Meinung : Böse Weihnacht?

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Warum Tannenbaum und Entenbraten in diesem Jahr ausfallen und ich dennoch den Geist der Weihnacht suchen werde.

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23. Dezember 2017, 16:00 Uhr

In diesem Jahr fällt Weihnachten aus. Für mich jedenfalls. Notgedrungen. Eine Freundin in sächsischen Landen wird 50 und feiert genau am Heiligen Abend. Weihnachtsmann oder Freundin? Weihnachten ist jedes Jahr. Alte Freunde sind die treuesten.

Ich weiß, viele würden in meiner Lage jubeln. Es soll ja mehr und mehr Weihnachtshasser und Weihnachtsflüchter geben oder zumindest Menschen, die ganz gut ohne Tannenbaum, Kerzen, Festessen und Bescherung auskommen. Zu denen gehöre ich nicht.

In einer Schweriner Buchhandlung las unlängst der Schriftsteller Rainer Sander aus seinem Buch „Böse Weihnacht“. Eine Anzeige warb für diese Veranstaltung so: „Eine stimmungsvolle und bewusstseinserweiternde Rutschpartie, vorbei an den Abgründen der zwangsverordneten Harmonie und des weißen Festes der einfallslosen Geschenke“. Da kann man nur hoffen, dass Sander die einfallslosen Geschenke bekommen hat und nicht er selbst seine Lieben mit langweiligen Gaben gemartert hat.

Ich hab Weihnachten schon immer gemocht. Mit allem drum und dran. Da bin ich erzreaktionär. Ich will keine Veränderungen. Veränderungen in dieser Zeit sind böse. Wer mir den Geist der Weihnacht abspenstig machen will, kann es nicht gut mit mir meinen.

Wie soll ein neues Jahr gut werden, wenn das alte ohne Entenbraten nach Art meiner vorpommerschen Omas zu Ende gehen musste? Ohne das Tannenbaumschmücken, während im Hintergrund all die Märchen im Fernseher laufen, die das ganze Jahr nur auf ihren Einsatz gewartet haben.

Gepriesen sei darum auch ausnahmsweise mal das deutsche Fernsehen, weil es seit einigen Jahren den alten Märchenschinken gute neue Verfilmungen von Frau Holle, Sterntaler und Co. als Verstärkung geschenkt hat – mit den besten deutschen Schauspielern als Könige, Feen und Bösewichter. Wie viele liebreizende Prinzessinnen es doch in diesem Land gibt. Die Idee, alte Märchen modern mit zeitgenössischen Stars zu verfilmen, wurde übrigens schon vor 20 Jahren in einer Schweriner Kneipe geboren, ehrlich. Eine schöne Müllerstochter ist meine Zeugin.

Warum nur lässt das Weihnachtsfest niemanden kalt? Dass es so eng mit den ärgsten Auswüchsen von Kaufrausch und Kommerz verbunden ist, kann selbst dem größten Liebhaber Weihnachtens nicht gefallen. Mir auch nicht. Aber damit, dass es seines womöglich germanischen Ursprungs entkleidet und mit christlicher Heilsbotschaft aufgeladen wurde, kann ich als heidnischer Wikkinger-Urenkel gut leben. Obwohl ich dennoch gern einmal von einem gelehrten Kirchenmanne erfahren würde, wie es Ochs und Esel auf Gemälde und andere Krippendarstellungen von der Geburt Jesu geschafft haben. Im Gegensatz zu Josef und Maria und den Hirten tauchen diese Tiere in der Weihnachtsgeschichte doch gar nicht auf.

In dem fulminanten dreibändigen Werk über „Deutsche Erinnerungorte“ findet sich neben dem Duden und Karl May, dem Schrebergarten und dem Feierabend, auch ein Kapitel über Weihnachten. Doris Foitzik weiß viel Kluges zu diesem Thema zu sagen, leider beschränkt sie sich fast ausschließlich auf den Missbrauch des Weihnachtsfestes in der deutschen Geschichte. Ob sie aber mit politischen Schlagworten wie „Deutsche Kriegsweihnacht“, „Sozialistisches Friedensfest“, „Fest der Reichen“ oder „bürgerliche Konsumorgie“ der romantischen Idee von Weihnacht gerecht werden kann?

Da ist mir Thomas Mann schon näher, dem 1924 in einem Aufsatz mit dem Titel „Weihnachtsstimmung“ beim Anblick des „geschmückten Waldbaumes im Kerzengeflimmer“, dem „wunderbaren Duft seiner versengten Zweige“ und der „gedeckten Geschenktafeln“ das Herz höher schlug … „und ich labe mich an der Spannung, dem Entzücken meiner Kinder, wie einst meine Eltern sich an dem meinen erquickten. Sanfte Gedanken, weiter und liebevoller als die des gemeinen Jahres, umspinnen das Herz, während man lächelnd sitzt und in den Glanz blickt, bei dessen Herstellung man selbst geholfen hat.“

Mag Weihnachten ausfallen lassen, wer will. Ich werde auch im sächsischen Festasyl den Geist der Weihnacht aufzuspüren wissen. Wie gesagt: Alte Freunde sind die treuesten.

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