Unfallfahrer im Gefängnis : Tragödie in Südtirol: Siebtes deutsches Todesopfer bestätigt

Sieben junge Deutsche wurden bei dem schrecklichen Unfall getötet.
Sieben junge Deutsche wurden bei dem schrecklichen Unfall getötet.

Sie waren in den Skiferien und kamen von der Disco zurück. Da rast ein Autofahrer in eine Gruppe deutscher Touristen.

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05. Januar 2020, 12:55 Uhr

Luttach | Die Zahl der Toten nach dem Unfall in Südtirol hat sich auf sieben erhöht. Das teilte die Polizei in Bozen am Montag mit. Nachdem ein Autofahrer am Sonntag in Luttach in eine Gruppe junger deutscher Urlauber gerast war, sei nun eine der verletzten Personen – eine Frau aus Deutschland – im Krankenhaus in Innsbruck in Österreich gestorben. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb schrieb, die Patientin sei am späten Nachmittag verschieden. Der zweite schwer verletzte Patient, der in Innsbruck behandelt wird, sei auf dem Weg der Besserung.

"Es wäre besser gewesen, ich wäre gestorben"

Der Südtiroler Unfallfahrer bereut nach Angaben seines Anwalts das tödliche Unglück. Alessandro Tonon sagte der Deutschen Presse-Agentur am Montag, der 27-Jährige sei sich bewusst, dass er vor der Fahrt getrunken habe. Aber als er den Wert von fast zwei Promille erfahren habe, sei er verwundert gewesen: Er habe sich nicht für so stark alkoholisiert gehalten. Tonon ist nach eigenen Angaben Pflichtverteidiger des Mannes. Er hatte zuvor schon mit anderen Medien gesprochen.

Sein Mandant habe ihm gesagt, er sei allein im Unfallwagen gewesen. Der junge Mann sitzt seit Montag im Gefängnis in Bozen. Er habe ihm ungefähr gesagt: "Es wäre besser gewesen, ich wäre gestorben anstelle der anderen Menschen."

Identitäten der Toten

Die Ermittler machten die Identität der Toten bis zum Montag noch nicht offiziell bekannt. Die Leichen waren nach italienischen Behördenangaben ins Krankenhaus nach Bruneck gebracht worden. Für die Identifizierung sei auch die Mithilfe von Angehörigen nötig, die um Anreise gebeten wurden. Laut Polizei waren die Toten 19, 20 und 22 Jahre alt. Die Feuerwehr gab die Altersspanne am Sonntag mit 20 bis 25 Jahren an.

Bis Montag reisten immer mehr trauernde Angehörige aus Deutschland nach Südtirol. Viele kamen zum Krankenhaus in Bruneck, rund 20 Fahrkilometer von Luttach entfernt. Dort befanden sich die Toten, um abschließend identifiziert zu werden. Einige Angehörige besuchten am Montag die Unglücksstelle. Abgeschirmt von der Polizei hielt sich die Gruppe zunächst in dem Hotel auf, in dem die Skiurlauber untergebracht waren. Anschließend hielten die Angehörigen kurz an den am Straßenrand stehenden Grablichtern inne. Betreut wurden sie von Notfallpsychologen und -seelsorgern.

Überhöhte Geschwindigkeit wahrscheinlich

Die Ermittlungen der Behörden in Südtirol hatten bei dem 27 Jahre alten Autofahrer einen Alkoholwert von fast zwei Promille ergeben. Außerdem gehen die Ermittler von überhöhter Geschwindigkeit aus. Dem Fahrer drohen bis zu 18 Jahre Haft wegen der Schwere des Unfalls.

Bei den Toten handelt es sich um drei Männer und vier Frauen im Alter um die 20 Jahre, teilte die Polizei mit. Die meisten Opfer kamen aus Nordrhein-Westfalen, wie Ministerpräsident Armin Laschet bekannt gab. Zwei Opfer wohnten in Wuppertal, eines in Köln und eines in Dortmund. Ein Todesopfer wohnte in Hamburg. Die Person stamme aus Baden-Württemberg, sei in der Hansestadt aber gemeldet gewesen, sagte ein Sprecher des Lagezentrums der Polizei am Sonntag in Hamburg. Ein weiteres Opfer wohnte in Niedersachsen. Unter den Verletzten sind zwei Südtiroler, die übrigen stammen aus Deutschland.

