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Kinder in Äthopien : Armes Land, großes Tennis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der weiße Sport soll Kindern in Äthiopien helfen, sich aus der Armut zu befreien. Aber ist die Entwicklungshilfe auf dem Tennisplatz wirklich das, was das dürregeplagte Land am dringendsten braucht?

svz.de von
erstellt am 15.Jul.2017 | 10:00 Uhr

In Äthiopien träumen Millionen Jungen und Mädchen davon, der Armut davonzulaufen. Dass dies möglich ist, zeigte ihnen die äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie. 1973 als achtes von zehn Kindern einer armen Bauernfamilie geboren, beendete er seine Karriere 42 Jahre und 26 Weltrekorde später als einer der reichsten Äthiopier. Für Millionen ist der Läufer das Vorbild.

Doch jetzt macht auch eine andere Sportart Kindern im 15-ärmsten Land der Welt Hoffnung. Ausgerechnet Tennis, der Sport, den die britische Kolonialmacht nach Afrika brachte, soll sie aus der Armut führen. Unterstützt wird das ehrgeizige Projekt von deutschen Tennisspielern. Aber ist der weiße Sport wirklich das, was das Land, in dem gerade mal wieder eine Hungersnot droht, am dringendsten braucht?

„Komm, lauf, den kriegst du!“ Tariku Tesfaye quält Sara. Der Trainer schickt die Zwölfjährige an den äußeren rechten Spielfeldrand, der nächste Ball landet ganz links. „Los, Sara, schneller“. Tesfaye kennt keine Gnade. Dabei liebt der verschmitzt lächelnde Trainer die Kinder, die in der dünnen Luft der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba auf fast 3000 Metern Höhe den Bällen hinterherhetzen, so als wären sie seine eigenen. Wie jeder Vater möchte er für sie nur das Beste. Darum quält er sie. Tesfaye hat keine eigenen, dafür 75 „Tennis-Kinder“. Alle kommen aus besonders armen Familien, die meisten von ihnen haben bis vor einigen Jahren noch nie einen Tennisschläger gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten. In vielen der Jungen und Mädchen erkennt Tesfaye sich selbst.

Er war zehn Jahre alt, als er vor 28 Jahren in Addis Abeba auf einem Tennisplatz für die äthiopische Oberschicht und reiche Ausländer den Bällen hinterherrannte. Als Balljunge verdienten er und sein Bruder Desta ein paar Münzen und einige kleine Scheine, um sich Hefte, Stifte und Uniformen für die Schule leisten zu können. Wenn die Spieler verschnauften, durften Tariku und Desta ein paar Bälle über das Netz schlagen. Schnell bemerkten die Besitzer der Schläger das Talent der armen Brüder und unterstützten sie. Bald waren die Balljungen die besten Spieler im Verein, kurz darauf Nationalspieler.

„Weil wir gefördert wurden, haben wir gutes Geld verdient und etwas von der Welt gesehen. Deshalb wollten wir etwas zurückgeben“, sagt Tesfaye. Also zog er vor 15 Jahren mit seinem jüngeren Bruder, ein paar alten Tennisschlägern und Bällen das erste Mal in die zahlreichen Slums in der äthiopischen Hauptstadt und fragte die Kinder: „Wer hat Lust, Tennis zu spielen?“ „Wer hat Lust was zu spielen?“, fragten die Kinder, die die seltsamen Sportgeräte noch nie gesehen hatten, misstrauisch. Doch schon bald wählten die Brüder aus 120 Jungen und Mädchen die talentiertesten 20 aus. Mit ihnen trainierten sie eine Woche später das erste Mal auf dem Platz, auf dem sie 24 Jahre zuvor selbst die ersten Bälle getroffen hatte. Alle Kosten übernahmen zunächst Tariku und Desta Tesfaye.

Aber ist Tennistraining wirklich das, was äthiopische Slumkinder am dringendsten brauchen? „Natürlich nicht“, antwortet Tesfaye auf die Frage, die ihm nicht das erste Mal gestellt wird. „Und darum haben wir den Sport auch von Anfang an ganz eng mit der Schule verknüpft. Denn wir alle wissen: Nur mit Bildung kann Äthiopien die Armut überwinden. Dazu braucht es Disziplin, Durchhaltevermögen und den Glauben an sich selbst. Und diese Eigenschaften erlernen die Kinder beim Tennis“, sagt der 38-Jährige, der zusammen mit seinem Bruder die Hilfsorganisation mit dem sperrigen Namen „Tariku and Desta Kids ́ Education through Tennis Development Ethiopia“ (TDKET) gründete. Lauflegende Haile Gebrselassie wurde einer der ersten Unterstützer.

