Corona und die Folgen auf der Insel : Schluss mit "Saufi saufi": Mallorca bangt um seine Zukunft

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wird es in diesem Jahr wohl keinen Sauftourismus auf Mallorca geben.
Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wird es in diesem Jahr wohl keinen Sauftourismus auf Mallorca geben.

In Spaniens wichtiger Tourismusbranche wird langsam das ganze Ausmaß der Corona-Folgen sichtbar.

von
22. April 2020, 13:20 Uhr

Palma | Idylle am Ballermann: Wo sonst Tausende bei Bier und Sangria zu den Klängen von Hits wie "Saufi saufi" und "Alle Blau" feiern, hört man dieser Tage nur die Vögel zwitschern. Und die Wellen des Mittelmeeres rauschen. Doch bei Hoteliers, Gastronomen und Händlern schrillen die Alarmglocken. Zum Beispiel bei Joan, der an der Playa einen Souvenirladen betreibt. "So schlimm hätte ich mir die Folgen der Corona-Pandemie niemals vorgestellt", klagt er. "Wenn das stimmt, dann gute Nacht Playa, dann machen hier 70 Prozent dicht."

Touristen erst Ende 2020 wieder nach Spanien?

Mit "das" meint der Mallorquiner die Nachrichten der vergangenen Tage. Die Zentralregierung in Madrid warnte, der Tourismus werde im ganzen Land wohl allerfrühestens Ende des Jahres wieder in Gang kommen. Nach einer Prognose des Branchenverbandes Exceltur wird etwa Mallorca wegen der Pandemie dieses Jahr mehr als 95 Prozent der touristischen Einnahmen einbüßen. Das ist viel Geld: 13,5 Milliarden Euro.

Mehr zum Thema:

Nicht nur "das 17. Bundesland", der Deutschen liebste Insel, muss im besonders schwer vom Coronavirus getroffenen Spanien zittern. Dem Tourismussektor im Land drohen Einnahmen in Höhe von insgesamt 124 Milliarden Euro zu entgehen. Aber während der Tourismus zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts Spaniens ausmacht, sind es für die Balearen 45 Prozent. Fast 20 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten auf Mallorca im Tourismus.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

Kampf ums Überleben

"Hat der Ballermann ausgefeiert?", fragte in großen Lettern die "Mallorca Zeitung". Die Party sei vorerst vorbei, für viele Unternehmer gehe es nun "ums nackte Überleben". Das Wochenblatt zitierte in der jüngsten Ausgabe Christophorus Heufken, der in Artà im Norden der Insel - weit weg vom Ballermann - ein kleines Boutique-Hotel betreibt, mit der Aussage: "Faktisch sind wir pleite!". Der 61-Jährige aus dem Ruhrgebiet blickt pessimistisch in die Zukunft. Die Unsicherheit beim Thema Reisen werde auch nach Ende der Ausgangsbeschränkungen und der Grenzöffnung für Ausländer lange weiterbestehen, fürchtet er.

Mit einem Absperrband der Polizei ist der Zugang zu einem Strand auf der Insel Mallorca abgesperrt.
dpa/Clara Margais
Mit einem Absperrband der Polizei ist der Zugang zu einem Strand auf der Insel Mallorca abgesperrt.

Genauso sieht es Hotelier-Kollege Harald Strombeck, der im Norden Mallorcas drei Herbergen mit insgesamt 160 Mitarbeitern hat. "Es wird niemand so schnell wieder reisen". Wegen der Einschränkungen, aus Angst vor Ansteckungen und auch weil vielen Menschen in Spanien, Deutschland und Großbritannien wegen Krise und Kurzarbeit das nötige Geld fehlen werde.

Hören Sie dazu unseren Podcast "Coronaland" mit dem Thema: Urlaub während Corona-Krise: Was ist derzeit in Norddeutschland erlaubt?

Wie ist die Lage im "Megapark" und "Bierkönig"?

Es sei eine "Katastrophe", klagt ein Sprecher des Ballermann-Kultlokals "Megapark", das wie der große Konkurrent "Bierkönig" dieser Tage die mehrtägigen Saisoneröffnungssausen absagen musste. Das Schicksal dieser „Big Player", die den Ballermann mit Auftritten von Inselpromis wie Tim Toupet, Mia Julia und Peter Wackel zum Beben bringen, werde für die Zukunft der Playa entscheidend sein, glaubt die "Mallorca Zeitung": "Sollte die Regierung - aus welchen Gründen auch immer – diesen beiden Großunternehmen finanzielle Hilfen verwehren, dann könnte es um den Ballermann geschehen sein", so die Prognose des Blattes.

Nicht nur um den Ballermann. Die linke Regionalregierung rechnet mit einem Rückgang des Bruttosozialprodukts auf den Inseln in allen Bereichen der Wirtschaft von rund 31 Prozent. Das würde einen Verlust von rund 30 Prozent der Arbeitsplätze bedeuten, mehr als 147.000 Stellen dürften im Zuge der Krise in Bereichen wie dem Tourismus, dem Gastgewerbe und dem Transportsektor verloren gehen.

Einführung elektronischer Gesundheitspässe gefordert

Regionalpräsidentin Francina Armengol will die Branche so schnell wie möglich reaktivieren und fordert unter anderem die Einführung elektronischer Gesundheitspässe in ganz Europa sowie Messungen der Körpertemperatur der Passagiere an Flughäfen und Häfen, um die Einreise von Corona-Infizierten zu verhindern und Einheimischen sowie Reisenden mehr Sicherheit zu bieten.

Die sozialistische Politikerin hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Die Insel drohe wegen Pandemie und Lockdown zum Armenhaus zu verkommen, warnt Toni Bauzá von der Hilfsorganisation Tardor. "Die Zahl der notleidenden Familien, die sich an uns wenden, hat sich in der Krise verdreifacht", berichtet er. Vor den Essenstafeln der Organisation bildeten sich immer längere Schlangen, schrieb die "Diario de Mallorca". Auch das katholische Hilfswerk Caritas berichtete von einer deutlichen Zunahme der Armut.

Feldzug gegen den "Sauftourismus"

Es ist derweil gut möglich, dass einige Mallorquiner dem Virus trotz der mehr als 150 Corona-Toten auf den Balearen und der Wirtschaftskrise auch Positives abgewinnen können. Der balearische Tourismusminister Iago Negueruela zum Beispiel, der bei seinem Feldzug gegen den "Sauftourismus" bisher eher wenig Erfolg gehabt hatte. Oder diejenigen, die Demos gegen Massentourismus veranstalten und an Wände Graffiti wie "Tourism kills the city" oder "Tourists go home!" sprühen. Das Virus könnte die von ihnen gewünschte Abkehr vom Massentourismus begünstigen.

Aber auch ein Topmanager wie Gabriel Escarrer, Präsident der in Spanien führenden Hotelkette Melià, sieht nicht nur schwarz: "Eine der wenigen guten Dinge der Krise ist, dass wir unser Konsummodell überdenken und uns mehr für Nachhaltigkeit einsetzen werden."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen