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EM der Tramfahrer : Abgefahrenes Kegelturnier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit Straßenbahnen Bowling spielen: Tramfahrer haben ihre eigene Europameisterschaft

Franka Sonntag ist nicht zimperlich. Mit Karacho lässt sie ihre Straßenbahn auf eine Bowlingkugel prallen. Schon beim ersten Versuch purzeln die Kegel ein paar Meter weiter um. Es ist ein erster Test auf der „Heimschiene“: Heue treffen sich Tramfahrer zu ihrer Europameisterschaft in Berlin. Der Wettbewerb zwischen 27 Teams aus 17 Ländern zählt zu den ungewöhnlichen Branchentreffen – neben Dresden, Leipzig, Frankfurt (Main) und Stuttgart gehen auch Mannschaften aus Rumänien, Portugal oder Teneriffa an den Start. Immer ein Lächeln im Gesicht. Das zählt Berlins Wettkampf-Kandidatin Franka Sonntag (50), dunkelblaue Uniform und Modelfigur, zu ihren Talenten. Seit den 80er Jahren steuert sie für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Straßenbahnen durch die Hauptstadt.

Lieblingsstrecken gibt es da nicht mehr, doch etwas anderes kann sie sich als Traumberuf auch nicht vorstellen. Franka Sonntag mag es nicht, wenn das Leben einfach so dahinplätschert. „Man muss auch mal was riskieren“, sagt sie. Da kommt eine Bowlingkugel auf der Schiene gerade recht.

Die BVG als Ausrichter der EM haben sich nach einem reichlich ramponierten Image inklusive Schuldenberg in den vergangenen Jahren in schwarze Zahlen zurückgefahren. Die Tram-EM ist auch Werbung für einen guten Zweck – für das oft eher langweilige Fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr. Organisator Wieland Stumpf, der sich das Ereignis 2012 in Dresden ausdachte, sieht das ungewöhnliche Turnier als Spiegel eines Trends: die Renaissance der Straßenbahn in vielen Städten Europas.

So geht es um mehr als Spaß und Geschicklichkeit, wenn die Teams aus Paris, Barcelona, Helsinki oder Florenz anrücken. Einen Tag lang haben die Fahrer Zeit, sich an Berlins mehr als drei Millionen Euro teure Niederflurbahnen zu gewöhnen. Dann erwartet die Teilnehmer auf dem Betriebshof im Stadtteil Lichtenberg ein Parcours aus bremsen, halten und rangieren. Bowlen ist die Spaßdisziplin. Ohne großes Risiko, denn die Kugel ist aus weichem Nylon.

Organisator Stumpf erinnert sich, wie bei bisherigen Wettkämpfen die Sprachen der Fahrer durcheinander schwirrten. „Aber alle haben irgendwie über Straßenbahnen geredet.“ Berlin gab als neue Hürde gemischte Teams vor – einen Mann und eine Frau. Für die Hauptstadt mit 20 Prozent Frauenanteil unter den 1100 Fahrern kein Problem. Für manche andere Länder schon.

Die Meisterschaft, zu der bis zu 25 000 Zuschauer erwartet werden, ist auch ein Lockangebot an mögliche neue Auszubildende. Tramfahrerin Sonntag kämpft also noch in einer anderen Disziplin: Vorbild.

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