Schüsse in Halle : Augenzeuge: "Der war gekleidet wie ein Polizist, in totaler Kampfausrüstung"

Polizisten kontrollieren bei Wiedersdorf/Landsberg Fahrzeuge. Auch in Landsberg gab es Schüsse – die Umstände dort sind noch unklar.
Polizisten kontrollieren bei Wiedersdorf/Landsberg Fahrzeuge. Auch in Landsberg gab es Schüsse – die Umstände dort sind noch unklar.

Bei Schüssen in Halle in Sachsen-Anhalt wurden zwei Menschen getötet. Ziel war offenbar die Synagoge im Ort.

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09. Oktober 2019, 15:07 Uhr

Halle | Dieser Text wird fortlaufend aktualisiert:

Schwer bewaffnete Polizisten durchkämmen das beschauliche Paulusviertel im Norden von Halle in Sachsen-Anhalt. Etwa 30 Meter von einer Synagoge entfernt liegt eine Leiche, sie ist mit einer blauen Decke bedeckt. Daneben steht ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine kleine Stoffente hängt. Die Polizei hat das Gebiet weiträumig mit Flatterband abgesperrt. Am Himmel über der Innenstadt kreist ein Hubschrauber. Streifenwagen fahren mit Blaulicht durch das Villenviertel und fordern die Anwohner auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Nach den Schüssen ist die Stadt mit knapp 239.000 Einwohnern im Ausnahmezustand. Die Situation ist am Mittwochmittag zunächst völlig unklar.


Die Polizei meldete, nach ersten Erkenntnissen seien zwei Menschen getötet worden. Mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Fotos und Videos, die von Medien veröffentlicht wurden, zeigten aber nur einen maskierten Schützen. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Abend, es deute nun doch alles auf einen Einzeltäter hin.

Auch in Landsberg - rund 15 Kilometer von Halle entfernt - wurde geschossen, wie die Polizei bestätigt. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort im Saalekreis wollte sie zunächst nichts sagen. Augenzeugen berichteten, dass ein Täter in einen nahe gelegenen Döner-Imbiss geschossen habe.

"Bleiben Sie trotzdem weiterhin wachsam"

Am frühen Nachmittag meldete die Polizei dann die Festnahme einer Person. "Bleiben Sie trotzdem weiterhin wachsam", twitterte die Polizei und rief die Bevölkerung auf, in ihren Wohnungen oder an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben. Auch das mobile Warn- und Informationssystem Katwarn wendete sich mit einer "Gefahrendurchsage" an die Bevölkerung. "Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Von Fenster(n) und Türen fern bleiben!" Die Warnung wurde erst am Abend aufgehoben.


Im benachbarten Leipzig verschärfte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Weitere Maßnahmen seien bislang noch nicht getroffen worden, hieß es von einem Polizeisprecher. Juden auf der ganzen Welt feiern derzeit den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

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Augenzeugen in Halle berichteten unterdessen von einem Täter, der einen Kampfanzug und eine Maschinenpistole getragen haben soll. Demnach soll es auch eine Explosion auf einem Friedhof gegeben haben. Der MDR veröffentlichte ein Video dazu:


Am Abend wurde näheres über den Festgenommenen bekannt: Der mutmaßliche Täter ist nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ein 27-Jähriger, der mutmaßlich in Sachsen-Anhalt wohnt. Es sei davon auszugehen, dass Stephan B. deutscher Staatsangehöriger sei und die Tat einen rechtsextremistischen Hintergrund habe, hieß es am Mittwoch.

Er sol außerdem in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem am Mittwoch verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss auf einen Mann geschossen wird. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Seehofer spricht von antisemitischen Angriff

Auch ist zu sehen, wie ein junger Mann in Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. In dem Video sind auch Szenen am jüdischen Friedhof von Halle zu sehen.

Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, wie die Behörde in Karlsruhe auf Anfrage mitteilte. Sie ermittele wegen Mordes von besonderer Bedeutung. "Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt", sagte Innenminister Horst Seehofer (CSU) am Mittwochabend.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) brach seinen Besuch bei der EU in Brüssel ab. "Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat", hieß es in einer Mitteilung. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer."

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