NATO : Das fliegende Auge der Nato

Flug in den Sonnenuntergang: Erst am Abend geht es zurück nach Geilenkirchen.
Flug in den Sonnenuntergang: Erst am Abend geht es zurück nach Geilenkirchen.

16 Awacs-Aufklärungsflugzeuge sichern Europas Luftraum und zeigen militärische Präsenz – unser Reporter ist mitgeflogen.

svz.de von
01. November 2015, 09:00 Uhr

„Mamma Mia!“ Kommandeur Michail Petzimezakis aus Griechenland ist genervt. Eigentlich sollte er seit Stunden in der Luft sein. Doch statt über Rumänien zu fliegen, steht sein Awacs-Aufklärungsflugzeug auf dem Rollfeld des Nato-Flughafens in Geilenkirchen bei Aachen, und die Besatzung wartet auf besseres Wetter. Bei nasser Startbahn darf die voll betankte E-3A, eine umgebaute Boing 707 mit Radarschüssel auf dem Rücken, nicht starten – der Bremsweg bei einem Startabbruch wäre einfach zu lang.

Einige Minuten später rollt die Maschine dann doch auf die Startbahn, Petzimezakis und sein italienischer Co-Pilot begutachten die Lage selbst. Ist die Piste nach einem halben Tag Dauernieseln noch nass oder schon etwas abgetrocknet – also nur feucht? „Eher feucht als nass“, entscheiden die Männer, und kurz darauf hebt Flug Nato 07 mit donnernden Triebwerken ab.

Die von 17 Nationen (Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Ungarn und USA) betriebene Luftaufklärer-Flotte ist das fliegende Auge der Nato. Die Flugzeuge erfassen und identifizieren alle fliegenden Objekte und Schiffe in einem Radius von mehr als 400 Kilometern. Die 16 Maschinen sind auf der Nato Air Base in Geilenkirchen stationiert, direkt an der Grenze zu den Niederlanden. Die Besatzungen setzen sich aus 15 Nationalitäten zusammen – Großbritannien hat eigene Awacs-Flugzeuge, Luxemburg stellt kein Personal. Dort sind die Flugzeuge jedoch registriert und versichert.

Jede Aufklärungs-Mission beginnt früh morgens am Boden. Halb sieben, langsam regnet es sich ein – ein schlechtes Zeichen. Das bestätigt sich in der Vorbesprechung in einem der grünen Zweckbauten auf dem Gelände: Im Video erläutert die Meteorologin der aus vier Mann Flug-Crew und 16 taktischen Besatzungsmitgliedern bestehenden Mannschaft die Wetterlage: Erst mittags soll der Regen aufhören. Die Besatzung braucht jetzt Geduld. Die auf sieben Stunden angesetzte Mission über Rumänien hat eine niedrige Priorität, bekommt deshalb kein Tankflugzeug zugewiesen. Weniger voll betankte Maschinen können auch bei nasser Piste abheben. Sie werden dann noch über Deutschland betankt. Diese spektakulären Manöver spielen sich auch am Himmel über Schleswig-Holstein ab: Zwei Betankungsrouten liegen zwischen Schleswig und Bremen. Bei klarem Himmel lassen sich die Gespanne aus E-3A und KC-135-Tankflugzeugen beobachten – verbunden mit einem Rüssel, und mit nur knapp sieben Metern Abstand. So betankt können die Maschinen mehr als zehn Stunden in der Luft bleiben.

Der Besatzung von Flug Nato 07 bleibt unterdessen nur abzuwarten. Das geht am besten im Keller: Mit Aufklebern reichlich dekorierter Kühlschrank, Sessel, Auszeichnungen an der Wand, Popeye-Flipper-Automat – und zum Glück eine Küchenzeile, die von den Italienern in Beschlag genommen wird. Espresso aus kleinen Blümchen-Tassen hält die Wartenden bei Laune. Erst mehr als sieben Stunden nach Dienstbeginn hebt die E-3A endlich ab.

Der heutige Einsatzbereich liegt im Osten Rumäniens, von hier sollen die Aktivitäten über dem Schwarzen Meer beobachtet werden. Seit März 2014 sind die Aufklärer angesichts des Ukraine-Konflikts in Osteuropa eingesetzt, sie kreisen über Polen und Rumänien. „Unsere Mission hat zwei Aussagen“, sagt Presseoffizier Johannes Glowka, der bis 2013 an der Unteroffiziersschule der Luftwaffe in Appen bei Pinneberg stationiert war. „Zum Einen zeigen wir unseren Nato-Partnern Polen und Rumänien, dass wir an ihrer Seite stehen – das ist die politische Aussage. Außerdem zeigen wir Russland, dass wir präsent sind. Sie sehen uns, wir sehen die Russen – das ist unser militärisches Statement.“

