Social Media statt Bücher : Schlechte Rechtschreibung: Experte gibt WhatsApp und Co. Mitschuld

Keine Bücher, dafür täglich Hunderte von Kurznachrichten: ein Jugendlicher blickt auf sein Smartphone. Foto: dpa/Tobias Hase
Keine Bücher, dafür täglich Hunderte von Kurznachrichten: ein Jugendlicher blickt auf sein Smartphone. Foto: dpa/Tobias Hase

Kinder und Jugendliche lesen kaum noch zusammenhängende Texte – und in sozialen Medien ist Rechtschreibung quasi egal.

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24. April 2019, 15:45 Uhr

Düsseldorf | Keine Bücher, dafür täglich Hunderte von Kurznachrichten auf dem Handy: Die veränderten Lesegewohnheiten von Kindern und Jugendlichen sind nach Ansicht eines Bildungsexperten einer der Gründe für die schlechtere Rechtschreibung.

So spiele das zusammenhängende Lesen nur noch eine geringere Rolle bei Kindern, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger: "Sie lesen halt keine Bücher mehr."

Rechtschreibung in sozialen Netzwerken verpönt

Stattdessen würden täglich Hunderte Kurznachrichten gelesen. "In sozialen Netzwerken spielt die Rechtschreibung keine Rolle", sagte Meidinger. "Da wird eher der schief angesehen, der eine korrekte Rechtschreibung hat und sich die Mühe macht, Großbuchstaben zu schreiben." Lehrer gäben inzwischen sogar die Rückmeldung, dass Schüler Quellentexte oder literarische Texte nicht mehr verstehen.

„Fata", „Hunt" und „Mama, ich hap dich lip" – wenn Grundschüler so drauflos schreiben, dann kocht bei vielen Eltern die Wut hoch. "Lesen durch Schreiben" heißt eine Methode, die gerne zum Sündenbock für das sinkende Rechtschreibniveau geworden ist. Jahrelang sollten ABC-Schützen nach dieser Methode anfangs nach Gehör schreiben, ohne von Lehrern oder Eltern korrigiert zu werden.

Es hat sich im Fach Deutsch die absurde Haltung eingebürgert, Fehler nicht mehr von Anfang an zu verbessern. Hanna Sauerborn, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben

Das umstrittene Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen (1939-2009) aus den 1980er Jahren steht inzwischen in vielen Bundesländern auf dem Index. Nur zwei bis drei Prozent der Grundschulen wenden bundesweit die Methode des Schreibens nach Gehör in Reinform an, so die Schätzungen.

Verzicht auf Fehlerkorrektur "absurd"

Hanna Sauerborn, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, sieht das zu späte Korrigieren als eines der Hauptprobleme. "Es hat sich im Fach Deutsch die absurde Haltung eingebürgert, Fehler nicht mehr von Anfang an zu verbessern", sagte sie.

"Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben." Auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, sinke das Niveau. "Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen."

Unterricht "wie früher" eine Lösung?

Auch Bildungsforscher Hans Brügelmann sieht viele Ursachen des Rechtschreibdramas. "Schon frühere Studien haben immer wieder schlechte Rechtschreibleistungen erbracht." Relativieren wolle Brügelmann nichts. "Aber die Illusion, wenn wir wieder so unterrichten würden wie früher, dann hätten wir das Problem nicht, die müssen wir uns abschminken."

Mehr als jeder fünfte Viertklässler in Deutschland erfüllt bei Rechtschreibung laut einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Mindeststandards nicht.

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