Größtes Ereignis in Israels Geschichte : Steinmeier spricht bei Auschwitz-Gedenken: "Nie wieder! Niemals wieder!"

Als erstes deutsches Staatsoberhaupt sprach Bundespräsident Steinmeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Als erstes deutsches Staatsoberhaupt sprach Bundespräsident Steinmeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

An der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem hält Bundespräsident Steinmeier als erster deutscher Präsident eine Rede.

von
23. Januar 2020, 11:50 Uhr

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zur deutschen Schuld am Holocaust bekannt und den Schutz jüdischen Lebens heute zugesagt. "Dieses Deutschland wird sich selbst nur dann gerecht, wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird", sagte er am Donnerstag beim World Holocaust Forum in Jerusalem. Vor Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Ländern versicherte er: "Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels. Dieses Versprechen erneuere ich hier in Yad Vashem vor den Augen der Welt."

Am kommenden Montag, dem 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen durch die Rote Armee. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

"Sie waren Deutsche"

"Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche", sagte Steinmeier. "Ich wünschte, sagen zu können: 'Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt.'" Aber das könne er nicht sagen, wenn sich in Deutschland Hass und Hetze ausbreiten, jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden und unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht. "Das kann ich nicht sagen, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad anrichtet."

Es sei nicht dieselbe Zeit, es seien nicht dieselben Worte, nicht dieselben Täter, sagte Steinmeier. "Aber es ist dasselbe Böse. Und es bleibt die eine Antwort: Nie wieder! Niemals wieder! Deshalb darf es keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben."

Bekenntnis zur internationalen Ordnung

Der Bundespräsident bekannte sich auch zur internationalen Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut und heute vor allem von den USA unter Präsident Donald Trump infrage gestellt wird. "Wir Deutsche stehen zu dieser Ordnung und wir wollen sie, mit Ihnen allen, verteidigen", sagte er in Anwesenheit von US-Vizepräsident Mike Pence.

Steinmeier sprach als erstes deutsches Staatsoberhaupt in der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Dazu hatte ihn der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin eingeladen. Steinmeier und Rivlin werden am kommenden Montag auch in Auschwitz an der zentralen polnischen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers teilnehmen. Am Mittwoch werden beide in einer Gedenkstunde im Bundestag sprechen.

Auch die Präsidenten Frankreichs und Russlands, Emmanuel Macron und Wladimir Putin und der britische Thronfolger Prinz Charles nehmen an der Großveranstaltung teil. Sie hat den Titel "An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen" und findet vor dem Hintergrund zahlreicher antisemitischer Vorfälle weltweit statt.


Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Nach Schätzungen wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden. Als Soldaten der Roten Armee das Lager am 27. Januar 1945 erreichten, fanden sie noch etwa 7000 überlebende Häftlinge. Viele von ihnen starben in kurzer Zeit an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung.

Zum Thema:

Die Sicherheitsvorkehrungen in Jerusalem und Yad Vashem sind wegen der vielen ranghohen internationalen Gäste extrem hoch. Die Hauptverbindungsstraße zwischen den beiden Großstädten Jerusalem und Tel Aviv wird zeitweise geschlossen. Laut Polizei gilt im Umkreis von rund 750 Metern um Yad Vashem eine Flugverbotszone. Nach einem Bericht der "Times of Israel" sind rund 10.000 Polizisten im Einsatz.

"Ich erwarte vom einzelnen Bürger Wachsamkeit"

Der Bundespräsident traf am Mittwoch mit seiner Frau Elke Büdenbender ein und wurde in Jerusalem von Israels Staatspräsident Reuven Rivlin begrüßt.

Der Beauftragte der Bundesregierung für das jüdische Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, sieht dabei auch die Bürger in der Pflicht. "Ich erwarte vom einzelnen Bürger Wachsamkeit. Dass, wenn jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld Antisemitismus wahrnimmt, dass er auch einschreitet, damit es unangenehm wird für Menschen, die sich antisemitisch äußern", sagte Klein der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Es ist wichtig, dass wir auch eine neue und bedeutend größere Solidarität mit Juden in Deutschland an den Tag legen."

Klein betonte, Staat und Gesellschaft müssten Antisemitismus schon an der Wurzel bekämpfen. "Und das fängt nicht bei den Straftaten an, sondern viel früher bei antisemitischen Sprüchen, die die Menschen hören, in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, im Fußballstadion. Da muss die Zivilgesellschaft eingreifen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen