Thesen zum Film-Feminismus : Captain Marvel: Wie stark sind Hollywoods Frauen?

Die erste Solo-Heldin im Marvel Cinematic Universe: Captain Marvel (Brie Larson).
Die erste Solo-Heldin im Marvel Cinematic Universe: Captain Marvel (Brie Larson).

„Captain Marvel“ ist ein Erfolg – mit einer Frau als Heldin. Wieso erst jetzt? Ein feministischer Blick auf Hollywood.

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11. März 2019, 15:19 Uhr

Berlin | 455 Millionen Dollar hat „Captain Marvel“ weltweit eingespielt – allein am Eröffnungswochenende. Nur fünf Filme haben jemals einen besseren Start hingelegt. Warum also haben die Marvel-Studios erst jetzt ein Abenteuer ganz um eine weibliche Heldin gestrickt? Ein Blick auf Frauen im Hollywood-Entertainment.

Es kann funktionieren: „Wonder Woman“

„Captain Marvel“ ist das erste Solo-Abenteuer einer Heldin im Marvel Cinematic Universe (MCU), der geschlossenen Welt also, in der alle Marvel-Abenteuer angesiedelt sind. Zehn Jahre und 20 Filme brauchte das Studio, bis es den Mut dazu hatte. Die Konkurrenz war schneller: Mit „Wonder Woman“ (2017) stellte bereits der vierte Film im DC Extended Universe – der Welt von Superman und Batman – eine Heldin in den Mittelpunkt. Die Hauptdarstellerin Gal Gadot preschte in der Rolle an die Spitze der Kino-Charts.

Foto. Warner Bros.
Foto. Warner Bros.

Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ spielte über 800 Millionen Dollar ein, führt die Liste der erfolgreichsten Superhelden-Origin-Storys an und liegt derzeit auf Platz 7 der einträglichsten Comic-Verfilmungen aller Zeiten. Jenkins war – nach Kathryn Bigelow – erst die zweite Regisseurin, der Hollywood einen Etat über 100 Millionen Dollar anvertraut hat. Hinter „Captain Marvel“ steht jetzt ein gemischt-geschlechtliches Regie-Duo: Anna Boden und Ryan Fleck.

Weiblichkeit als Sonderfall: das Schlumpfine-Prinzip

Frauen stellen die Hälfte der Weltpopulation. Im Entertainment werden sie aber immer wieder zum Sonderfall einer männlichen Normalität. Die Guardians of the Galaxy sind Star-Lord, Drax, Groot, Rocket – und Gamora. Die Avengers heißen Thor, Hulk, Iron Man, Captain America – und Black Widow. Im Bild ist sie die Zweite von rechts:

Foto: Marvel Studios, imago stock&people
Marvel Studios, imago stock&people
Foto: Marvel Studios, imago stock&people

Bei den Marvel-Helden wirkt das Muster genauso wie bei Muppets oder den Schlümpfen, in deren Dorf nur eine einzige Frau wohnt. Die Essayistin Katha Pollitt hat das Muster deshalb als „Schlumpfine-Prinzip“ beschrieben: „Jungs sind die Norm, Mädchen die Abweichung, Jungs stehen im Mittelpunkt, Mädchen sind nebensächlich, Jungs sind Individuen, Mädchen Typen. Jungs definieren die Gruppe, ihre Geschichte und ihren Wertekanon. Mädchen existieren nur in Bezug auf Jungs“, analysierte Pollitt 1991 in der „New York Times“.

 Foto: Peter Deconinck/imago/Belga
PETER DECONINCK
Foto: Peter Deconinck/imago/Belga


„Captain Marvel“ besteht den Bechdel-Test

Schon in den ersten Minuten ihres Abenteuers spricht Captain Marvel mit ihrer Mentorin Dr. Wendy Lawson – über ihre Mission. Mit dem Dialog besteht der Film den sogenannten Bechdel-Test. Nach einem Gag der Comic-Autorin Alison Bechdel wird dabei geprüft, ob ein Film 1.) mindestens zwei Frauen zeigt, die 2.) miteinander über etwas reden, das 3.) kein Mann ist. Von über 8000 Filmen in der Datenbank von „bechdeltest.com“ erfüllen 58 Prozent alle drei Kriterien.


Am Bechdel-Test scheitern auch starke Frauen wie „Lara Croft“ (2001) sowie viele Animationshits wie „Findet Nemo“ (2003) und die ersten zwei „Toy Story“-Teile (1995/99).

Bei den jüngeren Comic-Verfilmungen schwankt das Ergebnis: „Ant-Man and the Wasp“, „Avengers: Infinity War“, „Black Panther“ und „Guardians of the Galaxy Vol. II“ bestehen; „Thor 3“ und „Deadpool 2“ fallen durch.

Statistik: Frauen in Hollywood

Das Center for the Study of Women in Television & Film hat die Geschlechterverhältnisse vor und hinter der Kamera ausgewertet. Von den Regisseuren, Autoren, (ausführenden) Produzenten, Schnittmeistern und Kameraleuten der 250 Top-Filme waren 2018 20 Prozent weiblich.


Am höchsten ist der Frauenanteil bei den Produzenten (26 Prozent, ausführende Produzenten: 21 Prozent) und Schnittmeistern (21 Prozent), am schlechtesten bei Regie (8 Prozent) und Kamera (4 Prozent). Jeder vierte der 250 erfolgreichsten Filme kam mit einer oder gar keiner Frau in den genannten Gewerken aus. Von den 100 einspielstärksten Filme wurden 2018 nur vier von einer Frau inszeniert. (Quelle: Martha M. Lauzen: „The Celluloid Ceiling“)

In einer weiteren Studie untersucht Lauzen die Hauptrollen der 100 ertragreichsten Hollywood-Filme. Seit Jahren liegt der Frauenanteil hier bei einem runden Drittel, im Vergleich zum Vorjahr ist er 2018 sogar um ein Prozent gesunken.


Die weiblichen Hauptfiguren verteilten sich 2018 vor allem auf Komödien (32 Prozent) und Dramen (29 Prozent), gefolgt von Horrorfilmen (19 Prozent), Science Fiction (10 Prozent), Action (7 Prozent) und anderen Genres (3 Prozent). Die meisten männlichen Hauptrollen zählte die Studie in Dramen (31 Prozent) und im Action-Kino (21 Prozent), danach rangieren Science Fiction (15 Prozent), Komödien (14 Prozent), Animationsfilme (14 Prozent), Horror (4 Prozent) und andere Genres (1 Prozent). (Quelle: Martha M. Lauzen: „It’s a Man’s (Celluloid) World“)

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