Tödliche Messerattacke auf London Bridge : IS reklamiert Anschlag in London für sich

Der Anschlag ereignete sich auf der London Bridge.
Der Anschlag ereignete sich auf der London Bridge.

Der Attentäter, der am Freitag zwei Menschen in London tötete, war ein verurteilter Terrorist.

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01. Dezember 2019, 08:39 Uhr

London | Nach dem offenbar islamistisch motivierten Anschlag mit zwei Toten in London hat sich Premierminister Boris Johnson gegen das Prinzip vorzeitiger Haftentlassungen ausgesprochen. Es ergebe "keinen Sinn, wenn Menschen, die wegen terroristischer Straftaten verurteilt wurden, vorzeitig entlassen werden", sagte Johnson am Samstag bei einem Besuch am Tatort. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte unterdessen die tödliche Messerattacke für sich.

Das IS-Propagandaorgan Amaq erklärte im Messengerdienst Telegram, der Täter gehöre "zu den Kämpfern des IS" und sei den Aufrufen zu Angriffen auf Bewohner jener Länder gefolgt, die der internationalen Anti-IS-Koalition angehören.

Das ist über den Attentäter bekannt

Bei dem erschossenen Attentäter handelt es sich um einen verurteilten 28-jährigen Terroristen, der vor einem Jahr vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Das sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, Neil Basu, am frühen Samstagmorgen.

Usman K. war 2012 gemeinsam mit acht weiteren Tätern zunächst zu einer Mindesthaftstrafe von acht Jahren verurteilt worden. Die Gruppe wollte einen Bombenanschlag auf die Londoner Börse verüben und ein Trainingslager für Extremisten in Pakistan einrichten. K. hatte der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppen. Laut "Times" war der Attentäter aus der Haft entlassen worden, nachdem er zugestimmt hatte, eine elektronische Fußfessel zu seiner Überwachung zu tragen. Die Polizei rief die Öffentlichkeit auf, weiter wachsam zu sein.


Der Mann hatte mit einem Messer am Freitagnachmittag auf der London Bridge mitten in der britischen Hauptstadt zwei Passanten getötet und drei weitere verletzt. Die Polizei erschoss ihn dann nach einer Rangelei mit Passanten. Er habe eine Bombenattrappe am Körper getragen, sagte Basu.

Johnson will vorzeitige Haftentlassungen abschaffen

Es sei "vollkommen klar, dass wir nicht mit den gescheiterten Ansätzen der Vergangenheit fortfahren können", sagte Johnson am Samstag. Er kündigte überdies an, bei einem Wahlsieg seiner konservativen Partei am 12. Dezember das Mindeststrafmaß bei schweren terroristischen Straftaten auf 14 Jahre anzuheben sowie vorzeitige Haftentlassungen für wegen Terrorismus verurteilte Straftäter abzuschaffen. Gegenüber der BBC sagte der britische Premier, er sei immer dagegen gewesen, dass Schwer- und Gewaltverbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen würden, insbesondere wenn es sich um Terroristen handele.

Labour-Chef Jeremy Corbyn äußerte sich mit Blick auf strafrechtliche Reformen zurückhaltend. Zunächst müsse analysiert werden, wie "alle Aspekte des Strafverfolgungssystems" ineinandergriffen, forderte Corbyn. Die Attacke auf der London Bridge nannte er ein "absolutes Desaster".

Ein Mann und eine Frau getötet

Basu sagte, ein weiterer Täter werde nach dem Angriff derzeit nicht gesucht. Dennoch arbeite man schnell, um sicherzustellen, dass keine weiteren Menschen in den Angriff verwickelt gewesen seien und keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit bestehe. Usman K. habe in der Gegend von Staffordshire gelebt.

Wie nun bekannt ist, wurde nur durch das beherzte Eingreifen von Zivilisten Schlimmeres vereitelt. Ein Mann bekämpfte den Attentäter Augenzeugenberichten zufolge mit einem Narwal-Stoßzahn, den er von der Wand der Fishmonger's Hall genommen hatte. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hob die Zivilcourage von Passanten hervor, die den Angreifer überwältigt hatten, und lobte ihren "atemberaubenden Heldenmut".

Der Angriff weckte Erinnerungen an den Anschlag vom 3. Juni 2017, als drei Attentäter auf der London Bridge mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge gerast waren und anschließend im angrenzenden Ausgehviertel rund um den Borough Market wahllos auf Menschen eingestochen hatten. Acht Menschen wurden getötet, 48 weitere verletzt. Die Polizei erschoss die drei Attentäter. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte die Tat für sich reklamiert.