Zwei Stunden später. Vor Kaiser erscheinen hunderte grüne und pinke Punkte auf dem Bildschirm: Der Luftverkehr über Osteuropa. „Grün und pink ist gut, das sind Flugzeuge, die wir über das Identifikationssystem als freundlich erkannt haben“, erklärt der 52-Jährige mit silbernem Stoppelhaar, Drei-Tage-Bart und runder Brille. Kaiser heißt eigentlich Berthold Wilhelm und ist seit 1994 dabei. „Ich habe mich schon lange für die Aufklärungs-Technik interessiert. Liegt wohl daran, dass ich im Zonenrandgebiet aufgewachsen bin“, sagt der Mann mit fast 10  000 Awacs-Flugstunden. Seit 1982 ist er bei der Bundeswehr. „Keiner sonst ist so erfahren wie Kaiser“, nickt Glowka anerkennend. An Bord ist sein Job ähnlich wie der eines Fluglotsen. Als „Fighter Allocator“ – Jäger-Leitoffizier – steuert er im Ernstfall oder bei Manövern mit Hilfe der an Bord ausgewerteten Radar-Daten die Einsätze der Kampfjets, die Awacs-Maschine wird dann zur fliegenden Leitzentrale.

Das Sagen an Bord haben zwei Leute: Wenn es um den Flug geht, der Kommandeur, also der Pilot. Den eigentlichen Einsatz leitet der Taktische Direktor (TD). Er nimmt die Befehle vom Boden entgegen und steht über ein verschlüsseltes Internet-Chat-System im Dauerkontakt mit der Basis.

Kernstück der Aufklärung an Bord der Awacs-Flugzeuge sind die Daten, die das Rotodom auf dem Rücken der Maschine empfängt – sie erscheinen als die erwähnten Punkte auf den Bildschirmen der 17 Konsolen. Erfasst werden bewegliche Objekte in der Luft und auf dem Wasser – „und dazu zählen auch Windräder“, sagt Kaiser. Sie erscheinen als gelbe – also nicht identifizierte – Punkte auf dem Schirm. „Wir können aus neun bis elf Kilometern Höhe über sie hinwegsehen, doch für Bodenradar-Stationen können sie zum Problem werden, ganze Bereiche werden ausgeblendet.“ Ein Grund, warum die Bundeswehr gegen Windparks im Umkreis von 25 Kilometern um Radarstationen ist.

Interessanter als Windräder sind Flugzeuge – ein Mausklick, und sie geben Daten wie Fluggesellschaft, Flugnummer, Höhe und Geschwindigkeit preis. Über der Slowakei und Ungarn gibt es keine Auffälligkeiten. Kurz darauf erreicht die E-3A ihren „Orbit“ – das Einsatzgebiet über Rumänien.

Das Schwarze Meer erscheint am Horizont, kurz vor der Hafenstadt Constanta dreht die Maschine auf den vorbestimmten Rundkurs ab. Auf den Bildschirmen erscheinen grüne und rote Quadrate in der Ukraine und auf der Krim – grün die ukrainischen Militärstützpunkte, rot die der Russen. Die Besatzung soll heute kontrollieren, was auf dem Meer los ist. Doch auch hier ist alles ruhig – zu ruhig: Der US-Zerstörer „USS Donald Cook“ sollte hier kreuzen, doch er ist nicht aufzufinden. Kurze Rücksprache mit dem US-Militär: Das 150 Meter lange Marineschiff liegt noch im Hafen von Odessa und hat offenbar das Identifikations-System abgeschaltet.

Es bleibt Zeit fürs Abendessen. In der Küche im hinteren Teil steht für jedes Besatzungsmitglied eine Pappschachtel mit Schnacks bereit, das Hauptgericht kommt aus einer tiefgekühlten Aluminiumschale und wird im Ofen aufgewärmt. Es gibt Spaghetti Bolognese, Nasi Goreng oder Putengeschnetzeltes. 2000 Kilokalorien sind für jeden an Bord – „damit der Blutzucker bei den teilweise mehr als acht Stunden langen Flügen nicht absinkt“, sagt Glowka. Außerdem gilt: Viel trinken. Die Luftfeuchtigkeit an Bord beträgt nur 20 Prozent, um die empfindlichen Computersysteme zu schonen.

Auf dem Rückflug wird es plötzlich doch noch kurz hektisch: Brandschutz-Übung. Einige Crew-Mitglieder laufen durch den fensterlosen Rumpf, holen Sauerstoff-Flaschen aus Seitenfächern und der Bordtoilette. „Ruhige Missionen wie diese sind immer auch Trainingsflüge, gerade für weniger erfahrene Crew-Mitglieder“, sagt Glowka.

Die Sonne ist bereits untergegangen, als die E3-A auf der Landebahn in Geilenkirchen aufsetzt, der Regen hat sich verzogen. Nach sieben Stunden Warten und sieben Stunden Aufklärungs-Einsatz ist der Arbeitstag für die Nato-Crew zu Ende.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen