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Panorama

24. November 2017 | 18:05 Uhr

Spenden : Alles Gute zum Fest!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Über die Weihnachtstage beruhigt mancher sein schlechtes Gewissen, dabei gibt es viele Möglichkeiten zu helfen. Nicht nur mit Geld.

Glühwein trinken, uns lustige Plüschrentiergeweihe aufsetzen, Tischsets ‚total süß!’ finden, auf denen Weihnachtstrolle Purzelbaum schlagen und andächtig Liedern lauschen, für die sich selbst Helene Fischer zu erwachsen fühlen würde – Weihnachten tun wir lauter Dinge, von denen wir den Rest des Jahres entschieden Abstand nehmen. Wir geben sogar Geld aus für Leute, von denen wir uns weiter nichts erwarten. Nicht mal ein Gegengeschenk. Einfach weil Weihnachten ist. Nie sind Deutschen so großzügig wie jetzt, nie wird so viel gespendet und nie fühlen wir uns der schönen Idee so verpflichtet, dass Geben seliger ist denn Nehmen. Vielleicht liegt es an der Vorstellung, dass man später mal vor Petrus Tor mit ein paar Spendenquittungen in der Hand winkend dereinst zügig in Richtung Paradies an den Nichtspendern vorbeiziehen darf. Möglicherweise geht einem der Gedanke, dass es anderen sehr viel schlechter geht, dann besonders nahe, wenn man selbst bloß das eine Probleme hat: Die Ausbeute eines einzigen Weihnachtsshopping-Samstag im Kofferraum des SUV zu verstauen. Jedenfalls lockern die Deutschen den Klammergriff um ihre Geldbörsen am liebsten im Dezember. Ein Drittel des jährlichen Spendenaufkommens von immerhin mehr als fünf Milliarden Euro fließt jetzt an die mehr als 500  000 eingetragenen Vereine und 18  000 privaten Stiftungen hierzulande.

Manchmal ist jedoch Geld gar nicht das Problem, wie von dem 85-jährigen Iren und ehemaligen Butler James Gray zu erfahren ist. Zehn Jahre lang saß er ganz allein unter seiner Tanne, ehe er 2013 eine Anzeige schaltete „Ich würde gern mit anderen Rentnern Weihnachten feiern.“ Zwar meldete sich zunächst nur eine ältere Dame, die wenig später ihre Zusage zurückzog. Aber die Medien wurden auf den einsamen Rentner aufmerksam. Er erzählte ihnen seine Geschichte und sie verbreiteten seine Sehnsucht nach Gesellschaft. Am Ende bekam er ganze Postsäcke voller Einladungen. Es gibt also viel zu tun, das mit eigentlich sehr wenig möglich gemacht werden kann. Einem der 1,6 Millionen Kinder in Deutschland, die von Armut betroffen sind, einen Herzenswunsch erfüllen und ein Geschenk beschaffen, dem Seniorenheim im Stadtteil einen Besuch abstatten und vielleicht jemand auf den Weihnachtsmarkt begleiten. Möglicherweise bekommt man sogar Lust, vom Saisonarbeiter zum Festangestellten des schönen Gedankens sozialen Engagements zu mutieren. Ganz eigennützig. „Wer andere glücklich macht, wird glücklich,“ schrieb schließlich schon der Schriftsteller Andre Gide. Heute bestätigen gleich mehrere Studien, wie wohl es unserer Seele tut, Gutes zu tun. Übrigens auch der Umwelt.

