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25 Jahre Mauerfall : Als Kind in der Prager Botschaft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der damals zehnjährige David Altheide erlebte die Flucht 1989 als Abenteuer

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Noch heute bekommt David Altheide Gänsehaut, wenn er an den 30. September 1989 in der Prager Botschaft denkt. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündete den Tausenden DDR-Flüchtlingen, dass alles gut werde. Vom spärlich beleuchteten Balkon sprach er den berühmten Satz, der in einem Jubelsturm unterging: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“

Für David Altheide, als Kind damals mit seiner Mutter und seiner Halbschwester (8) in der Prager Botschaft, ändert sich nach diesem historischen Tag das Leben grundlegend. Es geht von Ost nach West. Doch bis dahin vergehen Tage der Ungewissheit. „Die Erinnerungen daran sind auch 25 Jahre danach noch präsent. Die Flucht wirkte auf uns Kinder wie ein großes Abenteuer.“

Zunächst ist aber von Flucht nicht die Rede. Die Familie fährt von Gera mit dem Zug nach Prag. Die Eltern trichtern den Kindern ein: Es geht nur zu Verwandten. „Als Gastgeschenk hatten wir eine Flasche Pfefferminzlikör im Gepäck“, erinnert sich Altheide. Die Fahrt verläuft ängstlich. „Bei der Grenzkontrolle haben Uniformierte Leute aus dem Zug gezerrt. Bei uns ging aber alles glatt. Meine Eltern waren sichtlich erleichtert.“

In Prag angekommen, weisen Passanten den Weg zur Botschaft. Frauen und Kinder dürfen rein, Altheides Vater muss sich vor der Botschaft allein durchschlagen. „Ich erinnere mich noch an die enorme Hektik, die vor der Botschaft herrschte. Es hieß auch, Stasi-Spitzel hätten sich unters Volk gemischt.“ In der Botschaft bekommt Altheides Familie Platz im Matratzenlager im Keller. Und dort merkt er auch erstmals, wie der Westen schmeckt. „Dort stand eine Palette mit Joghurt, Pfirsich-Maracuja, mit Fruchtstücken. So guten Joghurt hatte ich noch nie gegessen. Ich habe es bis zum Abwinken genossen“, erzählt er.

Doch er erinnert sich auch an die Enge. „Jeder Winkel des Gebäudes und Gartens wurde ausgenutzt. Die Menschen lagen selbst auf Treppen. Wer zur Toilette musste, musste eine Stunde anstehen.“ Um Platz zu gewinnen, wurden Kinder quer in die Feldbetten gelegt, wie die damalige Einsatzleiterin des DRK, Waltraud Schröder, berichtet.

Für die Kinder sei die Enge besonders schwer gewesen. Schröder: „Diese großen Menschen und dazwischen die kleinen Kinder, die eigentlich gar nicht wussten, was mit ihnen passiert.“ Nirgends sei Platz zum Spielen gewesen, die Eltern hätten teils hilflos gewirkt. „Dann war das Hauptproblem, die Kinder zu beschäftigen“, sagt Schröder. Rotkreuz-Helferinnen machten mit Körbchen voll Spielzeug und Süßigkeiten die Runden.

Am 30. September wird es dann unruhig auf dem Botschaftsgelände. „Alle sind in den Garten geströmt. Als Genschers bekannter Satz fiel, war es wie bei einem gigantischen Torjubel, die Menschen lagen sich in den Armen“, erinnert sich Altheide.

Das Wechselbad der Gefühle geht aber weiter. Angst überkommt die Menschen, als klar ist, dass die Ausreise per Zug durch die DDR führen soll. „Es spielten sich dramatische Szenen ab. Am Dresdner Hauptbahnhof wollten Leute auf den Zug aufspringen“, berichtet er.

Erleichterung macht sich breit, als der Zug die bundesdeutsche Grenze passiert und Riesenjubel, als die Fahrt im bayerischen Hof endet. „Leute reichten uns Bananen und Schokolade. Die Stimmung war ausgelassen wie im Karnevalszug.“ Danach bekommt David aus einer Kleiderkammer frische Klamotten. Es geht weiter ins Auffanglager im hessischen Alsfeld. Dort macht er beim Frühstück Bekanntschaft mit einer unbekannten Frucht. „Wir wurden aufgeklärt, wie man eine Kiwi isst – komische Situation.“

Der Familie bringt das Leben im Westen allerdings kein Happy End. Die Eltern trennen sich. Altheide hat mittlerweile selbst zwei Kinder, arbeitet als Großhandelskaufmann in Fulda und wohnt im hessischen Rasdorf. In einem Ort, an dem früher der Eiserne Vorhang verlief. Die deutsche Teilung und Wiedervereinigung sind für ihn auch heute noch wichtige Themen. Er arbeitet seit dem Jahr 2007 als Gästeführer an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Rasdorf und Geisa (Thüringen). Er sagt: „Je älter ich werde, desto mehr erinnere ich mich an früher und setze ich mich mit der Vergangenheit auseinander.“

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