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Historie War „Jack the Ripper“ ein Deutscher?

Von Christian Satorius | 29.08.2015, 08:00 Uhr

Der meistgefürchtete Serienmörder aller Zeiten tötete vor 127 Jahren, am 31. August 1888, zum ersten Mal. Ein britischer Kriminalist rollt den Fall neu auf.

In den frühen Morgenstunden des 31. August 1888 findet der Kutscher Charles Andrew Cross auf dem Weg zur Arbeit die Leiche der 43-jährigen Mary Ann Nichols. Sie ist das erste Opfer des wohl berüchtigtsten Serienmörders aller Zeiten: „Jack the Ripper“. Die „Bestie von Whitechapel“, wie ihn die Presse damals nannte, wird nie gefasst. Bis heute streiten die Experten über die Anzahl seiner Opfer. So uneinig sich die Ermittler aber damals wie heute auch sind, der wichtigste Hinweis auf den Täter findet sich gar nicht in England, sondern in Amerika – meint zumindest der britische Mordermittler Trevor Marriott, der den Fall heute neu aufrollt. Er ist sich sicher: Die „Bestie von Whitechapel“ hat mit dem Mord an Mary Jane Kelly am 9. November 1888 nicht, wie andere Kriminalisten meinen, von einem Tag auf den anderen aufgehört zu morden, nein, er hat weiter gemacht, und zwar auf einem anderen Kontinent, in den USA.

Der erfahrene britische Kriminalbeamte hat die letzten Jahre damit zugebracht, Polizeiakten zu studieren, historische Zeugenaussagen zu lesen und Beweisstücke zu sichten. In den alten Akten ist er dabei auf einen wichtigen Hinweis gestoßen: Am 1. September 1894 wird in New York City die 56-jährige Vermieterin Juliana Hoffman ermordet, und zwar auf die gleiche Weise, wie auch Jack the Ripper seine Opfer zurichtet – mit zahlreichen Stichen in den Unterleib und durchschnittener Kehle. Der Mörder wird allerdings vom Sohn des Opfers beobachtet und kann unmittelbar nach der Tat von einer aufgebrachten Menschenmenge gestellt und von der Polizei verhaftet werden: Es ist der deutsche Seemann Carl Ferdinand Feigenbaum.

In seiner Verhandlung tischt er dem Richter eine abenteuerliche Geschichte auf, die aber durch die Indizien und die Zeugenaussage des Sohnes Hoffmans eindeutig widerlegt werden kann. Feigenbaum wird am 27. April 1896 im amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing (US-Bundesstaat New York) auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Interessant wird dieser Fall für den Kriminalisten Trevor Marriott durch ein Interview, das Feigenbaums Anwalt William Sanford Lawton nach der Hinrichtung seines Mandanten der Presse gibt. Lawton bezichtigt darin seinen ehemaligen Mandanten, „Jack the Ripper“ zu sein: „Ich wette, wenn die Polizei die letzen Jahre Feigenbaums genauer untersuchen würde, führte die Spur geradewegs nach London, zu den Whitechapel-Morden.“

Als der britische Kriminalbeamte Marriott das erfährt, ist er sofort wie elektrisiert, und forscht in den Akten weiter nach. Zu seinem Erstaunen stößt er dabei auf eine Reihe von Ungereimtheiten und Widersprüchen, die die Theorie vom deutschen Seemann Jack the Ripper erhärten. Er findet heraus, dass Carl Ferdinand Feigenbaum gar nicht Carl Ferdinand Feigenbaum ist. Wahrscheinlich hieß er in Wahrheit Carl Zahn oder Zahm, vielleicht sogar Strohband mit Nachnamen. Auch der Beruf Gärtner, der in den Gefängnisakten angegeben ist, kann nicht stimmen, schließlich ist Feigenbaum zur See gefahren. Dann stößt er auf einen letzten Hinweis, der den erfahrenen Mordermittler überzeugt: „Feigenbaum passt perfekt ins Profil.“

In den Akten steht nämlich noch eine weitere Aussage von Feigenbaums Anwalt William Sanford Lawton, dem dieser sich vor seiner Hinrichtung anvertraut hat: „Er leide unter einem inneren krankhaften Zwang, jede Frau, die ihm in die Hände falle, ermorden und verstümmeln zu wollen.“ Mordermittler Marriott weiß: „Als Seemann wäre es ihm ein Leichtes gewesen, immer wieder unerkannt zu entfliehen.“ Also sucht Trevor Marriott die alten Unterlagen der Hafenbehörde heraus und entdeckt etwas Erstaunliches. Jedes Mal, wenn im Londoner East End im Herbst des Jahres 1888 eine Frau von „Jack the Ripper“ bestialisch ermordet wird, liegt nur wenige Minuten entfernt an den Docks ein deutsches Schiff vor Anker.

Seine Suche konzentriert sich schnell auf die Schiffe des Norddeutschen Lloyd aus Bremerhaven und schließlich auf ein Schiff namens „Reiher“. Der letzte Beweis aber, dass Carl Ferdinand Feigenbaum zur in Frage kommenden Zeit – unter welchem Namen auch immer – jedes Mal wirklich an Bord ist, fehlt Trevor Marriott bisher, „noch“ wie er sagt. Dennoch ist für den erfahrenen Kriminalisten klar: „Der deutsche Seemann Carl Feigenbaum ist Jack the Ripper. Nach seiner Hinrichtung hörten die Morde auf.“

So überzeugt Marriott von seiner Theorie auch ist, so umstritten ist sie doch bei anderen Fachleuten. Die Idee, dass Jack the Ripper ein Seemann sein könnte, ist nämlich nicht ganz neu. Scotland Yard hat auch damals schon Ermittler an die Docks geschickt, um die Theorie zu überprüfen. Der Zollbeamte Edward Larkin hat seinerzeit drei verdächtige Schiffe gemeldet – unter ihnen allerdings nicht die deutsche „Reiher.“

Dennoch ist auch Larkin damals schon davon überzeugt, dass Jack the Ripper unter den Seeleuten zu suchen sei. Den eigentlichen Todesstoß aber könnte Trevor Marriotts schöner Theorie vielleicht ein zeitgenössischer Zeitungsartikel der New York Times versetzen, in dem sich Feigenbaums zweiter Anwalt Hugh Owen Pentecost über die Theorie, Feigenbaum könnte die „Bestie von Whitechapel“ gewesen sein, äußert: „Ich möchte meinem Kollegen die Geschichte ja nicht verderben, aber mir ist rein gar nichts aufgefallen, was Feigenbaum mit Jack the Ripper in Verbindung bringen könnte.“