DDr-Mode : Bettlaken-Blusen und „Boxer“

Blick in die Ausstellung „Guter Stoff. Kleidung im DDR-Alltag“ in der Humboldt-Universität in Berlin
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Blick in die Ausstellung „Guter Stoff. Kleidung im DDR-Alltag“ in der Humboldt-Universität in Berlin

Selbstgenähte Kleider oder die Kopie einer Levi’s prägten die DDR-Mode, die eine Ausstellung jetzt beleuchtet

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18. April 2015, 16:00 Uhr

Ein üppiges, schwarz-weißes Ballkleid, mit einem eng auf Taille geschnittenen Bustier und einem weit fallenden Rocksaum – gefertigt ist das Oberteil aus einem Duschvorhang, der Rock ist aus Erdbeerfolie. So sah Haute-Couture in der DDR aus. Hergestellt wurden die eigenwilligen Kreationen von der Künstlergruppe „CCD chic, charmant und dauerhaft“, die wie viele Kreative der DDR-Führung ein Dorn im Auge waren und von der Stasi deshalb ins Visier genommen wurden.

Modenschauen durften die CCD-Designer offiziell nicht veranstalten. Sie hielten ihre wilden Performances stattdessen in Kirchen ab, etwa der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg. Auf dem Catwalk im Gotteshaus spazierten dann schrille Models im Erdbeerfolien-Kleid oder männliche Punker mit extrem kurzen Paillettenröcken.

Solche Einblicke in die Modeszene der DDR und ihr Verhältnis zum SED-Staat gibt jetzt eine neue Ausstellung in der Humboldt-Universität zu Berlin, die zuerst in der Bundeshauptstadt und später in Wittenberg zu sehen ist. Unter dem Titel „Guter Stoff. Kleidung im DDR-Alltag“ werden Kleidung, Schuhe, Taschen, Fotos und Entwurfszeichnungen gezeigt. Erklärtexte geben Aufschluss über die Untergrund-Szene, die abseits der offiziellen DDR-Modelinie eine Art Parallelwelt bildet. Ein Jahr lang hatten acht Masterstudenten des HU-Instituts für Ethnologie zur Alltagskleidung in der DDR unter Leitung ihrer Professorin Sigrid Jacobeit und des Historikers Stefan Wolle gearbeitet.

Die nun erstellte Ausstellung zeigt sowohl bekannte, gut dokumentierte Aspekte, wie etwa die Modefotografie der Zeitschrift „Sybille“. Die Studenten sind aber auch Fragen nachgegangen, die bislang unerforscht blieben, wie etwa dem Leben von lesbischen Frauen in der DDR.

Offiziell versuchte die DDR-Führung auch den Modegeschmack der Ostdeutschen zu steuern. Ziel war es, sich vom kapitalistischen Westen auch äußerlich zu unterscheiden. Außerdem sollte sparsam produziert werden, weshalb in der DDR-Textilindustrie massenweise mit billigen Polyamidfasern statt teurer Baumwolle gearbeitet wurde. Im Westen wurde das Gewebe Nylon genannt und vor allem zur Herstellung von Damenstrümpfen genutzt. Im Osten war das Material als Dederon bekannt und wurde universell, also auch für Möbelstoffe, Herrenanzüge oder knallbunte Pullover genutzt.

Doch von dem reißfesten, aber schweißtreibenden Material waren viele DDR-Bürger ebenso wenig begeistert wie vom offiziellen Kleidungsstil, der durch das DDR-Modeinstitut vorgegeben werden sollte. Generationen von Ostdeutschen griffen deshalb selbst zu Nadel und Faden. „Es gab keine Familie in der DDR, die nicht irgendjemanden kannte, der nähen konnte“, sagt die Ethnologin Jacobeit.

Ein großer Bereich der Ausstellung widmet sich deshalb dem Thema „Selbstschneiderei in der DDR“. Vorgestellt werden Klassiker wie aus gefärbten Bettlaken geschneiderte Kleider. Die Ethnologie-Doktorandin Kristin Hahn kann dem Do-it-yourself-Prinzip aus dem Osten heute rückblickend sogar sehr viel abgewinnen: „Durch die Selbstschneiderei haben die Menschen in der DDR eine viel engere Beziehung und Wertschätzung zu dem Kleidungsstück aufgebaut, als das heute der Fall ist. Das selbstgenähte Kleid für die Konfirmation oder Jugendweihe blieb damit lebenslang ein besonderes Stück.“

Die Jeans als Politikum steht ebenfalls im Mittelpunkt der Ausstellung. Zunächst galt die Hose aus blauem Denim in der DDR als Zeichen für Rebellion und Amerikanisierung. In den 1960er-Jahren war sie komplett tabuisiert. „Es gab zwar kein Gesetz, dass das Tragen der Jeans in der DDR verbot. Aber Schüler, die welche anhatten, wurden zum Umziehen nach Hause geschickt“, sagt die 25-jährige Christina Claes.

In den 1970ern startete die volkseigene Jeans-Produktion mit Marken wie „Boxer“ oder „Wisent“. Doch die Popularität der kapitalistischen Westjeans blieb. So spezialisierten sich DDR-Näherinnen auf das Kopieren der westlichen Hosenmodelle. In den 1980er-Jahren fertigten unter anderem Vertragsarbeiterinnen aus Vietnam nach Dienstschluss für kleines Geld „Individual Levi’s“ für DDR-Bürger an.

Die originalen Erdbeerfolienkleider liegen mittlerweile als wertvolle historische Exponate im Depot des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Doch die jungen Ethnologie-Studenten sind überzeugt, dass es viele eigenwillige DDR-Modekreationen zu entdecken gibt. Mit Hilfe der Ausstellung suchen sie Privatpersonen, die ihre Schränke nach den rar gewordenen Klamotten durchforsten und den Forschern für weitere Arbeiten zur Verfügung stellen.

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