Schule im Wandel der Zeit : Als es noch Matrizen gab

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Der Rohrstock in deutschen Klassenzimmern ist zum Glück längst Geschichte. Doch auch vieles andere ist aus den Schulen verschwunden. Selbst das Poesiealbum ist nicht mehr das, was es mal war

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31. August 2019, 16:00 Uhr

Als Maresi Lassek zur Schule ging, griffen manche Lehrkräfte noch zum Rohrstock. Bei den Mädchen gab es Schläge auf die Hand, bei den Jungs auf den Po. „Das war 1959 und hat danach auch noch angehalten“, erzählt Lassek, deren Eltern damals mit ihr von Österreich nach Bayern gezogen waren und die fortan dort die Schule besuchte. Die Prügelstrafe ist längst tabu. Schule ist immer im Wandel, das zeigt dieses Beispiel besonders krass. Heute nehmen die Lehrer den Schülern zur Strafe eher das Smartphone weg oder geben Strafhausaufgaben.

Vieles, was an Schulen einst Normalität war, gibt es nicht mehr: Sonnabendunterricht, Matrizen, das Fach Schönschreiben. Und dann gibt es Dinge, die über kurz oder lang verschwinden dürften, wie der Polylux, Kartenräume – und ja, selbst gedruckte Bücher.

Weg von den Bienchen

Wenn Schüler aber etwas gut gemacht hatten, wurden Bienchen verteilt. Heute sind andere Zeichen verbreitet, Smileys zum Beispiel. „Die Lachgesichter sind sehr stark angesagt, die Sternchenkultur ebenso“, sagt Maresi Lassek. Es gebe aber Unterschiede zwischen den Schulen. Lassek war Direktorin an einer Bremer Grundschule. Als Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes begleitet sie die Schulentwicklung weiter. Früher hieß es zum Teil auch am Sonnabend: Ab in die Schule! Heute gilt in aller Regel die Fünf-Tage-Woche.

Polylux ein Fall für die Mottenkiste

Ein klassischer DDR-Begriff ist der Polylux, Schüler in Westdeutschland kennen ihn eher als Overhead-Projektor. Das Gerät wirft auf transparente Folien aufgetragene Notizen, Schaubilder oder Zeichnungen an die Wand – es ist der analoge Vorgänger des Beamers. Und genau wegen diesem wird er vom Aussterben bedroht sein, prognostiziert Heinz-Peter Meidinger. Noch ist er aber an Schulen im Einsatz, die digital nicht gut ausgestattet sind. Meidinger ist Schulleiter eines Gymnasiums im bayerischen Deggendorf und Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

Matrizendrucker starben bereits aus

Was heute dem Polylux blüht, ist in den Achtziger Jahren den Matrizen passiert: Sie wurden von einer besseren Technik abgelöst. Bis dahin gab es noch keine Kopierer in den Schulen. Wenn Lehrkräfte Blätter vervielfältigen wollten, kamen die Matrizendrucker zum Einsatz. Das Papier wurde vor dem Druck mit Spiritus benetzt. „Die Schüler haben also immer schon gerochen, wenn man ausgedruckte Testblätter dabei hatte, um eine Leistungskontrolle zu schreiben.“

Schönschreiben nicht mehr angesagt

Ein Fach, das sich viele Lehrer und Eltern manchmal zurückwünschen dürften, ist das Schönschreiben. „Das gibt es überhaupt nicht mehr“, sagt Lassek. Sie lege mit ihrem Verband viel Wert darauf, dass Kinder eine Handschrift entwickeln, die sie selbst gut lesen können – andere aber auch. Doch das gelingt in der Praxis nicht immer.

Poesiealben ohne Korsett

Das Poesiealbum hat mit der Handschrift nur am Rande zu tun. Doch auch diese Büchlein sind nicht mehr das, was sie einst waren. Heute sind die Seiten strukturiert und geben damit ein Korsett vor, in dem man antworten muss: Name, Hobbys, Lieblingsessen, ein kleines Porträtbild, Lieblingsfächer... Maresi Lassek kennt noch die Poesiealben, deren Seiten weiß waren. „Dann musste man alles selbst gestalten.“ Auch Heinz-Peter Meidinger hat den Formwandel der Poesiealben von frei gestaltbaren zu vorgedruckten Exemplaren beobachtet. Und noch etwas ist anders: In seiner Wahrnehmung sollten sich Lehrer früher häufiger in die Alben eintragen. Heute bitten Schüler seltener darum.