Am Sonntagabend hatte die Staatsanwaltschaft in Bozen zudem mitgeteilt: "Aufgrund der gesamten Unfalldynamik ist von einer erheblichen Übertretung der Geschwindigkeitsbegrenzung auszugehen. Es wird ein Gutachten zur genauen Feststellung der Geschwindigkeit in Erwägung gezogen." An der Unglücksstelle sind 50 Kilometer pro Stunde erlaubt.

Rund 160 Einsatzkräfte waren nach dem Vorfall im Einsatz. Foto: dpa/Freiwillige Feuerwehr Luttach
Rund 160 Einsatzkräfte waren nach dem Vorfall im Einsatz. Foto: dpa/Freiwillige Feuerwehr Luttach



Ermittler vermuten keine Absicht hinter Kollision

Die jungen Leute befanden sich in dem Wintersportort auf dem Heimweg von einem Discobesuch. Gegen 1.15 Uhr nachts stiegen sie aus einem Shuttlebus und überquerten die Hauptstraße, wie ein Augenzeuge der Deutschen Presse-Agentur erzählte. Das Auto sei viel zu schnell unterwegs gewesen.

Die Unterkunft der Opfer lag in der Nähe der Unfallstelle. Die Identifizierung sei schwierig, weil die Mitglieder der Gruppe sich untereinander nicht gekannt und einige keine Ausweise dabei gehabt hätten, hieß es in Südtirol.

Auf diesem Straßenabschnitt raste der Autofahrer in die Reisegruppe.
dpa/Helmut Moling
Auf diesem Straßenabschnitt raste der Autofahrer in die Reisegruppe.


"Wir sind alle geschockt"

Nach der Alkoholfahrt des Südtirolers gab es viele Trauerbekundungen in Deutschland und Italien. Das Lokal in Steinhaus, wo die Reisegruppe zuletzt gefeiert hatte, kündigte an, die Disco bleibe am Abend danach geschlossen. Der italienische Regierungschef Giuseppe Conte übermittelte den Angehörigen in einer Erklärung sein Beileid. In Luttach kamen bis spät Menschen an den Unglücksort und stellten Grablichter auf. Der Reiseveranstalter Semesterende Skireisen als Teil der Outdoor Travelers GmbH aus Aachen äußerte sich im Internet bestürzt, dass sich der schreckliche Unfall bei einer seiner Touren ereignet hatte.

"Dieses schreckliche Unglück macht mich fassungslos und unendlich traurig", schrieb NRW-Ministerpräsident Laschet auf Twitter. "Dieser Tag ist ein trauriger Tag für unser ganzes Land." Die jungen Menschen "wollten gemeinsam eine gute Zeit erleben – und wurden von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben gerissen oder schwer verletzt", schrieb er.


Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich zum Unglück geäußert. "Die Nachrichten aus Südtirol sind erschütternd – ein fröhlicher Abend, der in der Katastrophe endet", erklärte Merkel in einer von Regierungssprecher Steffen Seibert am Sonntag auf Twitter verbreiteten Stellungnahme. Merkel trauere mit allen, "die dort heute Nacht Kinder, Geschwister, Freunde verloren haben".


In der Touristenregion herrschte Entsetzen: "Das neue Jahr beginnt mit dieser schrecklichen Tragödie", sagte der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher auf einer Pressekonferenz in Luttach. "Wir sind alle geschockt." Der Bürgermeister von Luttach, Helmut Gebhard Klammer, sprach von einer "Katastrophe", wie sie das Tal noch nie erlebt habe. "Wir sind fassungslos", sagte er und sprach den Angehörigen sein Beileid aus.

Das Auswärtige Amt teilte in Berlin mit, der Deutsche Generalkonsul aus Mailand, Claus Robert Krumrei, sei vor Ort. Der Deutsche Botschafter Viktor Elbling reiste ebenfalls von Rom aus an den Unglücksort. Mitarbeiter des Generalkonsulats unterstützten die italienischen Behörden bei der Betreuung der Betroffenen.

Bei Jugendgruppen beliebter Skiort

Die Gegend liegt in Italien an der österreichischen Grenze und ist als Ski- und Wintersportgebiet bekannt. Luttach ist ein Dorf der Gemeinde Ahrntal, das etwas mehr als 1000 Einwohner hat. Der Ort ist bekannt bei deutschen Jugendgruppen, die zum Skifahren kommen.

In Südtirol waren erst vor einer Woche mehrere Deutsche ums Leben gekommen: Am vergangenen Samstag verschüttete eine Lawine Skifahrer auf der Piste im Schnalstal. Eine Mutter mit ihrer Tochter aus Thüringen und ein Mädchen aus Nordrhein-Westfalen starben.

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