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Pfingsten : Auf der Suche nach dem Heiligen Geist

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie eine erschöpfte Gesellschaft zum Opfer gewinnorientierter Heilsverkünder wird – und wie Pfingsten sie retten kann.

Was feiern wir eigentlich zu Pfingsten? „Weiß nicht“, heißt es oft auf diese Frage. Dabei ist die Entsendung des Heiligen Geistes eines der christlichen Hochfeste, der offizielle Abschluss der Osterzeit. Das Lukas-Evangelium schreibt dazu, Gottes Geist werde als „Kraft aus der Höhe“ herabkommen.
Tatsächlich sind Millionen Menschen auf der Suche nach dieser Kraft, die dem Leben Sicherheit und Sinn geben soll – und zwar einen anderen als den, für den sie bisher geschult, ausgebildet und im Beruf bezahlt worden sind. Das Streben nach Leistung, nach Erfolg, gesellschaftlichem Ansehen und Reichtum stößt, so scheint es, an seine Grenzen.

Die jahrzehntelange Jagd an der Oberfläche des schönen Scheins hat uns weit gebracht: Laut einer Reihenuntersuchung im Auftrag des Gesundheitsministeriums erreichte die Zahl der Krankschreibungen wegen Depressionen im Erhebungsjahr 2012 einen nie da gewesenen Höchststand. Millionen Menschen litten an Schlaf- und Angststörungen, Tendenz steigend. Die Menge der verordneten Antidepressiva verdoppelte sich im vergangenen Jahrzehnt. Bis zu fünf Millionen Beschäftigte nehmen verschreibungspflichtige Medikamente, ohne krank zu sein, sagt eine offizielle Schätzung der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Die Pillen sollen das geistige Leistungsvermögen steigern. „Länger durchhalten“ war und ist die Divise. „Hirndoping“ sorge für mehr „Output“ und Effektivität im Arbeitsleben, meint wer so etwas konsumiert. Tatsächlich führt dieser Weg zumeist direkt in die Überforderung, verbunden mit den genannten Krankheiten, mit Depressionen, Angststörungen oder Süchten. Und in der Schule entwickelt sich schon ein ähnliches Bild: Immer mehr Kinder leiden unter so starken Erschöpfungszuständen, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinikum Eppendorf spricht von „alarmierenden Symptomen“. Eine erschöpfte Gesellschaft produziere erschöpfte Kinder. Es entwickle sich ein bisher im Kinder- und Jugendalter unbekanntes Krankheitsbild.

In der Krise angekommen, ist guter Rat teuer – und zwar sprichwörtlich. Das Geschäft rund um Burnout und Sinnfragen boomt. In der Welt selbst ernannter Heilsbringer raten Versicherer zum Abschluss von Berufsunfähigkeits-Policen.

„Wenn Seele oder Körper streiken“ drohe die Arbeitslosigkeit, werben sie – der Verlust all des Reichtums, der Anerkennung, der Statussymbole, für die zu kämpfen wir gelernt haben. Regelmäßige Fitnesseinheiten sollen deshalb unsere Arbeitskraft erhalten, suggeriert die Wellness- und Sportindustrie und verweist auf passende Angebote für die leidende Masse in allen Preisklassen. Individualisten finden sich in Schweigeseminaren, bei körperlicher Arbeit auf Schiffen oder Bauernhöfen, vielleicht auch in der „entschleunigenden “ Einsamkeit einer angeblich unberührten Natur wieder – soweit sie sich die angepriesene Kargheit leisten können. Andere stecken ihr Geld in Unternehmen, die Glaubens-Lehren zweifelhafter Gurus verbreiten.

Wer es handfester mag und Zuhause darben muss, kann auf den boomenden Markt für Ratgeberliteratur vertrauen oder einfach den Fernseher anstellen, denn auch TV-Produzenten haben den Markt der Erschöpften und Hilfesuchenden entdeckt. Fitness-, Ratgeber- und Astro-Shows sind alte Hüte.

Der Trend geht zum Slow TV, das aus Norwegen nach Deutschland schwappt. Ausgerechnet der öffentlich-rechtliche Bildungskanal ARD Alpha hat es im Osterprogramm vorgemacht: Er zeigte – günstig produziert – eine Cellobauerin in ihrer Werkstatt. Geteilter Bildschirm, vier Perspektiven, einfach so, keine Kommentare, Bildschnitte, Musik. Ähnliches gab es früher schon: Wellen, die an den Strand plätscherten, und Eisenbahnen, die durch idyllische Landschaften stampften – damals allerdings nach Sendeschluss.

Was gibt uns die Kraft zu leben? Oder: Was hindert uns daran, rauszugehen in die wirkliche Natur, an den echten Strand? Wieso besuchen wir die Cellobauerin nicht persönlich? Wo ist der Heilige Geist in unserer „schönen, neuen Welt“, die der Vision des bereits 1963 gestorbenen Autoren Aldous Huxley so erschreckend nah kommt? Religion, Kunst, Liebe und Familie, freies Denken und Emotionen gelten darin als überflüssig. Glückspillen sollen Zufriedenheit bringen. Sind wir in unserer gesellschaftlichen Entwicklung wirklich so berechenbar? Nicht, wenn wir an das Pfingstwunder glauben. Wie ein heftiger Sturm habe der Heilige Geist das ganze Haus erfüllt, berichten die Apostel. Den Jüngern erschienen „Zungen wie von Feuer, die sich verteilten. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“.

Was für ein Chaos. Wo war damals das Bedürfnis nach Sin und Sicherheit im Leben? Die fröhlichen Jünger hatten es offenbar nicht. Für sie zählte das Erlebnis ihrer individuellen Stärke, ihrer eigenen Sprache. Übersetzt für uns Menschen einer moderne Welt könnte ihre Pfingstbotschaft lauten: Vertraue Dir selbst, der Sprache Deines Geistes, Deiner Emotionen, Deinem Bauchgefühl und Deiner Kreativität. Genieße diesen Reichtum, den Du hast, und gehe mit ihm auf andere Menschen zu. Sich selbst zu vertrauen , ist eigentlich einfach und kostet nicht einmal Geld.

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