Risiken, Kosten, Gefahren : So soll unter der Nordsee der größte CO2-Speicher der Welt enstehen

Mit einer Pipeline soll CO2 zu leeren Gasfeldern unter der Nordsee transportiert werden.
Mit einer Pipeline soll CO2 zu leeren Gasfeldern unter der Nordsee transportiert werden.

Leere Gasfelder in der Nordsee sollen eine neue Funkion bekommen. Wird auch die Ostsee zum CO2-Speicher?

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14. Mai 2019, 13:31 Uhr

Kiel | Was steckt hinter "Projekt Porthos"?

Hinter dem Projekt stehen der Hafenbetrieb Rotterdam mit zwei staatlichen Betrieben aus den Niederlanden: die Energiegesellschaft EBN und das Gasnetz-Unternehmen Gasunie. Sie wollen Leitungen zu zwei leeren Erdgasfeldern unter der Nordsee legen und dort das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid (CO2) lagern. (Weiterlesen: Kommt die CO2-Steuer für den Klimaschutz?)

Wie soll das funktionieren?

Bis zum Jahr 2026 soll zunächst eine Rohrleitung durch den Hafen Rotterdams gelegt werden. Die dort ansässigen Betriebe sollen ihren CO2-Ausstoß darüber entsorgen. Die Abgase sollen anschließend für den Transport über eine Pipeline aufbereitet und in die leeren Gasfelder gepumpt und gespeichert werden. Um das CO2 einzufangen werden Abgase einer Art chemischen Reinigung unterzogen; dabei wird das CO2 abgetrennt. Anschließend wird es komprimiert, bis es sich verflüssigt. In dieser Form wird das CO2 dann in Sandsteinformationen gepresst, wo es das dort gebundene Wasser verdrängt. Einen Anstieg des Meeresspiegels habe das laut Forschern nicht zur Folge, da das Wasser über eine breite Fläche und auch zur Seite entweichen kann.

CO2-Lager unter dem Meeresboden – ist das gefährlich?

Die leeren Gasfelder in der Nordsee liegen rund 20 Kilometer vor der niederländischen Küste und drei Kilometer unter dem Meeresboden. Die Böden bestehen aus porösem Sandstein und sind in den vergangenen Jahren mit mehr als 10.000 Bohrungen durchlöchert worden, um Öl und Gas zu fördern. An vielen dieser Bohrlöcher tritt Methangas aus, auch gelagertes CO2 könnte dort austreten. Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel haben mögliche Auswirkungen des CO2-Austritts untersucht. (Weiterlesen: Umweltminister wollen Kampagne gegen insektenfeindliche Steingärten)

Die Beobachtungen hätten bestätigt, dass Leckagen an Bohrlöchern die lokalen Ökosysteme in unmittelbarer Nähe des Bohrlochs beeinträchtigen können, zum Beispiel versauert die direkte Umgebung. Die Leckagen hätten jedoch "keine großen schädlichen Auswirkungen auf das Ökosystem der Nordsee". Das liege an der Strömung, die CO2 schnell und großflächig verteilt. Klaus Wallmann, Forscher am Geomar, sagte: "Wir kommen daher vorläufig zu dem Schluss, dass es möglich ist, CO2 sicher in Formationen unter dem Meeresboden zu speichern, wenn sich der Speicherort in einem Gebiet mit wenigen undichten Bohrlöchern befindet.“ Umweltschützer sehen das anders. Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace, sagte unserer Redaktion, das man die unterirdische CO2-Verpressung allgemein und das "Projekt Porthos" in der Nordsee im spezifischen ablehne. Die Technik sei "im Bereich der Abfallentsorgung" einzuordnen und nicht nachhaltig. Durch die dauerhafte Endlagerung von Millionen Tonnen CO2 entstünden neuartige Risiken, so Smid.

Wird auch die Ostsee zum CO2-Lager?

Chemiker Wallmann sagte unserer Redaktion, dass der Boden der Ostsee kaum als Lagerort für CO2 in Frage komme. Zum einen gäbe es dort weniger Speicherformationen als in der Nordsee, zum anderen sei die Ostsee ein stagnierendes Gewässer – dort fehlt also die Strömung, die an möglichen Leckagen Umweltschäden verhindert, indem sie austretendes CO2 schnell verteilt. (Weiterlesen: Angela Merkel will Weg zu Klimaneutralität 2050 finden)

Unterirdische CO2-Lagerung – ist das neu?

Nein, Norwegen speichert im Sleipner- und im Snøhvit-Gasfeld in der Barentssee bereits seit mehr als 20 Jahren CO2 unter dem Meeresboden. Pro Jahr laufen in Summe rund zwei Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid durch die Pipelines. Zum Vergleich: Die für "Projekt Porthos" geplante Pipeline soll bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 im Jahr transportieren. Zwischen 2000 und 2010 gab sechs ähnliche Pilotprojekte, deren Förderung die EU jedoch wegen zu hoher Kosten eingestellt hatte. Dank neuer Technik soll dieses Problem nun überwunden werden. Die Europäische Kommission hat bereits 6,5 Millionen Euro für Folgestudien zum "Projekt Porthos" bewilligt. Der aktuell größte unterirdische CO2-Speicher steht im US-Bundesstaat Texas. Dort fängt eine Anlage jährlich 1,4 Millionen Tonnen CO2 aus der Luft eines angeschlossenen Kohlekraftwerks.

Warum soll CO2 unter der Nordsee gespeichert werden?

Forscher weltweit sehen in der unterirdischen Speicherung von CO2 ein Mittel, um die Klimaziele von Paris erreichen zu können. Die Niederlande haben es sich als Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2030 um 49 Prozent zu reduzieren. Mark Saeys von Universität von Gent sagt der Zeitung "De Morgen", dass er sich eher Investitionen in erneuerbare Energien wünsche, doch man müsse realistisch blieben, und solange die Gesellschaft von fossilen Energieträgern abgängig sei, sei die unterirdische CO2-Lagerung ein wichtiger Hebel.

Was soll "Projekt Porthos" kosten?

Die Planer rechnen mit Kosten von rund 500 Millionen Euro. Ob "Projekt Porthos" Wirklichkeit wird, soll voraussichtlich Ende 2020 entschieden werden.

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