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Die TV-Wende vor 25 Jahren : Blutige Metzgerschürzen im Funkhaus

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Vor 25 Jahren traten MDR, ORB und NDR die Nachfolge der elektronischen DDR-Medien an.

svz.de von
erstellt am 03.Jan.2017 | 11:45 Uhr

In Leipzig begann das neue Fernsehzeitalter zum Jahreswechsel 1991/92 mit einer Panne. Der frisch gegründete Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) startete sein Programm um Mitternacht mit Bildern von der Leipziger Nikolaikirche. Zu hören war aber der Ton des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB). Nach zwei Minuten sendete der MDR endlich auch den eigenen Ton. Fernsehen und Rundfunk der DDR waren endgültig Geschichte.

Der Termin stand im Einigungsvertrag: Bis Ende 1991 sollten in den neuen Ländern öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten nach westdeutschem Vorbild geschaffen werden. Am Anfang stand nur eines fest: Eine Fünf-Länder-Anstalt, also die Fortführung der DDR-Struktur, sollte es nicht geben. Alles andere war offen. Zunächst spielten viele Landespolitiker mit dem Gedanken einer eigenen Anstalt. Doch bald wurde auch über Kooperationen  geredet. Ein thüringisch-hessischer Verbund war im Gespräch, der NDR machte Angebote nach Mecklenburg-Vorpommern. Auch die Aufteilung des DDR-Gebiets in zwei Anstalten im Norden und Süden wurde diskutiert.

Die Süd-Lösung für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der Mitteldeutsche Rundfunk, kam wirklich zustande. Es soll nach Darstellung des damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) unkompliziert gewesen sein: Nur zwei Telefongespräche mit seinen Parteifreunden und Amtskollegen Gerd Gies in Sachsen-Anhalt und Bernhard Vogel in Thüringen hätten ausgereicht, erinnerte sich Biedenkopf 2002.

Auch im Norden sah es Anfang 1991 nach einer großen Variante aus. Die Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg beschlossen mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin die Bildung einer „Nordostdeutschen Rundfunkanstalt“ (NORA). Doch diese Allianz zerbrach am Widerstand des kleinen Schweriner Koalitionspartners FDP.

So kam Mecklenburg-Vorpommern doch noch zum NDR, der SFB in Berlin blieb zunächst selbstständig, und Brandenburg bekam einen eigenen „Ostdeutschen Rundfunk“.  Der ORB bestand aber nur bis 2003. Dann fusionierte er mit dem SFB zum „Rundfunk Berlin-Brandenburg“ (RBB).

Die undankbare Aufgabe der Abwicklung von Fernsehen und Rundfunk der DDR hatte ab Oktober 1990 der damals 70-jährige Bayer Rudolf Mühlfenzl als „Rundfunkbeauftragter“ übernommen. Die elektronischen Medien der DDR waren  zentralistisch aufgebaut, die Mehrzahl der 13.000 Mitarbeiter saß in den Fernsehstudios in Berlin-Adlershof und im Funkhaus in der Nalepastraße.

Etwa 4000 von ihnen kamen später in den neuen Anstalten in den Ländern unter. Die Technik wurde aufgeteilt, verschrottet, verhökert oder verschenkt. So bekam der litauische Rundfunk Fernsehtechnik im Wert von drei Millionen D-Mark – ohne Gegenleistung. Zwei Hörfunkübertragungswagen gingen als Geschenk in die Mongolei.

Zum Aufbau ihrer Organisationsstruktur hatten die Verantwortlichen in den neuen Rundfunkanstalten nicht viel Zeit und mussten auf Zwischenlösungen setzen. Der ORB nutzte das Gelände der Babelsberger Filmstudios, der MDR erwarb für seine neue  Sendezentrale ein Schlachthof-Grundstück in Leipzig.

„Als wir zum ersten Mal über den Platz gingen, roch es noch streng nach Tierhaltung. An einigen Haken hingen blutige Metzgerschürzen“, erinnerte sich im Jahr 2000 der Gründungsintendant des MDR, Udo Reiter. Landesfunkhäuser gab es Ende 1991 überhaupt noch nicht, die regionalen Fernseh- und Rundfunkstudios waren in Provisorien oder alten DDR-Außenstellen untergebracht.

Bei den Programminhalten wurde ein weicher Übergang versucht, bei allen Neuerungen sollte der DDR-Zuschauer in ohnehin unruhigen Zeiten Gewohntes wiederfinden. So wurde einige Sendungen weitergeführt, wenige davon  haben sich bis heute gehalten. „Polizeiruf 110“ und das „Sandmännchen“  sind die bekanntesten.

Der NDR produziert das Gesundheitsmagazin „Visite“ weiter, und der MDR erzielt mit „Außenseiter, Spitzenreiter“ noch immer gute Quoten. Auch der Jugendsender Sputnik (früher DT64) hat unter dem Dach des MDR überlebt, seine Fans hielten ihm sogar die Treue, als er mangels Ukw-Frequenzen nur über Satellit und auf Mittelwelle zu empfangen war.

Von den Gesichtern des DDR-Fernsehens sind ebenfalls einige bis heute auf dem Bildschirm präsent. „Tagesschau“-Sprecher Jens Riewa begann bei der Jugendsendung „Elf99“, Maybrit Illner als Sportjournalistin. Und während Wolfgang Lippert in den 90ern eher glücklos bei „Wetten, dass..?“ agierte, hat sich eine Moderatorin, die 1989 vom Publikum zum DDR-Fernsehliebling gewählt worden war, seit vielen Jahren in der großen Samstagabend-Unterhaltung etabliert: Carmen Nebel.

Geteilter TV-Genuss

Das staatlich bestimmte Fernsehprogramm der DDR empfanden die meisten Bürger als wenig attraktiv. Spätestens in den 1980er-Jahren bekannten sich immer mehr Menschen dazu, westliche Programme anzuschauen. In West-Berlin wiederum gab es so manchen DDR-TV-Fan. Beliebt waren dort etwa die tschechischen Märchenfilme und Kindersendungen. Die DDR-Regionen, in denen kein Westfernsehen empfangen werden konnte, zum Beispiel der frühere Bezirk Dresden, wurden als „Tal der Ahnungslosen“ verspottet.

West vor Ost

Der regelmäßige Fernsehbetrieb in der Bundesrepublik startete am 25. Dezember 1952. Einen Tag später wurde die erste „Tagesschau“ ausgestrahlt. In der DDR sendete der Deutsche Fernsehfunk (DFF) vom 3. Januar 1956 an ein reguläres Programm. Farbfernsehen gab es vom 25. August 1967 an in West-, vom 3. Oktober 1969 an in Ostdeutschland.

Aus eins wird zwei

Im Westen nahm das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) am 1. April 1963 seinen Sendebetrieb auf. Der Osten ging 1969 mit einem zweiten Programm auf Sendung.  Am 11. Februar 1972 wurde aus dem DFF das Fernsehen der DDR.

Konkurrenz mischt mit

Von 1984 an gab es im Westen Kabelfernsehen. Der Privatsender RTL plus (später RTL) nahm seinen Sendebetrieb auf, ein Jahr später kam SAT.1 dazu. Im November 1986 startete das erste deutsche Bezahlfernsehen Teleclub, 1991 ging Premiere auf Sendung.

Das Aus für DDR-TV

Das Aus für das DDR-Fernsehen kam am 31. Dezember 1991. Mehr als ein Jahr nach dem Mauerfall stellte es sein Programm ein. Im Osten Deutschlands entstanden die regionalen Programme von MDR,  ORB und NDR.

 
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