Milliarden Tiere tot : Bilder wie aus staubigem Wüstensturm: Tausende fliehen vor Feuern in Australien

Im Gebiet East Gippsland sind mehr als 800.000 Hektar Buschland verbrannt.
Im Gebiet East Gippsland sind mehr als 800.000 Hektar Buschland verbrannt.

Die verheerenden Feuer in Australien zwingen Tausende Menschen zur Flucht. Manche können nur über das Meer entkommen.

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03. Januar 2020, 19:00 Uhr

Canberra | Extreme Hitze und starker Wind erschweren den lebensgefährlichen Kampf gegen die verheerenden Buschbrände in Australien. Westlich der Millionenmetropole Sydney wurden 48,9 Grad erreicht, in der Hauptstadt Canberra 44 Grad, wie der Wetterdienst am Samstag mitteilte. Böen von bis zu 80 Stundenkilometern fachten die Flammen an. Die Zahl der Toten stieg inzwischen auf 23, mehrere Menschen werden außerdem vermisst.

Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe mobilisierte der in der Kritik stehende Premier Scott Morrison 3000 Reservisten der Streitkräfte, um die Feuerwehr zu unterstützen. Es sei der erste Pflichteinsatz für Reservisten in der Geschichte des Landes, sagte Verteidigungsministerin Linda Reynolds.

Größte Evakuierungsaktion in Friedenszeiten

Australien erlebt nach Angaben der Behörden zudem die größte Evakuierungsaktion in Friedenszeiten: Zehntausende Menschen mussten allein im Südosten des Kontinentalstaates ihre Häuser auf der Flucht vor den Flammen verlassen.



Im Bundesstaat New South Wales (NSW), dessen Hauptstadt Sydney ist, wüten rund 150 Feuer, im Bundesstaat Victoria (Hauptstadt Melbourne) sind es etwa 50. Nach Angaben der australischen Behörden sind aktuell die blau markierten Feuer unter Kontrolle, die gelben werden bekämpft und die roten brennen unkontrolliert:


Einwohner posteten Fotos, auf denen zu sehen ist, wie dichte Rauchwolken den Sommer-Himmel am frühen Nachmittag verdunkeln. Zudem waren vielerorts Telefonleitungen gestört, Strom und Internet fielen aus. "Wir blicken auf eine lange Nacht, das Schlimmste steht uns noch bevor", sagte NSW-Regierungschefin Gladys Berejiklian. In beiden Bundesstaaten wurde der Notstand verhängt.




Hitzerekord und Orkanböen

Die Lage spitzte sich am Samstag weiter zu, als in einigen Städten die Temperaturen auf weit über 40 Grad Celsius stiegen. In Sydney wurde ein neuer Hitzerekord von 48,9 Grad Celsius gemessen. Auch die Hauptstadt Canberra verbuchte mit 44 Grad Celsius einen neuen Rekordwert, wie ein Sprecher des Wetterdienstes mitteilte.

Orkanartige Winde fachten zudem viele Feuer in den bevölkerungsreichsten Bundesstaaten New South Wales und Victoria an. Nahezu im gesamten Südosten des Landes gilt der Ausnahmezustand. Die Buschbrände legten in der Region zwei Umspannwerke und Hochspannungsleitungen lahm. Die Behörden von New South Wales warnten deshalb, dass einer Gegend mit rund acht Millionen Einwohnern und der Metropole Sydney Stromausfälle bevorstehen könnten.

Seit Wochen kämpfen die Feuerwehren gegen die Buschfeuer. Foto: AFP/ SAEED KHAN
Seit Wochen kämpfen die Feuerwehren gegen die Buschfeuer. Foto: AFP/ SAEED KHAN


Flucht ans Wasser

Im Küstenort Mallacoota, wo Urlauber und Bewohner an den Strand geflüchtet waren, brachte die Marine Eingeschlossene in Sicherheit – Bilder zeigen Szenen wie aus einem staubigen Wüstensturm.


An der Küste halfen auch private Fischerboote laut Medienberichten dabei, die festsitzenden Bewohner mit Wasser zu versorgen und Menschen in Sicherheit zu bringen. Viele mussten sich auf der Flucht vor den Flammen Notquartiere suchen und konnten nicht weiter reisen.

Menschen werden von Mallacoota aus per Boot evakuiert. Foto: afp/Royal Australian Navy
afp/Royal Australian Navy
Menschen werden von Mallacoota aus per Boot evakuiert. Foto: afp/Royal Australian Navy


Die bislang letzten Todesopfer waren auf der auch bei Touristen beliebten Kangaroo Island (Känguru-Insel) im Bundesstaat South Australia zu beklagen, wie der örtliche Regierungschef Steven Marshall mitteilte. Dort sei ein seit dem 20. Dezember brennendes Feuer gefährlich eskaliert. Auf Australiens drittgrößter Insel sei bereits eine 150.000 Hektar große Fläche verbrannt. Auch ein Besucherzentrum wurde ein Raub der Flammen.

Kevin Murphy bereitet mit seiner Schwiegermutter in Narooma die Flucht vor den Bränden vor. Foto: imago images/AAP/DOMINICA SANDA
Kevin Murphy bereitet mit seiner Schwiegermutter in Narooma die Flucht vor den Bränden vor. Foto: imago images/AAP/DOMINICA SANDA


Wenn sie Sonne untergegangen ist, glüht der Himmel in Rottönen. Foto: AFP PHOTO / Courtesy of Caitlin Nobes
Wenn sie Sonne untergegangen ist, glüht der Himmel in Rottönen. Foto: AFP PHOTO / Courtesy of Caitlin Nobes


Seit drei Monaten breiten sich die Feuer aus

Die Buschfeuer auf dem Kontinent wüten bereits seit Oktober. Mehr als fünf Millionen Hektar Land sind abgebrannt, das entspricht ungefähr der anderthalbfachen Fläche Belgiens.

