Kriminalstatistik : Mehr Schutz gefordert: Zehntausende Kinder Opfer von sexueller Gewalt

Zehntausende Kinder wurden im vergangenen Jahr Opfer sexueller Gewalt.
Zehntausende Kinder wurden im vergangenen Jahr Opfer sexueller Gewalt.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert, den Kinderschutz in jedem Bundesland zur Chefsache zu machen.

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06. Juni 2019, 19:40 Uhr

Berlin | Nach Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik hat die Gewalt gegen Kinder leicht abgenommen, dagegen stieg die Zahl der Kinder, die sexuell missbraucht wurden. So starben im vergangenen Jahr 136 Kinder an den Folgen von Gewalt, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch am Donnerstag in Berlin erklärte. Im Vorjahr seien es 143 gewesen. Fast 80 Prozent von ihnen seien zum Zeitpunkt des Todes jünger als sechs Jahre.

Sexueller Missbrauch steigt

In 98 Fällen sei es bei einem Tötungsversuch geblieben. Bei den Zahlen zu Misshandlungen sei ein leichter Rückgang von 4247 auf 4180 betroffene Kinder zu verzeichnen. Dagegen sei die Zahl der Kinder, die sexuell missbraucht wurden, gestiegen. Insgesamt seien 14.606 Kinder von sexueller Gewalt betroffen. Im Jahr 2017 waren es danach 13.539. Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fallzahlen zur Herstellung, zum Besitz und zur Verbreitung sogenannten kinderpornografischen Materials sind demnach von 6.512 auf 7.449 Fälle gestiegen.

"Wer wegschaut, macht sich mitschuldig!"

Münch forderte Verbesserungen bei der Vorratsdatenspeicherung. Vielen Hinweisen aus der USA habe die Kriminalpolizei in Deutschland nicht nachgehen können, weil etwa die IP-Adresse nicht mehr gespeichert gewesen sei. Da die meisten Taten im Umfeld der Kinder begangen würden, appellierte er dazu wachsam zu sein. Jeder, der auf strafbare Handlungen aufmerksam werde, solle nicht zögern und Strafanzeige erstatten, um das Leid der Kinder zu beenden. "Wer wegschaut, macht sich mitschuldig!", so Münch.

Holger Münch (r.), Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) und Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Foto:
dpa/Bernd von Jutrczenka
Holger Münch (r.), Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) und Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Foto:

Zu wenig Fachkräfte in Jugendämtern

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, rief dazu auf, "Kinder und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen". Ihr Recht auf Beteiligung müsse "wirklich umgesetzt werden". Die Koblenzer Pädagogin Kathinka Beckmann kritisierte, dass es in Einrichtungen und Jugendämter zu wenig Fachkräfte gebe. Das sei fahrlässig. Wer in Deutschland an ausreichend qualifiziertem Personal spare, "der begeht institutionelle Kindeswohlgefährdung".

Fall Lüdge ist erschreckend

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte mehr Maßnahmen zur Bekämpfung der sexuellen Gewalt. Die Fälle in Lüdge und Staufen zeigten "erschreckend deutlich, sexueller Kindesmissbrauch findet überall statt, auch unter den Augen eines ganzen Dorfes, über Jahre, vielleicht auch über Jahrzehnte". In beiden Orten waren über Jahre hinweg Kinder missbraucht worden.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
dpa/Bernd von Jutrczenka
Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Weiterlesen: Missbrauchsfall Lügde: 34-Jähriger in 162 Fällen angeklagt

Kinderschutz muss Chefsache sein

Rörig appellierte vor allem an die Länder, Landesmissbrauchsbeauftragte einzusetzen. Ziel müssten verbindliche und konkrete Maßnahmen zu Prävention und Intervention bei Missbrauch sein. Vor allem bei der Strafverfolgung von Cyberkriminalität gegen Kinder und Jugendliche müsse die Politik erheblich aufstocken. Zudem müsse die technische Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden verbessert werden. Kinderschutz müsse in jedem Bundesland Chefsache sein, so Rörig.

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