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Auswanderermuseum Zeitgeschichte im Meeresbahnhof

Von Redaktion svz.de | 08.08.2015, 16:00 Uhr

Unfreiheit, Not oder die Suche nach dem großen Glück trieben sie einst fort: Kürzlich eröffnete in Gdynia Polens erstes Auswanderermuseum.

Zbiegniew Brzezinski bestimmte einst die Geschicke der amerikanischen Außenpolitik mit – in den Jahren 1977 bis 1981 war er Sicherheitsberater des damaligen Präsidenten Jimmy Carter. Bis heute arbeitet Brzezinski als Politikprofessor, hat sich als Buchautor einen Namen gemacht und berät Unternehmen. Geboren wurde er 1928 in der polnischen Hauptstadt Warschau. Doch bereits mit zehn Jahren verließ Brzezinski das Land. Der Weg in die neue Welt führte den damals Zehnjährigen über den „Meeresbahnhof“ in der Hafenstadt Gdynia. Tausende taten es Brzezinski gleich.

Auswanderung gehört genauso zur polnischen Geschichte wie in den Nachbarländern. Doch im Gegensatz etwa zu Deutschland hatten die Menschen bislang keine Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist seit Kurzem anders: Am 16. Mai hat Polens erstes und bislang einziges Auswanderermuseum seine Türen geöffnet. Es befindet sich im ehemaligen „Meeresbahnhof“. Dort, im Herzen des Hafengebietes, haben die Besucher die Möglichkeit, sich auf rund 3600 Quadratmetern Ausstellungsfläche einem für sie fast unbekannten Thema zu nähern.

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen, tun sie dies nicht immer freiwillig. Entweder treibt sie die Unfreiheit oder die schiere wirtschaftliche Not fort. Dies traf aber nur zu einem Teil auf die Polen zu, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs ihrem Land den Rücken kehrten. Viele waren Glücksritter, die die Aussicht auf Reichtum in die Ferne zog. USA, Kanada, Australien und Argentinien hießen die Ziele. Weltweit gibt es heute 20 Millionen Menschen mit polnischen Wurzeln.

Wer sich dort niederlassen wollte, ging mit den guten Wünschen der zweiten Republik. Deren Führung betrachtete die Auswanderer nicht etwa als Vaterlandsverräter, sondern vielmehr als Botschafter Polens. Davon künden zwei riesige Bronzetafeln mit den Konterfeis von Józef Pilsudski und Ignacy Moscicki. Pilsudski war Marshall und so etwas wie die graue Eminenz Polens, Mosicki bis 1935 gewählter Präsident.

Von der Sicht auf das Thema zeugt aber insbesondere die Imposanz des „Meeresbahnhofs“. Der Komplex entstand Anfang der 1930er Jahre im Bauhaus-Stil, die Eröffnung war 1933. Ab sofort konnten die Auswanderer mit dem Zug vorfahren, gaben ihr Gepäck auf und bestiegen die bereitliegenden Schiffe der „Gdynia-Amerika-Linie“. Sie hießen „MS Batory“, „Stefan Batory“ oder „Pilsudski“.

Feuerzeuge, Aschenbecher, ein Stück Seife und ein Buch „in plain English for then new citizen“, auf Deutsch in einfachem Englisch für die neuen Mitbürger, sind zum Beispiel in der Ausstellung zu sehen. Diese kleinen Teile sind genauso Schenkungen und Spenden von Menschen, die ihre Heimat einst verlassen haben. Nachdem das Projekt Auswanderermuseum mit einem Vorlauf von immerhin fünf Jahren bekannt geworden war, meldeten sich Zeitzeugen und deren Nachkommen aus ganz Polen und der ganzen Welt.