Ein Satellitenfoto zeigt die Rauchschwaden der Feuer. Foto: afp/Japan Meteorological Agency
afp/Japan Meteorological Agency
Ein Satellitenfoto zeigt die Rauchschwaden der Feuer. Foto: afp/Japan Meteorological Agency


Die Brandherde in Australien sind auf Fotos der EU-Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-3 deutlich zu erkennen: Das gelbliche Bild zeigt hohe Temperaturen in Braun an, das andere Bild ist ein ungefiltertes Foto aus dem Weltall, dass die Rauchschwaden zeigt:


Der Deutsch-Australier Frank Klostermann und seine Familie haben eine Odyssee vom Küstenort Batemans Bay Richtung Sydney hinter sich. "Wir sind mit sehr viel Glück da raus." Die verbrannten Eukalyptuswälder sähen aus wie verbrannte Streichhölzer, erzählte er der dpa.

Ein Feuerwehrmann nahe Batemans Bay in New South Wales.Foto: afp/Peter Parks
afp/Peter Parks
Ein Feuerwehrmann nahe Batemans Bay in New South Wales.Foto: afp/Peter Parks


Lesen Sie zum Thema auch: Touristen sollen Brandgebiet verlassen – Änderung beim Dschungelcamp

Wissenschaftler: "Die Flora und Fauna ist fort"

Eine am Freitag veröffentlichte Studie der Universität von Sydney schätzt die Zahl der seit September im Staat New South Wales verendeten Tiere auf 480 Millionen – wobei es sich um eine "sehr zurückhaltende" Kalkulation handelt, wie die Autoren betonen. Die wahre Zahl könne noch "bedeutend höher" liegen.

Zwei Pferde stehen auf ihrer Koppel, die vom 'Gosper Mountain'-Feuer bedroht ist. Foto: dpa/Dan Himbrechts
dpa/Dan Himbrechts
Zwei Pferde stehen auf ihrer Koppel, die vom "Gosper Mountain"-Feuer bedroht ist. Foto: dpa/Dan Himbrechts


Er gehe davon aus, dass landesweit bereits Milliarden von Tieren durch die Feuer ums Leben gekommen seien, sagt Professor Andrew Beattie von der Macquarie-Universität nahe Sydney, "wenn man Säugetiere, Vögel, Reptilien und größere Insekten wie Schmetterlinge mit einrechnet". Es sei "ziemlich sicher, dass in großen Teilen dieser sehr ausgedehnten Brandgebiete der größte Teil der Tierwelt tot ist", betont der Biologe. "Die Flora und Fauna ist fort." Schon im November berichteten Experten im Parlament von New South Wales, dass mindestens 2000 Koalas bei den Feuern getötet worden seien.

Weiterlesen: Koalas, Kängurus und Co. leiden unter Buschfeuer in Australien

Premier Morrison wird beschimpft

In Australien sind die Feuer auch ein Politikum. Premierminister Scott Morrison, ein Kohle-Förderer, betrachtet die Brände als Naturkatastrophe und lehnt es ab, seine Klimapolitik zu ändern. Er wurde dafür kritisiert, dass er während der Krise nach Hawaii fuhr, er brach seinen Urlaub ab.

Premierminister Scott Morrison besucht ein durch das Feuer zerstörtes Gebiet in Sarsfield. Foto: afp/James Ross
afp/James Ross
Premierminister Scott Morrison besucht ein durch das Feuer zerstörtes Gebiet in Sarsfield. Foto: afp/James Ross


Bei einem Besuch im Feuergebiet, in Cobargo, wurde Morrison am Donnerstag beschimpft. Während eines anderen Ortstermins, am Freitag in Lucknow, war der Empfang freundlicher. Eine Frau verweigerte ihm den Handschlag und forderte mehr Unterstützung von dem Politiker:


Posthume Ehrung für Feuerwehrmänner

Im Kampf gegen die Flammen bekommen die erschöpften Feuerwehrleute Unterstützung aus den USA und Kanada. "Es sind beispiellose Zeiten", sagte der Premier von Victoria, Daniel Andrews. Ein besonders bewegendes Bild gab es diese Woche bei einer Trauerfeier in Buxton für einen Feuerwehrmann, der im Einsatz ums Leben kam. Dort wurde seinem kleinen Sohn stellvertretend für den Vater eine posthume Auszeichnung für dessen Mut und Dienst überreicht.

RFS Commissioner Shane Fitzsimmons verleiht Harvey Keaton, Sohn des Feuerwehrmannes Geoffrey Keaton, dessen Tapferkeitsmedaille. Der 32-Jährige starb an der Seite des 36-Jährigen Andrew O'Dwyer, als ein Baum ihren Feuerwehrwagen erschlug. Foto: AFP PHOTO / New South Wales Rural Fire Service
RFS Commissioner Shane Fitzsimmons verleiht Harvey Keaton, Sohn des Feuerwehrmannes Geoffrey Keaton, dessen Tapferkeitsmedaille. Der 32-Jährige starb an der Seite des 36-Jährigen Andrew O'Dwyer, als ein Baum ihren Feuerwehrwagen erschlug. Foto: AFP PHOTO / New South Wales Rural Fire Service


Die Brände haben Auswirkungen bis hin zu Sport-Events: Das Internationale Tennisturnier in der Hauptstadt Canberra, das am Montag starten soll, wird wegen der Brände in der Region in die rund 620 Kilometer westlich gelegene Stadt Bendigo verlegt, wie die Veranstalter mitteilten.

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