Debatte um zweiten Gesetzentwurf : Widerspruchslösung oder nicht: Was, wenn wir automatisch Organspender wären?

Der Bundestag debattiert eine Neuregelung der Organspende in Deutschland.
Der Bundestag debattiert eine Neuregelung der Organspende in Deutschland.

Die Organspende soll freiwillig bleiben – nicht quasi automatisch wie etwa in Österreich, fordern Abgeordnete am Montag

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06. Mai 2019, 10:55 Uhr

Berlin | Soll jeder Volljährige automatisch Organspender sein oder erst nach freiwilliger Entscheidung? In der Debatte um neue Regeln für die Organspende hat eine fraktionsübergreifende Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linke-Vorsitzende Katja Kipping am Montag einen weiteren Gesetzentwurf vorgelegt. Er setzt auf verbindliche Aufklärung und Freiwilligkeit, statt auf automatische Organspende bis auf Widerruf.

Etwa beim Ausweisabholen sollen Bürger ihre Spendebereitschaft freiwillig in ein Register eintragen können, heißt es in dem zweiten Gesetzentwurf, der mehr Organspender in Deutschland mobilisieren soll. Die Eintragung soll online erfolgen können und jederzeit änderbar sein. Außerdem sollen Hausärzte alle zwei Jahre das Thema bei ihren Patienten ansprechen.

Im ersten Entwurf von einer Gruppe Bundestagsabgeordneten um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) von Anfang April war eine "doppelte Widerspruchslösung" favorisiert worden. Demnach gilt jeder als Spender, wenn er dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat – und sofern seine Angehörigen nach dem Todesfall einer Spende zustimmen.

Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht?

Die bisherige Zustimmungsregelung habe nicht gefruchtet, begründete Spahn seinen Vorstoß und verwies auf weiterhin zu niedrige Spenderzahlen. Im vergangenen Jahr waren sie zwar erstmals seit Längerem wieder deutlich auf 955 Spender gestiegen – rund 9400 Patienten warten aber auf Spenderorgane. "Es sterben jedes Jahr um die 2000 Menschen auf der Warteliste", sagte SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach.


Kritik an der Widerspruchslösung kommt von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Sie warnte vor einer Aufgabe der Freiwilligkeit und fordert Respekt für Menschen, die sich bei dem Thema nicht festlegen wollen. Auch der Ethikrat sieht den Vorstoß skeptisch. Er beschädige Vertrauen, sagte der Vorsitzende Peter Dabrock im Deutschlandfunk: "Damit wird für mich der Körper nach dem Hirntod zu einem Objekt der Sozialpflichtigkeit."

Widerspruchsregelung fast europaweit Standard

Die hierzulande umstrittene Widerspruchsregelung gilt bereits in fast allen europäischen Staaten. Auch in Spanien, dem europäischen Land mit den meisten Organspendern. Die Karte zeigt die Rate der Organspender bezogen auf die Einwohnerzahl. Demnach liegt Deutschland mit rund zehn Organspendern pro Million Einwohner im europäischen Vergleich weit hinten:


Wie funktioniert der Widerspruch?

Wird in Deutschland auch die Widerspruchslösung eingeführt, wäre jeder automatisch Organspender, es sei denn er oder Angehörige widersprechen dem zu Lebzeiten. Akzeptiert wird meist ein entsprechender Vermerk im Spendeausweis, eine schriftliche Notiz oder die mündliche Mitteilung an Angehörige sowie ein Eintrag im offiziellen Widerspruchsregister, das vor einer Transplantation überprüft wird.

Wie EU-Staaten die Organspende regeln

Drei Varianten

Widerspruchsregelung: Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, GriechenIand, Italien, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn
Erweiterte Zustimmungsregelung: Dänemark, Irland, Litauen, Niederlande (ab Sommer 2020 Widerspruchslösung), Rumänien, Vereinigtes Königreich und Zypern
Entscheidungsregelung: Deutschland


In Österreich gilt diese Regelung bereits seit 1978. Dass auch Deutschland sie gesetzlich vorschreibt, wäre "begrüßenswert", meint Stephan Eschertzhuber, Anästhesist in Hall und mehrjähriger Leiter der Transplantationsabteilung in Innsbruck. "Organtransplantationen sind eine absolut und direkt lebensrettende Maßnahme", sagte er unserer Redaktion, "Es wäre ein positives Signal des Staates das zu unterstützen."

