Mindestens 80 Tote : Autobombe explodiert nahe deutscher Botschaft in Kabul

Sicherheitskräfte untersuchen am 31. Mai in Kabul (Afghanistan) nach einem Autobombenanschlag den Anschlagsort nahe der deutschen Botschaft.
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Sicherheitskräfte untersuchen am 31. Mai in Kabul (Afghanistan) nach einem Autobombenanschlag den Anschlagsort nahe der deutschen Botschaft.

Eine Autobombe explodiert im Diplomatenviertel in Afghanistan. Die blutige Bilanz: Mindestens 80 Tote. Auch Bedienstete der Botschaft werden verletzt. Waren es einmal wieder Terroristen des Islamischen Staats?

svz.de von
31. Mai 2017, 07:27 Uhr

Bei einem verheerenden Bombenanschlag in unmittelbarer Nähe der deutschen Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul sind mindestens 80 Menschen getötet worden. Rund 350 weitere wurden verletzt, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, Ismail Kawusi, am Mittwoch sagte. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, auch ein afghanischer Wächter der deutschen Botschaft sei umgekommen, zudem seien mehrere Bedienstete verletzt worden. Das Hauptgebäude der Botschaft im schwer gesicherten Diplomaten- und Regierungsviertel wurde massiv beschädigt. Wie Fotos zeigen, sprengte die Explosion unter anderem Dutzende Fensterscheiben heraus.

Hintergrund: Kabul - eine schwer zu sichernde Metropole mit vielen Zentren

Kabul ist das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Afghanistans und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Seit der militärischen Intervention der Sowjetunion (1979 bis 1989) hat sich die Bevölkerung Kabuls vor allem durch den Zustrom von Binnenflüchtlingen vervielfacht. Nach Angaben des Statistikamtes liegt die Zahl der Einwohner heute bei knapp vier Millionen, der größte Teil von ihnen lebt in Notunterkünften.

Kabul hat mehrere Zentren. Das politische Zentrum ist das mittig gelegene Diplomaten- und Regierungsviertel der Stadt. Dort liegen die meisten Ministerien und der Präsidentenpalast, aber auch die Hauptquartier westlicher Institutionen wie das Nato-Hauptquartier, viele Botschaften oder die EU-Zentrale. Die Gegend ist gesichert mit Hunderten von meterdicken Sprengschutzwänden, rollbaren Stacheldrahtbarrieren und Sicherheitsposten. Die Posten sollen einen sogenannten „stählernen Ring (Ring of Steel) bilden - der wird wegen seiner Durchlässigkeit aber oft verspottet.

Dass die Gegend schwer zu sichern ist, liegt teilweise am massiven Verkehr, der sich in dieser Gegend, das auch eines der ökonomischen Zentren von Kabul ist, durch nur wenige Hauptstraßen quälen muss.

Dort herrscht fast immer Stau. Für manche Straßen in dieser Gegend braucht man Zugangspässe. Tausende Menschen sind deswegen auch zu Fuß unterwegs, um ihre Arbeitsstellen in Büros, Botschaften oder Ministerien zu erreichen. Hier gibt es regelmäßig schwere Anschläge.

Ein weiteres politisches Zentrum liegt im Südwesten, um das Parlament herum. Auch hier gibt es viele Anschläge, vor allem entlang der Darulaman-Prachtstraße.

Ein ökonomisches Zentrum ist das Basarviertel der Stadt im Süden am Kabul-Fluss entlang. Hier sind sehr viel weniger Sicherheitskräfte unterwegs. Viele Gebäude sehen noch aus wie unmittelbar nach dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren: zerschossen und zerfallen.

 

Zunächst bekannte sich keine Gruppe zu dem Autobombenanschlag. Die radikalislamischen Taliban ließen aber verlauten, sie seien es nicht gewesen. Ähnliche Anschläge hatte zuletzt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für sich reklamiert.

Der Sprecher des Innenministeriums, Nadschib Danisch, sagte, der oder die Attentäter könnten einen schwarzen Tanklastwagen für Wasser mit Sprengstoff befüllt haben. „Aber weil die Explosion so schwer war, können wir das noch nicht mit Sicherheit sagen. Vom Tanker ist kaum noch etwas übrig.“ Die Wucht der morgendlichen Explosion habe mindestens 50 Fahrzeuge zerstört.

Es ist der achte schwere Anschlag in Kabul seit Jahresbeginn. Dabei wurden Hunderte Menschen getötet oder verletzt.

Der ursprünglich für diesen Mittwoch geplante Flug zur Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan wird nach dem verheerenden Anschlag in Kabul verschoben. Hintergrund seien organisatorische Fragen. „Es ist keine Veränderung der generellen Linie, sondern es ist eine Entscheidung, die den Umständen des heutigen Tages geschuldet ist“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Auch die französische Botschaft wurde beschädigt. „Wir sind dabei, die Nationalität der Opfer und das Ausmaß der materiellen Schäden zu überprüfen“, erklärte der Sprecher des Außenministerium in Paris.

In dem massiv beschädigten Hauptgebäude der deutschen Botschaft, das hinter einer Mauer zur Straße liegt, haben auch der Botschafter und sein Stellvertreter ihre Büros. Mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraute Quellen sagen, es sei geplant gewesen, den Schutz zu verstärken und Büros weiter in andere Gebäude im Inneren des Geländes zu verlegen. Man habe sich in diesem Haus an einer belebten Straßenecke exponiert gefühlt. Bilder zeigten ausgebrannte Autowracks und eine stark beschädigte Außenmauer der Botschaft.

Im Winter war bei einem ähnlichen Angriff das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan schwer beschädigt worden. Die Konsulatsmitarbeiter arbeiten nun aus dem deutschen Militärlager heraus.

Nach Angaben des Innenministeriums detonierte die Bombe an einer viel befahrenen Straße zwischen der deutschen Botschaft und einem Sicherheitsposten am Sanbak-Platz. Die Straße ist eng und wird an beiden Seiten von hohen Sprengschutzmauern begrenzt.

Was das Ziel war, blieb zunächst unklar. Aus einer Stellungnahme der Nato-Mission Resolute Support scheint hervorzugehen, dass afghanische Sicherheitskräfte verhindert haben, dass das Fahrzeug in eine gesicherte Zone Richtung Nato-Hauptquartier und Präsidentenpalast eindringen konnte.

In den Vierteln liegen aber auch viele andere Botschaften und afghanische Ministerien. Tausende Mitarbeiter dieser Ministerien, von Botschaften und anderen Büros waren zur Zeit der Explosion gegen 8.30 Uhr (Ortszeit) auf dem Weg zur Arbeit.

Ein Hauptquartier von Afghanistans größter Telekommunikationsfirma Roshan liegt ebenfalls sehr nahe dem Anschlagsort. Der Sender Tolo TV meldete, viele der Opfer seien Roshan-Mitarbeiter.

Die Nato-Mission Resolute Support ließ verlauten, man sei dabei zu überprüfen, wie es allen Nato-Mitarbeitern gehe. Afghanische Medien berichteten, es seien nun ausländische Soldaten am Ort der Explosion.

Deutschland will am Mittwochabend wieder abgelehnte afghanische Asylbewerber zurück nach Kabul schicken. Die deutsche Bundesregierung beschreibt Kabul oft als sicher.

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