Ost-West-Erinnerungen : Kaffee hin, Häkeldecken zurück

Vom Westen in den Osten wurden vor allem Kaffee, Kekse, Schokolade oder Spirituosen geschickt. Dies wurde  1977 kontrolliert.

Vom Westen in den Osten wurden vor allem Kaffee, Kekse, Schokolade oder Spirituosen geschickt. Dies wurde  1977 kontrolliert.

Bis zur Wende boomte zu Ostern und Weihnachten der Paketverkehr zwischen der DDR und der BRD.

svz.de von
14. April 2019, 05:00 Uhr

Jeweils rund 25 Millionen Pakete wurden vor der Wende jährlich von West- nach Ostdeutschland und in die entgegengesetzte Richtung geschickt, vor allem zu Ostern und Weihnachten. Umhäkelte Decken, Bücher und selbstgefertigte Pullover kamen aus dem Osten; in den Westpaketen befanden sich vor allem Kaffee, Kakao, Schokolade, Backzutaten, Bananen, Strumpfhosen und Kaugummi.

Die Historikerin Konstanze Soch hat sich in ihrer im vergangenen Jahr veröffentlichten Dissertation ("Eine große Freude? Der innerdeutsche Paketverkehr im Kalten Krieg 1949-1989") näher mit dem Thema beschäftigt. Sie hat Unterlagen gesichtet, aus denen hervorgeht, wie die beiden deutschen Staaten diesen Postverkehr jeweils in ihrem Sinne nutzen wollten.

Ost- und West-Grenzer öffneten Pakete

Soch konnte in ihrer Arbeit erstmals nachweisen, dass nicht nur Grenzer der DDR, sondern auch der Bundesrepublik Pakete geöffnet und durchsucht haben. An der Interzonen-Paketprüfstelle Braunschweig wurden nach ihren Angaben 1960 und 1961 mindestens 1.350 Ostpakete auf ihren Inhalt überprüft.

Mit der Verabschiedung eines Gesetzes zur Einschränkung des Post- und Fernmeldegeheimnisses im Jahre 1968 wurden unter anderem in Kiel Pakete aus der DDR von Mitarbeitern des BND und des MAD kontrolliert.

Auf der Suche nach Spionen

"Die Bundesrepublik wollte Spione und Agenten enttarnen. Deshalb waren vor allem Bücher interessant, weil es bestimmte Verschlüsselungsmethoden für Bücher gibt. Das heißt, es wurden dann präventiv alle Informationen zu Büchern aufgeschrieben: welche Auflage, welche Seitenzahl, wie heißt der Autor", schildert Soch das Vorgehen.

Die Historikerin hat mit rund 40 Zeitzeugen in Ost und West jeweils mehrere Stunden gesprochen, die regelmäßig persönliche Pakete geschickt und bekommen haben.

Herr Cabus (Jahrgang 1971) aus Wismar berichtet, dass die Küche, wo sich sonst Großteile des Familienlebens abspielten, für "diese großartige Zeremonie des Paketöffnens gar nicht angemessen" wäre und man dafür extra ins Wohnzimmer umzog:

"Das Paket öffnen war so ein Ritual, das brauchte so'n wirklich feierlichen Rahmen, also da wurde auch vorher noch das Zimmer aufgeräumt, dass alles in Ordnung war, und dann ging's aber los. Das war wirklich so ein großer feierlicher Moment." .
 

Cabus erinnert sich an die bunte Glitzerwelt, die durch das Paket in die Wohnung einzog und den "wahnsinnig verführerischen Westgeruch", wie es ihn in den Intershop-Geschäften gab.

Für Cabus waren die Pakete ein wesentlicher Bestandteil, die verwandtschaftlichen Beziehungen über die Grenze hinweg lebendig zu erhalten. Dabei blieb die Unsicherheit, auf welche Resonanz das eigene Antwortpaket stieß: "Man konnte es nicht sehen, freuen die sich jetzt wirklich oder sagen die nur, ja schönen Dank."

Cabus gehört zu den jüngeren Interviewpartnern, denen im Gegensatz zu den älteren Befragten aus dem Osten klar war, dass die Westverwandtschaft ihre Pakete von der Steuer absetzen konnte.

Ab 1989

Nach der Wende reduzierten sich die Kontakte auf ein geringes Maß. Dies lag nicht selten daran, dass nun zahlreiche Demütigungen hochkamen. Die aus Thüringen stammende Frau Dilling hatte ihrem Bruder, der bereits in den 50er-Jahren die DDR in Richtung Niedersachsen verlassen hatte, eine hochwertige Kupferschale geschickt, die es nur mit viel Mühe zu kaufen gab. Bei einem Besuch stellte sich heraus, dass sie der West-Verwandtschaft als Blumenuntersetzer diente.

"Das war für mich wie ein Stich ins Herz", sagt Dilling, die in den 80er-Jahren in den Westen übersiedelte. Dort erfuhr sie von ihrer Schwägerin, dass die Pakete aus dem Osten immer nach "Scheuerlappen“" gerochen hätten.

Herr Seifert aus Lübeck (Jahrgang 1935) besuchte Tante und Onkel häufiger in der DDR und bekam von ihnen immer vom eigenen Hof Eier und geschlachtete Enten als Dank für seine Pakete mit auf den Weg.

"Da sag ich: Tante Hedwig, Onkel Karl, lass gut sein, das ist alles in Ordnung, wir machen das gerne. Wir können es auch bezahlen, das ist für uns kein Opfer…Naja, aber trotzdem… Sie wollten auch was geben, was ja auch menschlich verständlich ist, nicht?" .
 

Das führte nicht selten zu Problemen an der Grenze wegen der Ausfuhrbestimmungen für Lebensmittel.

Seifert verschickte über Jahrzehnte vor allem Kaffee, Südfrüchte und Backzutaten, weil diese Produkte nach seiner Einschätzung nach wie vor Mangelware in der DDR waren. Dabei erlebte er, dass nicht alle Pakete ankamen, weil er die zulässigen Höchstmengen überschritten hatte. Auch sonst verschwanden bei der Kontrolle in den Hauptzollämtern wie Rostock und Postkontrollpunkten wie Schwerin Westpakete – in fast allen DDR-Bezirken wurden Fälle von Paketdiebstahl gemeldet.

Seifert bekam auch regelmäßig Ost-Pakete. Er berichtet über Holzteller und andere Geschenke, die ihm nicht zusagten:

"Wir wollten den Leuten ja jetzt nicht sagen, den Müll könnt ihr behalten…haben wir nicht gemacht, wir haben es genommen und haben uns bedankt, weil wir genau wussten, die meinen das auch nur herzensgut." .
 

Über solche Enttäuschungen wurde fast nie gesprochen. Beide Seiten konnten oft nicht die Mühe einschätzen, die für den Absender mit den Geschenken verbunden waren. Nach dem Fall der Mauer brachen die Paket-Beziehungen oft ab.

Sochs Resümee: "Erschienen die Ostdeutschen den bundesrepublikanischen Versendern vielfach als undankbar, empfanden die Menschen aus den neuen Bundesländern ihre Verwandten nicht selten als überheblich und arrogant, die durch den Versand der Pakete nur ihre wirtschaftlich bessere Stellung unterstreichen wollten."

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