Prozess Loveparade : „Aber da war kein Puls“ - Niederländer erlebte den Überlebenskampf

Eine Massenpanik brach bei der Loveparade 2010 aus.
Eine Massenpanik brach bei der Loveparade 2010 aus.

Niederländer sagt als erster ausländischer Zeuge im Loveparade-Prozess aus

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06. Februar 2018, 20:55 Uhr

Als er dachte, dass auch er jetzt stirbt, als er keine Kraft mehr hatte, sich nicht länger gegen das Gewicht der Körper über ihm stemmen konnte, deren Gliedmaßen ihm die Luft abdrückten, als alles Beißen und Drücken nicht mehr half, da hörte er diese Melodie: „Sweet Dreams“ von den Eurythmics. Dann habe er plötzlich Schuhe gesehen, sei mit Wasser bespritzt worden, und jemand habe versucht, ihn aus dem Stapel von Körpern zu ziehen.

Es ist absolut still im großen Saal des Düsseldorfer Kongresszentrums. Der 29-jährige Niederländer aus Zwolle berichtete heute im Loveparade-Prozess als erster ausländischer Zeuge so beklemmend von seinen eineinhalb Stunden Überlebenskampf, dass sogar seine Dolmetscherin unterbrechen muss, schluchzt und mit den Tränen kämpft.

Dabei hatte alles so gut angefangen, als er mit seinem Freund Jan-Willem an jenem Samstag nach Duisburg fuhr. Sie freuten sich auf das Spektakel. Doch dann sei es auf dem Weg zum Loveparade-Gelände voller und voller geworden. Schon vor der Schleuse, die dem Tunnel zum Gelände vorgeschaltet war, staute sich eine enorme Menschenmenge. Als ein Rettungswagen durchgelassen werden musste, sei er mit seinem Freund endlich in den Tunnel gelangt. Doch schon kurz nachdem er auf die berüchtigte Rampe abgebogen war, ging nichts mehr.

Die Menschenmenge habe ihn in Wellen nach rechts und links geschoben. Er habe den Boden unter den Füßen verloren, sei langsam nach hinten und zu Boden gedrückt worden.

Dann habe er plötzlich seinen Freund Jan-Willem wiedergesehen. Er habe direkt neben ihm auf dem Boden gelegen. Sein vorher hochrotes Gesicht sei blau angelaufen gewesen, die Augen quollen hervor. „Ich habe mehrmals an seinem Hals nach dem Puls gefühlt, aber da war keiner.“

Er selbst habe vor Schmerz geschrien, in die Gliedmaße gebissen, die ihn zu ersticken drohten, scheinbar alles vergebens. „Die ganze Zeit sah ich den toten Jan-Willem da liegen, habe an seine Familie gedacht.“ Zwei Feuerwehrleute hätten ihn schließlich geborgen. Er habe vor den Leichen gestanden, hyperventiliert und schließlich angefangen zu weinen. Als er nachschauen wollte, ob sein Freund vielleicht doch noch habe wiederbelebt werden können, habe ihn die Polizei zurückgehalten. Auf einer Polizeistation hätten die Beamten dann herumgewitzelt und sich über sein schlechtes Deutsch lustig gemacht. 15 Ärzte, Psychologen und Psychiater habe er seitdem konsultiert. Er leide an Depressionen.

Bei dem Unglück waren 21 Menschen erdrückt worden. Der Prozess gegen sechs Mitarbeiter der Stadt und vier Beschäftigte des Veranstalters hatte im Dezember begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung vor.

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