Zu den wohl bekanntesten Unterstützern gehört Zbiegniew Brzezinski. Zur Eröffnung hat er dem Museum seine private Korrespondenz mit Papst Johannes Paul II. aus den Jahren von 1979 bis 1983 übergeben, darunter ein vom Papst handgeschriebener Brief vom 7. Juni 1980. Der gesamte Schriftverkehr ist jetzt Teil der Dauerausstellung. Aber auch die Exponate der vielen unbekannten Spender vermitteln einen Eindruck von der Zeit, als es von Gdynia in die weite Welt ging – so etwa das Etui für Fahrkarten und persönliche Papiere, gefertigt aus Leinen mit einer Aufschrift auf Deutsch, Russisch und Englisch. „Vor anderthalb Jahrhunderten, als wir jung waren, haben wir für die Großen und Kleinen bei Herrn Fluge Schiffskarten gekauft“, steht da.

Zu sehen sind indes nicht nur Exponate aus der Zeit der zweiten polnischen Republik. Auswanderung war, obwohl nicht mehr offizielle Politik, auch unter den Kommunisten ein Thema. Doch auch danach spielte es eine Rolle im Land. Denn insbesondere die wirtschaftlichen Aussichten waren düster. Allein seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union haben zwei Millionen Menschen das Land verlassen. Sie leben heute in Deutschland, Großbritannien oder den Niederlanden. Diese Menschen haben dem Museum ebenfalls zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt. Tomasz Rawenda ist einer von ihnen. Er ging als junger Mann nach Deutschland. Im Auswanderermuseum ist jetzt der erste Brief zu sehen, den er an seine Mutter und seinen Vater schrieb. Er beginnt mit den Worten „Liebe Eltern“. Der junge Tomasz lässt sie wissen, dass er für immer in Deutschland bleiben werde. Ebenfalls als bleibende Erinnerung hat Tomasz Rawenda dem Museum seinen damaligen Ausweis und seinen Pass geschenkt.

Auch Marek ist gebürtiger Pole. Er ging vor 26 Jahren nach Deutschland, ist aber eigens zur Museumseröffnung in die alte Heimat gekommen. „Die Ausstellung beeindruckt mich sehr“, sagt Marek. Er erinnert sich daran, wie er sich mit einem kleinen Fiat Polski mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern auf den Weg gen Westen machte. Heute aber würde Marek nicht mehr aus Polen fortgehen. „Hier hat sich vieles positiv verändert“, findet er, „doch meine Familie und ich haben in Deutschland Wurzeln geschlagen.“

Wer auswandert wie Marek, Tomasz Rawenda oder auch Zbiegniew Brzezinski, wird zwar in der Regel in der neuen Umgebung heimisch, behält aber die Erinnerung an die alte Heimat im Kopf und im Herzen. Davon kann Museumsarchivarin Olga Blumczynska ein Lied singen. Sie betreut nicht nur die vielen persönlichen Erinnerungsstücke, sondern sie hat im Vorfeld auch zahlreiche Gespräche mit den Spendern geführt. „Die Menschen kommen zu uns, um eine Art Rückschau auf ihr Leben zu halten“, sagt Blumczynska, „wir sprechen über die Abreise und über die ersten Monate nach der Ankunft im neuen Land.“ Das alles verlaufe sehr emotional. Auch sie selbst und ihre Kollegen rühre so manches Schicksal an, das in den Dokumenten der Zeitzeugen noch einmal lebendig wird.

Auch heute legen am Auswanderermuseum übrigens Schiffe an – nur eben keine mehr, die Menschen zu anderen Kontinenten bringen. Im 21. Jahrhundert sind es Kreuzfahrtschiffe, die für zahlende Touristen die Ostsee befahren. Ostseeliner und Migrationsgeschichte so nah zusammen, das sei gewollt, sagte Pressesprecherin Joanna Wojdylo im vergangenen Jahr bei einem Besuch deutscher Medienvertreter: „Dann haben die Touristen bei ihrem Landgang gleich eine interessante Sehenswürdigkeit, die sie besuchen können.“

Empfangen werden die Gäste übrigens von einem in Stein gemeißelten Denkmal für Józef Teodor Korzeniowski. Er verließ Polen im 19. Jahrhundert, wurde englischer Kapitän und Romancier und bescherte der Welt unter seinem neuen Namen Joseph Conrad literarische Werke wie Lord Jim, Nostromo und Herz der Finsternis.

Ulf Buschmann