Tsunami in Indonesien : Flutwelle tötet Hunderte Menschen - keine Deutschen unter den Opfern

Ein durch den Tsunami zerstörtes Haus: Die Suche nach Vermissten dauert an.
Ein durch den Tsunami zerstörtes Haus: Die Suche nach Vermissten dauert an.

Mitten in der Urlaubssaison brechen mächtige Flutwellen über die Küsten der Inseln Sumatra und Java herein.

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23. Dezember 2018, 16:35 Uhr

Jakarta | Die Band "Seventeen" spielte gerade ihren zweiten Song an einem beliebten Strand auf Indonesiens Insel Java, als die Todeswelle heranrollte. Ein Tsunami, vermutlich ausgelöst durch die Eruption des Vulkans Anak Krakatau in der Sunda-Meerenge, riss nicht nur die Bühne und Konzertbesucher auf Stühlen mit sich.

Die Todeswelle zerstörte am Samstagabend (Ortszeit) Küstengebiete auf den beiden, an der Meerenge gelegenen Inseln Java und Sumatra und tötete mindestens 222 Menschen. Mindestens 843 Menschen wurden im Westen Javas und dem Süden Sumatras verletzt.

Die Behörden erwarteten, dass die Opferzahlen noch steigen dürften – auch weil die Flutwellen mitten in der Urlaubssaison über beliebte Touristenstrände hereinbrachen.

Vulkanausbruch als mögliche Ursache

Der Tsunami traf vor allem die im Westen Javas gelegene Provinz Banten, wo gerade viele Touristen urlaubten. Alleine dort zählte der indonesische Katastrophenschutz mindestens 126 Tote. Und genau in dieser Provinz, am Strand von Tanjung Lesung im Bezirk Pandeglang mit Blick auf die Sunda-Meerenge, spielte auch die Band vor etwa 260 Mitarbeitern des staatlichen Energiekonzerns PLN und deren Familien.

"Auf einmal krachte eine große Welle von hinten auf die Bühne", berichtete Sänger Riefian Fajarsyah - auch bekannt als Ifan - später dem lokalen TV-Sender One. Zwei Stunden habe er im Wasser getrieben, um sich herum Leichen. Als es ihm gelang, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, habe er unter Trümmern die Leichen des Tourmanagers und des Bassisten gefunden. Auch der Gitarrist sei tot, schrieb "Seventeen" in einer Mitteilung. Ifans Frau sowie weitere Bandmitglieder zählten zu den zahlreichen Vermissten.

"Auf einmal krachte eine große Welle von hinten auf die Bühne." Sänger Riefian Fajarsyah von "Seventeen"

Oystein Lund Andersen, ein Mitarbeiter der Norwegischen Botschaft in Jakarta und leidenschaftlicher Fotograf von Vulkanen hatte Glück: Er war gerade dabei, vom Strand Anyer Aufnahmen des Lava und Asche speienden Anak Kratakau zu schießen. "Plötzlich entdeckte ich diese große Welle", sagte er dem norwegischen Sender NRK. "Sekunden später lief ich nur noch". In einem höher gelegenen Wald brachte er sich dem Bericht zufolge in Sicherheit.

Getroffen wurden Küstenstriche zu beiden Seiten der als Sundastraße bekannten Meerenge zwischen Sumatra und Java. Laut der Indonesischen Agentur für Geophysik war die Ursache vermutlich ein Ausbruch des in der Meeresenge liegenden Vulkans Anak Krakatau, der wiederum einen Unterwasser-Erdrutsch zur Folge hatte.

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Demnach ereignete sich die Eruption am Samstagabend um 21.03 Uhr (Ortszeit), 24 Minuten später sei der Tsunami auf Land getroffen.

Die Google Earth-Satellitenaufnahme zeigt die die als Sundastraße bekannte Meerenge zwischen den Inseln Sumatra (oben) und Java. Bei einer Tsunami-Katastrophe an Indonesiens Küste sind nach Behördenangaben mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Foto: dpa/Google Earth
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Die Google Earth-Satellitenaufnahme zeigt die die als Sundastraße bekannte Meerenge zwischen den Inseln Sumatra (oben) und Java. Bei einer Tsunami-Katastrophe an Indonesiens Küste sind nach Behördenangaben mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Foto: dpa/Google Earth

Der Anak Krakatau (übersetzt: Kind von Krakatau) ist ein Vulkan, der in der Sunda-Meerenge etwa 50 Kilometer von der Provinz Banten im Westen Javas entfernt liegt. Banten gehört zu den am heftigsten getroffenen Gegenden, alleine dort starben nach ersten Angaben von Katastrophenschutzsprecher Sutopo Nugroho mindestens 126 Menschen. Vor allem unter Indonesiern gilt der Landstrich an der Sundastraße aufgrund seiner Nähe zur indonesischen Hauptstadt Jakarta als Urlaubsregion.

Der Anak Krakatau entstand durch einen Ausbruch des Krakatau, der 1883 einen der heftigsten Ausbrüche überhaupt mit geschätzten 36.000 Toten verursacht hatte. Seit 1927 ist der Anak Krakatau selbst vulkanisch aktiv. Er ragt etwa 338 Meter aus der Wasseroberfläche, wie Daten der Agentur für Geophysik belegen. Schon seit langem habe er eine tödliche Gefahr für das Hauptland dargestellt, heißt es. So gab es bereits 2016 und 2017 Ausbrüche, und seit Juni habe er eine erhöhte Aktivität gezeigt.

Verschlimmert wurde die Situation dadurch, das gleichzeitig Flut herrschte, wie Katastrophenschutz-Sprecher Sutopo Nugroho erklärte. Nach seinen Worten kamen sowohl in der zu Sumatra gehörenden Provinz Lumpang auf der nördlichen Seite der Sundastraße Menschen zu Tode als auch in Javas Provinz Banten, die südlich der Meeresenge liegt.

Nach Angaben des Geoforschungszentrums in Potsdam entstand Tsunami durch eine Kettenreaktion. Demnach erschütterte am Samstagabend ein Beben der Stärke 5,1 in etwa einem Kilometer Tiefe die als Sundastraße bekannte Meerenge. Dieses Beben habe einen Erdrutsch ausgelöst, sagte der GFZ-Experte Jörn Lauterjung am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Dieser Landrutsch sei die eigentliche Ursache des Tsunamis gewesen.

Das Tsunami-Frühwarnsystem löste demnach keinen Alarm aus, darauf sei es auch nicht ausgelegt, sagte Lauterjung. 90 Prozent der Tsunamis entstünden durch starke Erdbeben, daher löse das System erst ab einer Stärke von 6,5 bis 7 Alarm aus. Diese Stärke habe das jetzige Erdbeben nicht erreicht.

Die Höhe der Flutwelle wurde demnach an vier Messstellen erfasst. An dreien davon sei die Flutwelle 35 Zentimeter, an der vierten etwa 90 Zentimeter hoch gewesen, sagte Lauterjung weiter. Je nach Beschaffenheit des Meeresbodens könne die Welle aber an manchen Orten auch deutlich höher gewesen sein, betonte der Experte.

Keine Deutschen unter den Opfern

Deutsche seien nach bisherigen Erkenntnissen nicht betroffen, twitterte das Auswärtige Amt in Berlin.

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Ein Sprecher des Touristikkonzerns Tui sagte, das Unternehmen habe in der Region überhaupt keine Gäste. Wichtigstes Ziel in Indonesien sei die Insel Bali weiter im Westen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel sprachen dem indonesischen Präsidenten Joko Widodo und den Betroffenen ihr Beileid aus.

Touristengebiete betroffen

Einige der am heftigsten getroffenen Gegenden befinden sich in Banten, wo es viele Strandunterkünfte für Touristen gibt. Angesichts der Urlaubssaison herrschte dort Hochbetrieb. Nugroho zufolge wurden mindestens 430 Häuser, neun Hotelanlagen, zehn Schiffe und Dutzende Autos beschädigt. Schwere Tsunami-Schäden wurden unter anderem vom Urlauberstrand Carita gemeldet. Nugroho verbreitete über seine Twitter-Seite Videoaufnahmen, auf denen Trümmerhaufen vor zerstörten Häusern und völlig demolierte Autos zu sehen waren.

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Eine Aufnahme zeigte das Ausmaß der Zerstörung im südlichen Lampung.

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Mitarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen halfen bei den Such- und Bergungsaktionen mit. Freiwillige Helfer des Indonesischen Roten Kreuzes seien etwa in dem Bezirk Pandeglang im Einsatz, um Verletzte zu versorgen, nach Vermissten zu suchen und erste Schäden zu ermitteln, sagte eine Sprecherin. Es stellte zudem zahlreiche Hilfsgüter wie Wasser, Plastikplanen und Hygieneartikel bereit.

Indonesiens Katastrophenschutz-Sprecher Nugroho empfahl den Menschen in der betroffenen Gegend, sich weiterhin von der Küste fernzuhalten, da die Möglichkeit weiterer Eruptionen und somit eines weiteren Tsunamis bestehe.

Auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker drückte am Sonntag sein Mitgefühl aus. Die EU-Kommission stehe bereit, die Hilfsarbeiten zu unterstützen. Papst Franziskus gedachte beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom der Opfer. "Ich rufe alle auf, sich mir in meinem Gebet für die Opfer und ihre Lieben anzuschließen", sagte das Katholikenoberhaupt.

Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Für die Einwohner sind Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche keine neue Erfahrung. Der Inselstaat hat so viele aktive Vulkane wie kein anderes Land der Welt.

Böse Erinnerungen an 2004

Beim Mega-Tsunami an Weihnachten 2004 starben dort mehr als 160.000 Menschen, so viele wie nirgendwo sonst in der Region. Insgesamt kamen damals in den östlichen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans etwa 230.000 Menschen ums Leben.

Vor knapp drei Monaten wurde die bei Urlaubern beliebte indonesische Insel Sulawesi von einem schweren Erdbeben und einem dadurch ausgelösten Tsunami heimgesucht, der mehr als 2200 Menschen das Leben kostete. Damals machte sich unter vielen Indonesiern Verbitterung breit über die aus ihrer Sicht zu langsame Reaktion der indonesischen Behörden auf die Katastrophe.

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