Mit Sicherheit wird es in zehn Jahren kaum mehr gedruckte Schulbücher geben. Heinz-Peter Meidinger, Schulleiter
 

Geändert haben sich auch die Unterrichtsmethoden. In den 60er- und 70er-Jahren war aktive Mitarbeit zum Teil ein Fremdwort, der Lehrer stand im Mittelpunkt – und spulte sein Programm ab. „Ich kann mich an Geschichtsstunden erinnern, wo der Lehrer die ganze Zeit aus einem Buch vorgelesen hat und dazu immer mal persönliche Einschübe reingeworfen hat, mehr nicht – inzwischen unvorstellbar.“

Auch die Förderkultur sei heute anders. Wenn jemand schlechte Noten hat, wird auch in Zusammenarbeit mit den Eltern viel mehr überlegt, wie man helfen kann. Früher habe stattdessen oft die Devise „friss oder stirb“ gegolten.

Taschenrechner war das Smartphone

Als Meidinger 1974 Abitur machte, kamen Taschenrechner erstmals auf. Sie waren klobig, für die breite Schülermasse kaum erschwinglich und brachten wenige Funktionen mit. Taschenrechner sind heute noch da. Doch was sie können, leisten Smartphone-Apps auch. Steht hier die nächste Ablösung bevor? Meidinger denkt, dass Taschenrechner schon heute immer weniger eine Rolle spielen.

Ein Relikt aus der Vergangenheit sind Rechenschieber, auch Rechenstäbe genannt. Sie ähneln optisch einem Lineal, haben aber viel mehr Skalen und Zahlen aufgedruckt. Wer den Umgang beherrscht, kann mit ihnen multiplizieren, dividieren, aber auch die Wurzel einer Zahl ziehen oder Logarithmen bestimmen. „Diese sind aus dem Mathematik-Unterricht verschwunden, genau wie die logischen Blöcke“, sagt Maresi Lassek. Mit den bunten Formen sollten Schüler einst die Grundlagen der Mengenlehre lernen.

Sprachlabor: Was ist das?

Nicht nur im Mathematik-Unterricht haben sich die Hilfsmittel geändert. Der Englisch- oder Spanisch-Unterricht fand einst oft in Sprachlaboren statt. Dort war jeder Platz mit Kopfhörer, Kassettenrekorder und Mikrofon ausgestattet, mit dem Lehrerpult verbunden. „Damit konnte der Lehrer, das war revolutionär, den Schülern Fremdsprachentexte auf ihre Kopfhörer spielen“, so Meidinger. Während Schüler eine Lektion mit einer Kassette absolvierten, konnte der Lehrer sich zu einzelnen Plätzen schalten und abhören, ob etwa die Aussprache korrekt ist.

In einigen Schulen gibt es die Labore noch, in der Regel sind sie durch Computerräume ersetzt worden. Wie sich die Digitalisierung die Schule verändert, zeigt sich nicht nur hier. Die klassischen Karten, etwa für den Geografie-Unterricht, werden immer seltener genutzt, wie Lassek sagt. „Sie werden heute vom Beamer ersetzt.“ Über kurz oder lang dürften damit die Kartenräume verschwinden. Dort hängen die großen Rollen in speziellen Vorrichtungen. Braucht ein Lehrer eine Karte, spannt er sie in einen mobilen Ständer und fährt sie in die Klasse.

Von Tafeln zu Whiteboards

Klassische Tafeln und Whiteboards gibt es mittlerweile auch als interaktive Variante. Und Schulbücher, die den Schulrucksack schwer machen, könnten bald Vergangenheit sein. „Mit Sicherheit wird es in zehn Jahren kaum mehr gedruckte Schulbücher geben“, sagt Meidinger. Dann werde eher mit digitalen E-Books gearbeitet. Vorteil hier: Sie lassen sich leichter aktualisieren, wenn sich Lehrinhalte ändern, und jederzeit mit Zusatzinformationen anreichern.

In seiner Schule in Deggendorf gibt es in jedem Zimmer WLAN. In Zukunft, so prognostiziert es der Lehrerverbandspräsident, könnten Schüler mit einem Gerät auf eine Art Schul-Cloud zugreifen. Auf der Plattform liegen Unmengen von Lehrmaterialien bereit. Jederzeit für jeden verfügbar.

Braucht es dann noch die Schule als Präsenzort, oder kann dann jeder einfach von zu Hause lernen? Die Schulen werden bleiben, davon ist Meidinger überzeugt. „Zum Lernen gehört immer auch Gemeinschaft und der Austausch mit anderen.“ Ob seine Prognose zutrifft? Oder würde die Überschrift dieses Textes in 20 Jahren lauten: „Als es noch Schulgebäude gab“?

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