Die von TDKET unterstützten Kinder erhalten nicht nur kostenloses Training und eine warme Mahlzeit am Tag, auch alle Schulmaterialien werden bezahlt, einigen Schülern wird der Besuch weiterführender Privatschulen ermöglicht. Zudem bekommen die Kinder in einem mit Medaillen, Pokalen und Urkunden vollgestopften Raum neben den beiden Tennisplätzen Zusatzunterricht. „In Äthiopien gibt es unzählige Hilfsorganisationen. Viele geben den Kindern nur Essen. Wir geben ihnen neben Essen auch Bildung, Tennistraining und ein Ziel. Aber dafür fordern wir von ihnen auch viel ein“, sagt Tesfaye, der befürchtet, dass einige seiner Schützlinge ohne die Förderung auf dem Tennisplatz und in der Schule in Kriminalität und Prostitution abrutschen würden.

Während viele skrupellose Talentscouts in Südamerika und Afrika in der Hoffnung, mit der Entdeckung von Superstars reich zu werden, die Bildung der jungen Sportler vernachlässigen, steht bei Tariku die Schule noch vor dem Sport. Wenn die Leistungen dort einbrechen, werden die Kinder so lange vom Training ausgeschlossen, bis die Noten wieder stimmen. Nicht trainieren zu dürfen, ist für die Kinder die Höchststrafe, entsprechend strengen sie sich im Unterricht an. „Machen wir uns nichts vor: Auch wenn einige unserer Kinder eines Tages wohl besser sein werden, als ich es je war, ist es unwahrscheinlich, dass eines von ihnen in absehbarer Zeit Wimbledon gewinnt. Umso wichtiger ist es, dass sie in der Schule Erfolg haben“, sagt Tesfaye.

Dass schulischer und sportlicher Erfolg sich nicht ausschließen, stellt Gebre Yonas, der bislang erfolgreichste Teilnehmer des Tennisprojektes, unter Beweis. Dem Jungen aus einer extrem armen Familie gelang es mit Unterstützung des Tennisprojektes den besten Abschluss an einer englischsprachigen High-School in Addis Abeba zu machen. Mit einem Stipendium für herausragende Sportler studiert Yonas mittlerweile an einer amerikanischen Universität BWL und spielt für das College-Team Tennis.

„Yonas ist für mich ein großes Vorbild. Aber noch besser finde ich Serena Williams. Sie ist so selbstbewusst und diszipliniert. Ich möchte einmal so sein und so spielen wie sie“, sagt Sara, als sie nach dem Training wieder zu Atem gekommen ist. Serena Williams hat 23 Grand-Slam-Einzel-Turniere gewonnen. Sarah wurde ein Mal Erste bei den Ostafrika-Meisterschaften der unter ZwölfJährigen in Tansania und bei einem Jugendturnier in Nußloch bei Heidelberg.

Seit zehn Jahren unterstützt das fünf Kilometer von Boris Beckers Geburtsort Leimen entfernte Racket Center Nußloch TDKET und lädt jedes Jahr die besten Nachwuchsspieler ein. „Die Leistungsbereitschaft, die Disziplin und die Spielfreude der Kinder zeigen uns, dass Äthiopien und ganz Afrika gewaltiges Entwicklungspotential haben, wenn nur gute und faire Startbedingungen herrschen. Und Sara hat das Talent und den Ehrgeiz, eines Tages eine ganz Große zu werden“, sagt Racket Center-Chef Matthias Zimmermann.

„In meinem Land müssen die meisten Mädchen und Frauen den ganzen Tag im Haus und auf dem Feld schwer arbeiten. Ich darf nach Deutschland reisen und habe eine große Chance bekommen – und die möchte ich nutzen“, sagt das Mädchen. Sara würde ihrer Mutter gerne erzählen, was der deutsche Sportökonom über sie denkt. Doch das geht nicht. Ihre Mutter starb, als Sara vier Jahre alt war. Als das, was das kleine Feld hergab, nicht mehr für sie, ihre beiden Brüder und ihren Vater reichte, und es in der Hütte ohne fließend Wasser und Strom zu eng wurde, schickte ihr Vater Sara zu ihrem Onkel in ein Armenviertel in die eine Tagesreise entfernten Hauptstadt Addis Abeba.

Wäre dort eines Tages nicht zufällig Tariku Tesfaye mit den gelben Bällen und den seltsamen Schlägern vorbeigekommen, würde Sara wohl heute noch nicht wissen, wer Serena Williams ist. So träumt sie davon, die Amerikanerin irgendwann als Nummer eins der Weltrangliste zu beerben. Damit ihr Traum Wirklichkeit werden kann, wird sie sich morgen früh vor der Schule wieder von Tariku über den Tennisplatz hetzen lassen.

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