Gefahr in der Badesaison : "Land der Nichtschwimmer": Zahl tödlicher Unfälle in Deutschland steigt

Immer mehr Kinder in Deutschland können nicht schwimmen.
Immer mehr Kinder in Deutschland können nicht schwimmen.

Die Deutsche-Lebensretter-Gesellschaft (DLRG) kritisiert, dass vor allem immer mehr Kinder nicht schwimmen können.

svz.de von
11. Juni 2019, 18:39 Uhr

Hamburg | Es ist heiß in Deutschland, doch leider lässt der Sommer auch die Zahl der Badetoten in die Höhe schnellen. Vor allem am vergangenen Pfingstwochenende hat es in deutschen Gewässern erneut viele tödliche Unfälle in Gewässern gegeben. In einem Schwimmbad in Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen ertrank ein Zweijähriger, wie die Polizei mitteilte. Im baden-württembergischen Berglen stürzte ein kleiner Junge am Sonntag in einen Gartenteich. Er kam in ein Krankenhaus, verstarb dort jedoch.

Auch in Hamburg verunglückte ein Kind in einem Gewässer. Feuerwehrleute bargen einen Sechsjährigen aus einem Rückhaltebecken, in das er offenbar gestürzt war. Er wurde wiederbelebt und ebenfalls in ein Krankenhaus gebracht. Der Einsatz wurde ausgelöst, weil Zeugen den leblosen Vater des Jungen am Rande des Beckens entdeckten.

Zahl der Kinder, die nicht schwimmen können, steigt

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hatte kürzlich angesichts einer starken Zunahme tödlicher Badeunfälle bei Kindern und Jugendlichen den Erhalt von Schwimmbädern gefordert. Die Schließung von Bädern sei ein großes Problem, weil Gelegenheiten zum Schwimmenlernen verloren gingen. Deutschland drohe, zu einem Land der Nichtschwimmer zu werden, sagte DLRG-Präsident Achim Haag. Mit einer Online-Petition fordert die DLRG einen bundesweiten Masterplan zur Erhaltung der Bäder.

Achim Haag, Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Foto: dpa/Carmen Jaspersen
Achim Haag, Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Die Zahl der Schwimmbäder in Deutschland sei von 7800 im Jahr 2000 auf 6500 im Jahr 2017 und 6400 im vergangenen Jahr gesunken. 2019 schließen den Angaben zufolge voraussichtlich 70 weitere Bäder. "Wir müssen Bäder erhalten, Bäder bauen und nicht wegrationalisieren. Schließungen gehen zu Lasten der Wassersicherheit der Bevölkerung und bezahlbarer sozialer Angebote", sagte Haag bei der Vorlage des DLRG-Jahresberichts 2018.

Foto: dpa/Jens Büttner
Foto: dpa/Jens Büttner

20 bis 25 Prozent aller Grundschulen könnten inzwischen keinen Schwimmunterricht mehr anbieten, weil ihnen kein Bad mehr zur Verfügung stehe Studien zufolge soll die Zahl der Grundschüler, die nicht sicher schwimmen können, von 50 Prozent im Jahr 2010 auf 59 Prozent im Jahr 2017 gestiegen sein. Rund 60 Prozent der Zehnjährigen sind nach einer von der DLRG 2017 in Auftrag gegebenen Umfrage keine sicheren Schwimmer.

Baderegeln in 30 Sprachen übersetzt

Mindestens 504 Menschen kamen 2018 in Deutschland bei Badeunfällen ums Leben, wie die DLRG bereits vermeldet hat. Das waren 100 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen unter 20 Jahren stieg 2018 um 38 Prozent. Unter den 71 Todesopfern dieser Altersgruppe waren 26 Kinder im Vor- und Grundschulalter.

Besonders oft verunglückten beim Baden auch Asylbewerber. Im vergangenen Jahr starben 33 Flüchtlinge, nach 23 im Vorjahr. Fast alle waren Nichtschwimmer. Um Flüchtlingen die Gefahren des Wassers näher zu bringen, hat die DLRG die Baderegeln inzwischen in 30 Sprachen übersetzt. Im vergangenen Jahr haben DLRG-Helfer 974 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. Das waren erheblich mehr als 2017, als 756 Menschen gerettet wurden. Bei 64 Einsätzen mussten sie sogar ihr eigenes Leben riskieren, um die Opfer lebend an Land zu bringen. Die Zahl der Menschen, denen die Rettungsschwimmer zur Hilfe kommen, schwankt stark. Zu der hohen Zahl von über 92.000 Einsätzen im vergangenen Jahr trug auch der Hitzesommer bei. "In den Monaten Juli und August sind die Rettungseinsätze besonders in die Höhe geschnellt. Leichtsinn, Selbstüberschätzung oder Unkenntnis über die Gewässer waren die häufigsten Ursachen", sagte Haag.

Eltern vernachlässigen ihre Aufsichtspflicht

Um zu vermeiden, dass Kinder beim Baden tödlich verunglücken, sieht Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister, vor allem Eltern in der Pflicht.

In einem Interview mit unserer Redaktion sagt er im vergangenen Jahr, dass die Erziehungsberechtigten ihre Aufsichtspflicht immer mehr vernachlässigen würden. "Früher haben Eltern, Großeltern viel öfter zusammen mit den Kindern im Becken Zeit verbracht, um die Kleinen zu beschäftigen"

Heute sei vor allem das Smartphone zu einem riesigen Problem geworden. "Immer mehr Eltern schauen auf ihr Smartphone und nicht mehr nach links oder rechts – und schon gar nicht nach ihren Kindern. Heute hat man –ich sag es mal ganz krass – das Gefühl, dass die Kinder abgeschoben werden sollen, damit Mama und Papa ihre Ruhe haben."

"Melden Sie ihre Kinder in Schwimmkursen an!"

Harzheim appelliert: "Melden Sie Ihre Kinder in Schwimmkursen an! Kinder können das ab dem vierten oder fünften Lebensjahr. Wer mit den Kindern im Wasser ist, kann zudem auch zusammen mit ihnen Schwimmbewegungen üben." Kinder, die noch gar nicht schwimmen können, sollten aus Sicherheitsgründen auch außerhalb des Wassers Schwimmflügel tragen. "Falls sie dann mal vom Beckenrand ins Wasser fallen, gehen sie nicht sofort unter. Damit das alles erst gar nicht passiert, sollten Eltern ihr Smartphone im Freibad auch mal zur Seite legen und ihrer Aufsichtspflicht nachkommen."

Grafik: dpa-infografik GmbH
dpa-infografik GmbH
Grafik: dpa-infografik GmbH

Bei Gefahr: Rückenlage einnehmen, treiben lassen

Aber natürlich unterschätzen nicht nur Kinder die Gefahren beim Baden, sondern auch eigentlich sehr sichere Schwimmer können plötzlich die Kräfte verlassen. In solchen Fällen empfiehlt die DRK-Wasserwacht, sofort die Rückenlage einzunehmen und sich von der Strömung treiben zu lassen. Die Füße sollten dabei immer in Richtung Land zeigen, damit man das Ufer im Blick hat. So bekommt man Aufwind, und die Atemwege bleiben frei. Man sollte versuchen, in einem großen Bogen an Land zu kommen und nicht auf kürzestem Weg. Ab und zu rufen und winken kann helfen, auf sich aufmerksam zu machen. Ansonsten nur sparsam bewegen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen