Unklare Motive des Fernfahrers : Tramperin Sophia getötet: Das schwer zu ertragende Geständnis

Andreas Lösche (rechts), Bruder der ermordeten Tramperin Sophia, wünscht sich, dass der Prozess der Familie Frieden bringt.
Andreas Lösche (rechts), Bruder der ermordeten Tramperin Sophia, wünscht sich, dass der Prozess der Familie Frieden bringt.

Vieles bleibt am ersten Prozesstag um die gewaltsam getötete Studentin unklar. Vor allem die Motivation des Angeklagten.

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23. Juli 2019, 17:30 Uhr

Bayreuth | Der Vater der ermordeten Tramperin Sophia L. vergräbt immer wieder sein Gesicht tief in der rechten Hand. Zu schwer ist für den pensionierten Pfarrer zu ertragen, was er gerade hören muss. Der mutmaßliche Mörder seiner Tochter stellt in einem von Selbstmitleid und Tränen getragenen Geständnis nämlich das 28-jährige Opfer als Auslöserin der Bluttat dar. "Es war ein Fehler von ihr, dass sie mich geschlagen hat."

Gut ein Jahr nach dem Gewaltverbrechen an der Studentin Sophia Lösche hat der Mordprozess vor dem Landgericht Bayreuth mit einem Geständnis begonnen. Der angeklagte Fernfahrer gab am Dienstag zu, die 28-jährige Tramperin mitgenommen und mit Eisenrohrschlägen getötet zu haben.

Laut Anklage hat der 42-jährige Marokkaner die Tramperin ermordet, um eine sexuelle Straftat zu verdecken. Der Angeklagte gab als Anlass jedoch einen Streit über einen scheinbaren Diebstahl an. Er habe Sophia mit den Schlägen nicht töten wollen.

Rechtsradikale schlachten den Fall für Hetze aus

Die Germanisik-Studentin wollte Mitte Juni vergangenen Jahres von Leipzig zu ihrer Familie in der Oberpfalz trampen, der Geburtstag des nun mit seiner Frau und dem Bruder als Nebenkläger auftretenden Vaters stand bevor. Als sie nicht ankam, alarmierte die Familie die Polizei. Weil die zunächst untätig blieb, suchten Familie, Freunde und Unterstützer selbst und machten Boujemaa L. sogar vor der Polizei ausfindig. Sophias Leiche wurde einige Tage später in Spanien gefunden. Dort wurde auch der Fernfahrer festgenommen. Das Führerhaus seines Lkws war inzwischen ausgebrannt, laut Fahrer durch einen Motorschaden.

Im Juni haben Polizisten nahe der Autobahn in Alava, Spanien, Sophias Leiche gefunden. Foto: dpa/Jesus Andrade/El Correo
Im Juni haben Polizisten nahe der Autobahn in Alava, Spanien, Sophias Leiche gefunden. Foto: dpa/Jesus Andrade/El Correo

Die von der Familie beklagten Polizeiversäumnisse sind eine Besonderheit dieses Falls, eine andere ist, dass Rechtsradikale den Fall für Hetze ausschlachteten. Auch dagegen protestierte die Familie – und hofft nun darauf, mit dem Strafprozess endlich ihren Frieden finden zu können.

Angeklagter bestreitet sexuelle Übergriffe

Doch der Auftritt des Angeklagten dürfte ihnen das schwer machen. Denn der 42 Jahre alte Boujemaa L. gesteht zwar die Tötung. "Natürlich weiß er, dass er schweres Unrecht verübt hat", sagt Verteidiger Karsten Schieseck. Er bestreitet aber den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass er sich an Sophia sexuell vergangen und sie deshalb danach getötet habe.

Nach der Darstellung des Angeklagten verlief die gemeinsame Fahrt zunächst harmonisch. Sophia habe einen Joint geraucht, er habe sie an einem Rastplatz mit Kaffee versorgt. Eskaliert sein soll es bei einer neuen Rast: Als er zum Laster zurückkehrte, soll sie in seinen Sachen gewühlt haben. Während er einen Diebstahl vermutet habe, habe sie ihn bezichtigt, ein Bröckchen Haschisch von ihr geklaut zu haben.

Der Streit sei eskaliert, sie habe ihn geschlagen. Daraufhin habe er mit einem Werkzeug, das er von einer Reifenkontrolle noch zufällig in der Hand gehalten habe, mehrfach auf ihren Kopf eingeschlagen. Zunächst habe Sophia noch gelebt. Erst als sie später am Boden liegend nach seinem Bein gegriffen habe, habe er ihr mit einem weiteren Schlag den Schädel zertrümmert.

Wirre Aussagen und Betteln um Todesstrafe

Immer wieder bricht der verheiratete Familienvater in Tränen aus. Immer wieder steigert er sich in Melodramatik. Richter Bernhard Heim bittet er quasi um die Todesstrafe: "Geben Sie meine inneren Organe für jemanden, der sie braucht, ich halte die Situation nicht mehr aus."

Trotz der teils wirren Aussagen – der Teufel soll ihn zum Töten überredet haben – wird das Bayreuther Landgericht einige Arbeit haben, das Geständnis zu widerlegen. Denn die Staatsanwaltschaft bleibt in ihrer Anklage erstaunlich vage. Der Lastwagenfahrer soll sexuell übergriffig geworden sein, "auf unbekannte Art und Weise" soll er sich an ihr vergangen haben, heißt es nur unpräzise zum Tatmotiv.

Frauen auf dem Weg zur Toilette fotografiert

Wie die Tat geschah, blieb am ersten Prozesstag unklar. Die Staatsanwaltschaft hält dem Angeklagten vor, "sexuell übergriffig" geworden zu sein und sich "auf unbekannte Weise" an der Frau vergangen zu haben. Kurz bevor er die Tramperin mitnahm, habe er masturbiert und sei daher sexuell erregt gewesen. Zudem sei er am Vortag durch Voyeurismus aufgefallen.

Zum Untermauern des Sexualmotivs führt die Anklage an, dass L. vor der Tat auf einem Rastplatz andere Frauen auf dem Weg zur Toilette fotografierte und sich außerdem selbst befriedigte, wie Fotos auf seinem Handy zeigten. Der Angeklagte bestreitet das Sexualmotiv intensiv, immer wieder dreht er sich dabei zu den Eltern von Sophia. Er bitte das Gericht, nicht die Würde von deren Tochter "zu beflecken" mit solchen "Unterstellungen".

In dem auf zwölf Verhandlungstage bis Mitte September angesetzten Prozess dürften nun Gutachter eine entscheidende Rolle bekommen. Sie können womöglich untermauern, dass der Mann sich an Sophia verging. Bleiben aber Zweifel, könnte das Gericht die Tat als Totschlag im Affekt werten – das würde zu einer milderen Strafe führen.

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