Syrerin gewinnt Wettbewerb : Das Ende der Liebe

In Gedanken versunken: Auf ihrem Bett schreibt Khadija Hasan ihre Gedichte. Nach wie vor formuliert sie in Arabisch, weil es ihr leichter fällt. Dann übersetzt sie die Worte ins Deutsche. Ein mühsamer Prozess.
In Gedanken versunken: Auf ihrem Bett schreibt Khadija Hasan ihre Gedichte. Nach wie vor formuliert sie in Arabisch, weil es ihr leichter fällt. Dann übersetzt sie die Worte ins Deutsche. Ein mühsamer Prozess.

Mit ihrem Heimatgedicht gewinnt eine junge Syrerin bei einem Schreibwettbewerb den ersten Preis

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01. August 2015, 16:00 Uhr

Kriege weltweit machen Menschen zu Flüchtlingen. Die sieben Mitglieder der Familie Hasan haben 2012 ihre Heimat Syrien verlassen. Als Flüchtlinge kamen sie nach Deutschland, nach Beeskow. Hier wünschen sie sich vor allem eines: Anschluss an die Einheimischen.

„Nur ich und mein Stift wissen, wie ich mein Land liebe“, schreibt Khadija Hasan auf ein Stück Papier. Die junge Frau aus Syrien ist vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen. Dort herrscht Krieg. Bilder der zerstörten Stadt hängen im Zimmer ihres Bruders. An die Wand gegenüber hat der 22-jährige Hasan den Umriss Syriens gemalt. Die Städte hat er mit schwarzen Punkten markiert. Ihre Namen hat Khadija auf Arabisch daneben geschrieben. Aleppo ist kein schwarzer Punkt. Aleppo ist ein rotes Herz.

Wie sehr Khadija ihre Heimat liebt und wie sehr sie ihr fehlt, hält die 18-Jährige in Poesie fest. Schon in Aleppo hat sie Gedichte geschrieben, über ihr Land, ihre Freundinnen, das Leben und manchmal auch über die Liebe – Themen, die junge Frauen bewegen. Noch heute schreibt sie ihre Gedichte auf Arabisch und übersetzt die Worte dann ins Deutsche.

Es ist ein mühsamer Prozess. Ihre Deutschlehrerin an der Gesamtschule 3 in Eisenhüttenstadt überzeugt sie, es gleich auf Deutsch zu probieren. Das Resultat ist „Kleine Gedanken in fremder Sprache“. „Es ist mein erstes Gedicht auf Deutsch“, erklärt Khadija. „Es war sehr schwer für mich.“ Doch die Mühe lohnt sich. Beim Schüler-Schreibwettbewerb der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt belegt sie damit einen ersten Platz. „Aber die Liebe reicht nicht, wenn Krieg kommt“, heißt es im Gedicht.

Der Krieg hat die syrische Familie kurdischer Abstammung zu Flüchtlingen gemacht. „Wir hatten nicht vor, nach Deutschland zu kommen“, sagt Khadija, und ihre jüngeren Schwestern Nilay und Simanda nicken. Geplant war, für drei Monate zum Onkel in den Libanon zu ziehen, bis sich die Lage in Syrien entspannt. Aus drei Monaten wird ein Jahr. Während Nilay und Simanda die Schule besuchen, beginnt Khadija zu arbeiten. Die Arbeit fällt der damals 15-Jährigen schwer. „Sie ist klein, sie muss lernen!“, protestiert Simanda noch heute. Als sie keinen Ausweg sieht, wendet sich Mutter Maryam Kheddo an die Vereinten Nationen.

Wenig später sitzt Familie Hasan mit etwa 300 anderen Flüchtlingen aus Syrien im Flugzeug von Beirut nach Hannover. Sie sind Kontingentflüchtlinge – aus humanitären Gründen bekommen sie ohne Asylverfahren eine Aufenthaltserlaubnis. „In Deutschland herrscht Frieden“, ist der einzige, der treibende Gedanke. Im November 2013 landet das Flugzeug auf deutschem Boden. In Bussen werden die Menschen in das Grenzdurchgangslager im niedersächsischen Friedland gebracht. „Es war so kalt in Deutschland“, sagt Nilay.

Die Kälte ist den Schwestern in Erinnerung geblieben, der „weiße Rauch“, der aus ihren Mündern kam, wenn sie sprachen. Auch das starke Gemeinschaftsgefühl aus Friedland ist ihnen noch präsent. „Wir haben uns mit den anderen gleich gut verstanden und waren wie eine große Familie“, sagt Khadija. Nach zehn Tagen geht es für die Hasans nach Beeskow. Aus 300 Familienmitgliedern werden sieben. Im vergangenen Jahr sind es acht geworden, Berwin, die älteste Schwester, hat am 14. Juni in Beeskow Rami Khalil geheiratet.

„Wir waren die erste arabische Familie in der Stadt“, sagt Khadija. Weder verstehen noch sprechen sie die Sprache. Anschluss finden sie deswegen kaum. Es sind Menschen wie Angelika Stellke, die ihnen das Leben in Beeskow einfacher machen. Noch heute besucht sie die Familie jeden Freitag. Es gibt Küsschen zur Begrüßung und intensive Gespräche bei Kuchen und Gebäck. Die Herzlichkeit der Familie und die Fröhlichkeit der Schwestern hinterlassen einen tiefen Eindruck. Einmal im Monat organisiert Angelika Stellke einen Treff, bei dem Flüchtlinge aus der Stadt und Einheimische zusammenkommen. Der Austausch ist für die Hasans wichtig. Nach wie vor ist die Sprache das größte Problem. Dabei fehlt den Schwestern die Gesellschaft anderer sehr. „In Aleppo hatten wir häufig Besuch oder haben andere besucht“, sagt Khadija. Abgeschottet zu sein, tut auch ihnen nicht gut.

Im September beginnt ihr Bruder Hasan sein Modedesign-Studium in Sigmaringen in Baden-Württemberg. Seit kurzem ist er für ein Praktikum dort. „Ich habe jetzt schon mehr Freunde in Sigmaringen als in Beeskow“, sagt er. Die Familie hat hier unterschiedliche Erfahrungen gemacht. In anderthalb Jahren haben die sich nicht geändert. „Die netten Leute sind immer noch nett zu uns, und die bösen Leute sind noch immer böse“, fasst Nilay zusammen.

Es vergeht kein Tag, an dem Khadija nicht an Syrien denkt. „Das Vermissen wird nicht weniger, sondern immer mehr“, sagt sie. Sie denkt viel an ihre Freunde und an ihre Familie. Über einen Nachrichtendienst hält sie Kontakt zu ihnen. In Aleppo ist kaum jemand geblieben. „Wenn es keinen Strom gibt oder keinen Empfang, dann warte ich tagelang auf eine Nachricht“, sagt sie. Ob sie daran denkt, in ihre Heimat zurückzukehren? Sie wird ruhig. „Syrien ist kaputt. Die Menschen sind auch kaputt“, sagt sie dann.

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