffnete er zusammen mit einer Geschäftspartnerin das „Ave Maria“. „Wir wollten damals etwas ausprobieren“, sagt Funk, den Blick über die randlose Brille gerichtet. Funk ist gebürtiger Schwabe, Anfang der 80er begann er in Berlin Film zu studieren. Den Katholizismus hat er aus seiner Heimat in Süddeutschland mitgebracht. Er möge die Rituale, sagt er. 2002 kam die „Joseph Roth Diele“ hinzu. Mit den Einnahmen subventioniert er den Devotionalienladen, dessen Umgebung langsam schicker und teurer wird. Ob das „Ave Maria“ bei steigenden Mieten irgendwann in Gefahr ist? „Der Punkt könnte kommen“, sagt Funk und nimmt einen Schluck Kaffee. Auch wenn er in diesem Fall auf ein Schlupfloch hoffe, vielleicht einen anderen Standort.


Ein Kreuz geklaut und eins geschenkt


Verkäuferin Rachele Raffaela Cutolo hat er kennengelernt, als sie noch in einem Feinkostladen arbeitete. Nebenan lässt er sie gewähren. Auch wenn sie natürlich „nicht ohne“ sei, wie es Funk lächelnd formuliert. „Ich habe nie kapiert, was die meinen. Ich kenne das nicht in meinem Leben, dieses ,Das ist in’ und ,Das ist in’“, sagt Rachele Raffaela Cutolo, während sie Trauerkarten in weiße Briefumschläge einsortiert.

Weihrauch liegt in der Luft. Die gregorianischen Gesänge hat sie ausgemacht. „In Berlin hatte jeder seinen Platz, egal wie arm du warst“, sagt sie. Mit zehn Jahren kam sie aus Neapel nach Deutschland. Erst lebte die Familie in einem Obdachlosenheim. Lange her, heute ist sie 50 Jahre alt. Cutolo blickt aus dem Schaufenster, vorbei an den Engelsfiguren. Auf der Straßenseite gegenüber liegt eine Frau neben Geldautomaten in den Räumen einer Bank. Die sei obdachlos, sagt Cutolo. Ab und zu gibt sie ihr Wasser, damit sie ihren Schlafplatz sauber halten kann. Und Obst. Einem jungen Mann hat sie mal ein Kreuz geschenkt, nachdem sie ihn beim Stehlen eines anderen erwischt hatte. Er habe seiner Freundin eine Freude machen wollen.

Cutolo hat Tränen in den Augen, wenn sie davon erzählt. Der Laden ist für sie mehr als ein Geschäft. Cutolo trägt Schwarz. Schwarzer Wollpullover, schwarzer Rock, schwarze Strumpfhose. Nur auf ihrer Brust leuchtet ein Farbkleckser – ein Kreuz mit einem Bild von Benedikt XVI. Seine Bücher könne sie zwar nicht lesen, die seien zu kompliziert. „Aber der kann da gar nix für. Wenn der das anders aufschreiben könnte, würde er es tun“, sagt Cutolo. Benedikt sei eben kein Schauspieler, deswegen möge sie ihn so. Und sein Nachfolger Franziskus? Nun, schwierig. Sie würde Franziskus sicherlich in den Laden lassen. Nur ob es ein einfaches Verkaufsgespräch für den Papst würde, ist fraglich.

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