Ja, auch die kann gerade zu Weihnachten ein paar Streicheleinheiten sehr gut gebrauchen. Schließlich hat sie jahrzehntelang ausgerechnet zum Fest besonders viel einstecken müssen. Allein der Baum: Oft eine einzige Sondermülldeponie. All das Engelshaar, die Acrylkugeln, die farbigen Glaskugeln, innen mit Silber beschichtet oder das Lametta, aus Stanniol hergestellt. Das meiste hat eine ähnlich lange Halbwertzeit wie Uran. Da hilft es nichts, das Lametta jedes Jahr aufs Neue aufzubügeln und sich am Ende vielleicht sogar mit den Glitzerfäden beerdigen zu lassen. Spätestens, wenn der Friedhof in bester Innenstadtrandlage eines schönen Tages einem Supermarkt oder einem Fitness-Center weicht, wird wenigstens der Baumschmuck wieder auferstehen. Auch Kunstschnee verwandelt die Tanne in einen praktisch unkompostierbaren Umweltalbtraum. Ein Ziel, das sie allerdings auch allein erreicht hätte: In künstlichen Monokulturen gezüchtet und mit Pestiziden gegen Schädlinge und Pilze gespritzt. Und dann die Kerzen. Einmal abgesehen davon, dass sie mit ein Grund sind, weshalb 35 Prozent aller Löscheinsätze im Jahr auf die Adventszeit fallen – und sich nicht wenige wie weiland Maria und Josef ausgerechnet am 24. Dezember auf die Suche nach einer neuen Bleibe begeben müssen. So in mit bunten Billigparaffinprodukten bestückter Baum setzt auch ordentlich viele Giftstoffe frei. Alles Trübungsfaktoren, auf die wir heute gut verzichten können, weil es längst Alternativen gibt. Nein, nicht unbedingt der Plastikbaum. Der vermeidet zwar, dass jedes Jahr eine echte Tanne stirbt, aber bei der Menge an CO2, das Produktion und Transport in die Luft blasen, müsste man mit dem Kunstbaum mindestens 17 Mal Weihnachten feiern. Das ist länger als der und die Durchschnittsdeutsche miteinander verheiratet sind. Am Ende braucht man also doch wieder einen zweiten Plastikbaum. Besser also, man schafft sich jedes Jahr aufs neuen einen Ökoweihnachtsbaum an, der ohne chemische Keulen groß wurde, behängt ihn mit natürlichem Schmuck – etwa Nüssen, Lebkuchen, Strohsternen, Papierornamenten, zertifizierten Holz- und Tonfiguren, Zimtstangen an Stoffbändern oder Stoffschleifen. Das könnte mit echten Bienenwachskerzen auch olfaktorisch ein einziger Weihnachtsbaumtraum sein – allerdings nur dann, wenn man ausreichend Sicherheitsvorkehrungen trifft – damit am Ende nicht gleich das ganze Haus brennt. Wer aus dem Fest lieber keinen Abenteuerurlaub machen will und/oder keine Hausratversicherung hat, greift besser zu elektrischer Weihnachtsbeleuchtung mit Prüfzeichen (VDE, GS). Das ist auf jeden Fall die sicherste Wahl. Ganz Konsequente können außerdem noch ihre Öko-Geschenken mit Öko-Geschenkpapier einpacken und Öko-Leckereien servieren. Denn gerade zu Weihnachten ist die Richterskala des Grundguten nach oben offen. Und kaum je lassen sich die Aussichten, dereinst ins Paradies zu kommen, so deutlich verbessern.

Natürlich könnte man jetzt auch sagen: „Ich brauche das alles nicht. Ich sammele gerade an Weihnachten auch so ausreichend Karmapunkte, dass ich spätestens am 28. Dezember mein eigenes Nirwana eröffnen könnte. Ich habe Tante Inge oder Onkel Martin, Großmütter, Großväter, Schwiegereltern, Nichten, Neffen, Cousins und Cousinen, eine Frau, die die Wohnung in einen Deko-Albtraum verwandelt hat und Kinder, die sich über nichts wirklich freuen. Jedenfalls, wenn nicht wenigstens ein iMac oder das neuste iPhone unter der Tanne liegen. Ich tue also mehr als genug Gutes, in dem ich weder schreie, noch ausziehe, noch sage, wie mich dieses ganze Weihnachtsaffentheater nervt oder behaupte, unter einer Zimt-Allergie zu leiden, um eine längere Auszeit etwa auf den Kanaren zu rechtfertigen.“ In diesem Fall von aus-trainierter Weihnachtsallergie empfehle ich Ihnen die nächste und letzte Folge dieser Serie, in der es um die lieben Verwandten geht, um die Frage, wie man all die unterschiedlichen Erwartungen an ein schönes Fest unter ein- und dieselbe Tanne bekommt.






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