Theorie: Jeder, der in Österreich stirbt, ist Organspender

Allerdings erwarte er davon keine große Veränderung der Spenderzahlen. "Die Widerspruchslösung würde zu einem medialen Aufschrei führen, aber die Zahlen der Spender nur marginal beeinflussen", sagte Eschertzhuber. Für einen leichten Anstieg der Spenderzahlen würde seiner Ansicht nach eher die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema führen: "Ein Gesetz alleine gibt nicht den Ausschlag, sondern die Aufklärung darüber."

An ihr mangele es in beiden Ländern gleichermaßen. "In Deutschland haben die allermeisten keinen Ausweis, in Österreich hat sich praktisch niemand im Widerspruchregister eingetragen – weniger als ein Prozent der Bevölkerung." Laut dem Experten kennt ein Großteil die Widerspruchregel nicht einmal. "Viele wissen nicht, dass potenziell jeder Organspender ist, der in Österreich stirbt – auch Urlauber."

Weiterlesen: "Täglich drei Tote": Zu wenig Spenderorgane in Deutschland

Praxis: Rücksicht auf Angehörige geht oft vor

In der Praxis legen die österreichischen Kliniken die Widerspruchsregel jedoch nicht so streng aus. "Wir respektieren den übermittelten Willen des Verstorbenen, aber bei Unkenntnis und strikter Ablehnung der Angehörigen, führen wir die Transplantation nicht durch", betonte Eschertzhuber. Das bedeutet allerdings, dass von den gemeldeten Spendern ein gewisser Teil nicht mehr infrage kommt, weil Hinterbliebene das verhindern. 2016 haben in 28 Prozent der Fälle Angehörige eine Organspende untersagt.

Im Jahr 2017 gab es in Österreich (8,7 Millionen Einwohner) 717 Transplantationen und 206 postmortale Organspender. Zum Vergleich dazu gab es in Deutschland (82,5 Millionen Einwohner) 2765 Transplantationen und 797 Organspender. Hier wird der Unterschied zwischen Organspenden und Organspendern deutlich: Während in Deutschland zahlenmäßig mehr Organe entnommen und eingepflanzt wurden als in Österreich, gibt es dort gemessen an der Bevölkerungszahl doppelt so viele Spender wie hierzulande.

Methode in Salzburg erfolgreich

Dass eine hohe Zahl potenzieller Spender nicht zwangsläufig zu mehr Organspenden führt, zeigt das Beispiel des Krankenhauses in Salzburg: Laut Eschertzhuber wurden dort lange so wenige Organspenden durchgeführt wie in Gesamtdeutschland: etwa elf jährliche Explantationen pro eine Million Einwohner. Doch man habe die Zahl auf 46 steigern können, "trotz selben Personals und gleicher Ausstattung, aber mit besserem Informationsangebot und Betreuung", berichtete der Mediziner.

Die tatsächliche Spendebereitschaft steigert sich seiner Einschätzung nach, wenn die Ärzte bereit sind, die Angehörigen in ihrer belastenden Situation intensiv zu beraten. Hürden sehe er in Deutschland dafür im Personalmangel und bei der Sprachbarriere vieler ausländischer Ärzte.


In Deutschland gilt bislang die Informationsregelung, die niemandem vorschreibt, Organspender zu sein, aber die Krankenkassen müssen über die Möglichkeit der Spende aufklären. In einem Organspendeausweis kann jeder ab einem Alter von 14 Jahren festhalten, ob er einer Spende zustimmt oder nicht, beziehungsweise welche Organe er ein- oder ausschließen will. Umfragen zufolge tragen aktuell etwa 36 Prozent der Deutschen diesen freiwilligen Ausweis bei sich. Vor sechs Jahren waren es noch 22 Prozent.

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