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Europäische Kommission : Brüssel beschließt: „Pille danach“ rezeptfrei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Brüssel lässt Medikament gegen den Willen Berlins zu, doch wie deutsche Regelung aussehen wird, ist offen

Die Mitteilung der Europäischen Kommission ist nur wenige Zeilen lang. Doch sie bringt zahlreiche Frauen auf der Suche nach der richtigen „Pille danach“ in Schwierigkeiten. Nach einem Testlauf seit 2009 hat die Brüsseler Behörde jetzt das Präparat Ellaone mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat von der Rezeptpflicht befreit. Künftig können Frauen das Medikament also ohne Unterschrift ihres Arztes in den Apotheken erwerben.

Doch was wie ein Segen für die Betroffenen klingen mag, führt in Deutschland zu erheblichen Problemen. Denn hierzulande gibt es bereits die seit längerem etablierte Pille Pidana mit dem Wirkstoff Levonorgestrel – auf ausdrücklichen Wunsch der Bundesregierung unterliegt sie aber der Verschreibungspflicht.

Vorstöße, auch dieses Arzneimittel frei verkaufen zu können, wurden mehrfach vom Bundesgesundheitsministerium und vom Bundesrat abgelehnt. Die Brüsseler Entscheidung ist ein Ergebnis der europäischen Rechtslage. Sie sieht vor, dass stets die Behörde über die Rezeptpflicht entscheidet, die einem Präparat die Zulassung erteilt. Der Pidana-Wirkstoff wurde von den deutschen Institutionen zugelassen, die neue Pille danach von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, deren Genehmigung somit für alle Mitgliedstaaten gilt.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) steht unter Druck, wenn er den Frauen wirklich helfen will. „Unser Ziel ist es, auch weiterhin eine gute Beratung für beide Präparate aus einer Hand sicherzustellen“, sagte er gestern. „Wenn diese Beratung zukünftig nicht mehr zwingend durch einen Arzt vorgenommen werden muss, ist eine intensive Beratung auch in den Apotheken der richtige Weg.“

Doch die Wirkungen der beiden Medikamente sind so unterschiedlich, dass eine intensive Beratung über ein höchst intimes Thema in den Apotheken durchaus belastend werden könnte, fürchten Experten der Ärzteverbände. Schließlich müsse herausgefunden werden, welches Mittel am besten zu der Patientin passe. Pidana kann bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden, die neuere Ellaone bis zu 120 Stunden danach.

Außerdem spielt das Körpergewicht der Kundin für die Wirksamkeit eine große Rolle. Und schließlich, so warnen Sexualberatungsstellen, sei auch der Preis ausschlaggebend: Ellaone ist fast doppelt so teuer wie das bisherige Mittel.

Offen bleibt allerdings, wie Gröhe nun wirklich reagiert. Das EU-Recht gibt dem Gesundheitsminister nämlich eine Handhabe, um die EU-Zulassung zu umgehen. Im Gemeinschaftskodex für Humanarzneimittel heißt es, dass nationale Verbote und Einschränkungen von Präparaten mit „empfängnisverhütender und schwangerschaftsunterbrechender Wirkung“ nicht angetastet werden dürfen. „Selbst wenn eine europaweite Aufhebung der Rezeptpflicht auf EU-Ebene also beschlossen wurde, könnte Deutschland national an einer Verschreibungsvorgabe festhalten“, betonte eine Sprecherin der EU-Kommission.

In Berlin hieß es dazu gestern, wichtig sei, dass für die betroffenen Frauen Klarheit hergestellt werde: „Es müssen entweder beide Medikamente rezeptfrei erhältlich sein oder keines.“

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