Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne : Urlaub mit Kind: Muss es jedes Mal zur Katastrophe werden?

Ich als Clown: Das Kind, das ich einmal war, gezeichnet von meinem eigenen Kind.
Ich als Clown: Das Kind, das ich einmal war, gezeichnet von meinem eigenen Kind.

Urlaubszeit, Katastrophenzeit: Unser Kolumnist erklärt, wieso ihm beim Reisen mit Kindern gar nichts passieren kann.

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23. September 2019, 13:43 Uhr

Berlin | In ihrem letzten Brief hat Corinna Berghahn gestanden, dass sie weniger cool ist als andere Eltern, und ihren ihren Kollegen gefragt: "Du warst im Urlaub mit den Kindern! Hast Du ein Katastrophenerlebnis zu berichten?" Dies ist seine Antwort und zugleich sein letzter Beitrag zu dieser Kolumne:

Liebe Corinna,

in unseren letzten Urlaubstagen haben wir das Reihenhaus einer Freundin genutzt. Ihre Kinder sind fast erwachsen. Und wie klein unsere noch sind, haben wir begriffen, sobald die Tür aufgeschlossen war: Wie blickten in die Wohnung wie in einen „Mission impossible“-Tresor, nur dass hier kein Geflecht aus Laserstrahlen im Weg war, sondern die Schläuche, Pumpen und Kabel einer komplexen Aquariumslandschaft.

Unsere Angst um das Überleben der Zierfische verließ uns erst wieder beim Tischdecken. Zumindest wurde die Panik dann überlagert von der noch dringlicheren Sorge um das Geschirr. Unsere Freunde besitzen einen Glasschrank voll herrlicher Sammeltassen und -teller mit Bilderbuch-Motiven. Jeder, mich eingeschlossen, wollte aus der schönsten Schüssel löffeln. Binnen Sekunden war das nur in Jahreseditionen vertriebene, vollkommen unersetzbare Service ein Epizentrum enthemmter Kämpfe. An jedem Teller rissen fünf Hände, die vom Reisehunger auch noch stark zitterten. Und was soll ich sagen? Wir haben nichts, aber auch gar nichts zerstört. Das Geschirr blieb bis zu unserer Abreise vollzählig, und der einzige Fischkadaver war schon vor unserer Ankunft tot. Wir haben mit Interesse verfolgt, wie die eigenen Artgenossen ihn vom Auge bis zum Gekröse aufgefressen haben.

Das alles nur als Antwort auf deine sensationslüsterne Frage nach Urlaubskatastrophen: Es gab keine, und das obwohl wir kein Risiko gescheut haben. Die erste Auslandsreise mit Kindern sind wir denkbar nachlässig angetreten: Dass unser Navi nur deutsche Karten hat, haben wir erst hinter der Grenze bemerkt. Dass Dänen gar nicht mit Euros zahlen, auch. An Kopenhagens ÖPNV-Tickets sind wir genauso oft gescheitert, wie wir allen Kontrollen glücklich entkommen sind. Und ernährt haben wir uns vorrangig von Hot Dogs und Bonbons, die nach Aussehen und Geruch auch Weichmacher-Spielzeug gewesen sein können. Trotzdem war unsere Konstitution stets stabiler als die jener Rucksack-Touristen, die vor dem Nationalmuseum über dem eigenen Erbrochenen eingeschlafen waren. Ein Anblick, nach dem uns die Urzeitbarbaren im Inneren nicht mehr beeindruckt haben.

Dänemark ist für mich ein Ort der absoluten Unverwundbarkeit. Ich habe hier schon Urlaub gemacht, als ich selbst noch fünf Jahre alt war. Und nie mehr habe ich mich so geborgen gefühlt wie damals, nach Stunden im Meer, zitternd in riesige Strandtücher gewickelt oder in das olivgrüne Shirt meines Vaters, in dem ich die Heide sicherer durchmaß als der unbesiegbare Wikinger in seinem Kettenhemd. Es gibt ein Foto davon. Ich muss es mir nur ansehen, um noch einmal alle Zweifel an der Welt zu verlieren. Neulich habe ich die Bilder wieder mal angesehen, zusammen mit meinen Söhnen. Der Ältere hat eins davon abgemalt, und die Zeichnung ist schöner als das Foto selbst. Mein Kind zeichnet das Kind, das ich selbst einmal war – das ist wie eine Zeitschleife, in der wir jetzt gegenseitig auf uns aufpassen und für immer zusammen und glücklich sind. Da siehst du, wie sicher wir reisen, sogar durch die Zeit. Uns kann nichts passieren.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Das war mein letzter Brief zum Thema „Vater, Mutter, Kind“. Willst Du weiterschreiben? Dann erzähl mir doch, auf welche Bannzauber und Schutzmaßnahmen du selbst schwörst?

Über die Elternkolumne

Vater, Mutter, Kind

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie einander das Herz aus.


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