Der Täter habe vor dem Angriff an der Veranstaltung "Zusammen lernen" in der nahe der London Bridge gelegenen Fishmongers' Hall teilgenommen. Laut Medien handelt es sich dabei um ein Resozialisierungsprogramm für Ex-Häftlinge, organisiert von der Cambridge Universität. "Wir gehen davon aus, dass der Angriff innen begann, bevor er (der Täter) das Gebäude verließ und auf der London Bridge weitermachte, wo er festgehalten und schließlich von bewaffneten Polizisten gestellt und erschossen wurde", sagte Basu. Die "Times" berichtete, Usman K. habe in der Halle gedroht, das denkmalgeschützte Gebäude in die Luft zu jagen.

Ein Videostill, das von dem Twitteraccount @HLOBlog zur Verfügung gestellt wurde. Auf der London Bridge umstellen bewaffnete Polizisten einen auf dem Boden liegenden Mann. Foto: @HLOBlog/AP
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Ein Videostill, das von dem Twitteraccount @HLOBlog zur Verfügung gestellt wurde. Auf der London Bridge umstellen bewaffnete Polizisten einen auf dem Boden liegenden Mann. Foto: @HLOBlog/AP


Bei den beiden Getöteten handele es sich um einen Mann und eine Frau, fügte Basu hinzu. Die drei Verletzten – ein Mann und zwei Frauen – seien noch im Krankenhaus. Der Nationale Gesundheitsdienst (NHS England) teilte mit, der Zustand eines der Verletzten sei kritisch, aber stabil.

Videos zeigen Tathergang

Aufnahmen in sozialen Medien zeigten laut PA, dass die bewaffneten Polizisten einen Mann aufforderten, vom Attentäter wegzugehen, bevor er aus nächster Nähe erschossen wurde. Nach dem Schuss habe der Täter seine Arme in Richtung seines Kopfs erhoben – dabei habe man ein zweites Messer auf der Erde in der Nähe seines Körpers sehen können. Die Polizei twitterte, die umfangreichen Absperrungen würden wohl noch einige Zeit in Kraft bleiben. Die Öffentlichkeit solle die Gegend meiden.

Laut "Guardian" wurde Usman K. 2012 schuldig gesprochen, weil er Terrortaten geplant und Gelder dafür gesammelt habe. Er habe eine militärische Ausbildungseinrichtung für Terroristen in Kaschmir einrichten wollen. Der Richter habe seine Pläne als "ernsthaftes, langfristiges Projekt" bezeichnet und gewarnt, dass Usman K. ein anhaltendes Risiko für die Öffentlichkeit darstellen könnte.

dpa-infografik GmbH
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Usman K. habe auch einen Angriff auf die Londoner Börse 2010 geplant. Er habe zu einer Gruppe von neun Extremisten gehört, die auch deswegen 2012 verurteilt worden seien, hieß es in dem Bericht weiter. K. sei mit damals 19 Jahren der jüngste in der Gruppe gewesen. Der Richter habe gesagt, K. und zwei weitere seien "ernstzunehmendere Dschihadisten" als die anderen. Ursprünglich sollte K. nicht wieder freigelassen werden, es sei denn, er werde nicht mehr als Bedrohung angesehen. Diese Bedingung sei später aufgehoben worden.

Premierminister Boris Johnson teilte per Twitter mit, er werde über den Vorfall auf dem Laufenden gehalten, und dankte den Einsatzkräften für ihre "unverzügliche Reaktion". Medienberichten zufolge kehrte Johnson von einem Wahlkampfauftritt in die Downing Street zurück. Auch er lobte die "außerordentliche Tapferkeit" der Passanten.


Eine Solidaritätsbekundung kam auch aus Washington. US-Präsident Donald Trump sei über den Angriff an der London Bridge unterrichtet worden und verfolge die Situation. "Die Vereinigten Staaten verurteilen alle schrecklichen Gewalttaten gegen unschuldige Menschen scharf. Und wir sagen unserem Verbündeten, dem Vereinigten Königreich, unsere volle Unterstützung zu", teilte ein Sprecher des Weißen Hauses mit.

Wie das Weiße Haus am Samstag mitteilte, sprach Trump dem britischen Premier nach dem Anschlag seine Anteilnahme aus. Trump wird kommende Woche zum Nato-Gipfel in London erwartet, wo er unter anderem auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft.

In London sorgte der Anschlag am Wochenende weiter für Trauer. Medien berichteten, bei einem der Opfer habe es sich um einen Mann namens Jack Merritt gehandelt, der ein Programm am kriminologischen Institut der Universität Cambridge geleitet habe.

Im Juni 2017 starben in der britischen Hauptstadt acht Menschen, nachdem Terroristen mit einem Transporter erst drei Menschen auf der London Bridge umgefahren und anschließend fünf weitere am Borough Market erstochen hatten. Polizisten erschossen die drei Täter. Im März desselben Jahres fuhr ein Angreifer mit einem Auto auf der Westminster Bridge in mehrere Fußgänger, vier Passanten starben. Der Mann erstach zudem einen Polizisten, ehe er von der Polizei erschossen wurde.

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