Erster von zwei Breivik-Filmen : „Utøya 22. Juli“ im Kino: Kindern beim Sterben zusehen

Utøya 22. Juli: Andrea Berntzen als Kaja. Foto: Weltkino/Agnete Brun
Utøya 22. Juli: Andrea Berntzen als Kaja. Foto: Weltkino/Agnete Brun

Gleich zwei Filme erzählen vom Breivik-Massaker. Poppes „Utøya 22. Juli“ kommt jetzt ins Kino, ein Netflix-Film folgt.

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20. September 2018, 15:44 Uhr

Berlin | Töten in Echtzeit: Erik Poppes „Utøya 22. Juli“ schildert die Morde des rechtsradikalen Anders Breivik in einer ungeschnittenen Sequenz.

"Utøya 22. Juli“: die Echtzeit-Morde

Am 22. Juli 2011 ermordete Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen, die meisten davon jugendliche Teilnehmer eines Zeltlagers. Mit „Utøya 22. Juli“ wagt sich der Norweger Erik Poppe an eine radikale Verfilmung des Massakers – bei der ausgerechnet der Wunsch, den Opfern gerecht zu werden, zu einem sehr zweifelhaften Ergebnis führt.

Poppe geht durchdacht an den Stoff heran: Das Drehbuch stützt sich auf Berichte der Überlebenden, die auch die Proben begleitet haben. Die Handlung beschränkt sich auf die Perspektive einer einzigen Figur, der 19-jährigen Kaja (Andrea Berntzen), deren Flucht über Utøya die Kamera begleitet. Eine schemenhafte Aufnahme ausgenommen, verzichtet Poppe komplett auf Bilder des Täters, um den Fokus von dessen Selbstinszenierung ganz auf die Opfer zu lenken. Der Film färbt die Stimmung nie durch Musik und hält der Realität bis in die Laufzeit die Treue: Genau wie das Massaker selbst dauert, nach einem kurzen Vorspiel, auch seine in einem Take gedrehte Reinszenierung 72 Minuten. (Breivik vor Gericht: das Urteil für den Massenmörder)

Fühlen was die Opfer fühlten?

Aus der Sorge, das Trauma auszubeuten, erlegt Erik Poppe sich also ein gewaltiges Set von Regeln auf. Damit erreicht sein Film eine unbestreitbar intensive Wirkung: Die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen, ihr Entsetzen über Tote, die sie bei der Flucht entdecken, die Angst um das eigene Leben und die Verzweiflung letzter Atemzüge: All das erlebt man hier extrem direkt. Aber natürlich – und zum Glück – fühlen wir im Kinosessel trotzdem nicht annähernd, was die sterbenden Kinder unter dem nicht endenden Beschuss gefühlt haben. Stattdessen erwischt man sich immer wieder dabei, die Handlung wie einen fiktionalen Survival-Horrorfilm zu verfolgen – als wäre Kaja das „final girl“ eines Genre-Films. In enormen ästhetischen Anstrengungen zielt Poppe auf eine völlig unmögliche Erlebnisperspektive. Und zahlt einen hohen Preis dafür: Den Kontext der Morde blendet er vollständig aus. Die Protagonisten wissen nicht, wer sie erschießt. Dass Breivik rechtsextrem ist, spielt für „Utøya 22. Juli“ also überhaupt keine Rolle.

Kein Mut zum Chaos

„Das wirst du nie verstehen“ – der erste Satz des Films ist zugleich ein Selbstkommentar: Poppe verwahrt sich gegen jede Sinnstiftung nach den Willkürmorden. Was das im besten Fall bedeuten kann, zeigt zumindest sein starker Trailer. Die Kamera fährt hier nur den niedergetrampelten Zeltplatz ab, auf dem die Handys vermisster Kinder klingeln. Der eigentliche Film hat weniger Mut zum Chaos und strukturiert die Geschichte vom Auftakt bis zum schrecklichen Ende über Kajas Suche nach ihrer Schwester. Das zufällige Sterben bekommt auf diese Weise doch noch eine Art tragischer Ordnung und Geschlossenheit.

„Utøya 22. Juli“ feierte auf der Berlinale Premiere. Eine zweite Bearbeitung des Stoffs lieferte in Venedig gerade der Brite Paul Greengrass, Regisseur der „Bourne“-Reihe und des 9/11-Thrillers „Flug 93“. Sein „22. Juli“ kombiniert, so viel lässt der Trailer erkennen, weniger experimentell die Perspektive der Opfer mit Sequenzen um Breivik und thematisiert auch die juristische Nachbereitung des Attentats. Warum Breivik 77 Menschen ermordet hat, wird man dabei vermutlich besser verstehen. Ab dem 10. Oktober ist „22. Juli“ auf Netflix verfügbar.

„Utøya 22. Juli“. N 2018. R: Erik Poppe. D: : Andrea Berntzen, Aleksander Holmen. 93 Minuten, ab 12 Jahren.

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