Fall Avery: Mörder oder Justizopfer? : Netflix-Serie "Making a Murderer" geht weiter

Steven Avery (rechts) und seine Eltern: Szene aus der zweiten Staffel von 'Making a Murderer'.
Steven Avery (rechts) und seine Eltern: Szene aus der zweiten Staffel von "Making a Murderer".

Steven Avery ist wegen Mordes in Haft – als Justizopfer? "Making a Murderer", die Netflix-Serie zum Fall, geht weiter.

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19. Oktober 2018, 00:01 Uhr

Berlin | Eine größere Fallhöhe als die Geschichte von Steven Avery kann ein True-Crime-Stoff nicht bieten: 18 Jahre sitzt der Mann aus Wisconsin wegen versuchten Mordes und sexueller Gewalt im Gefängnis. Dann wird er wegen erwiesener Unschuld freigelassen. Als er die Verantwortlichen auf Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöre verklagt, geschieht ein zweites Verbrechen: Nach dem Tod einer jungen Frau, die zuletzt auf seinem Grundstück gesehen wurde, steht Avery wieder vor Gericht und wird nun wegen Mordes verurteilt. Ist er zum zweiten Mal Opfer eines Justizirrtums geworden, womöglich sogar einer Intrige?

"Making a Murderer" – Netflix-Serie zweifelt am Urteil


Diese These spielten Laura Ricciardi und Moira Demos 2015 durch. Mit Averys Anwälten fragten sie in ihrer Netflix-Serie „Making a Murderer“, ob Averys Blutspuren im Auto des Opfers auch von Dritten platziert worden sein könnten. Sie kritisierten den Interessenskonflikt von Ermittlern, die sich bei seiner ersten Verurteilung angreifbar gemacht hatten, und weckten Zweifel an der Aussage des Belastungszeugen: Averys minderjähriger und wohl entwicklungsverzögerter Neffe Brendan Dassey hatte einen gemeinschaftlichen Mord zugegeben, sein Geständnis später aber als Falschaussage unter dem Druck der Befragung bezeichnet.

Bei alldem profitierte die Serie, später mit vier Emmy Awards ausgezeichnet, von der großflächigen Verfügbarkeit des sensibelsten Materials. Der Videomitschnitt von Dasseys Verhör, Aufnahmen aus dem Prozess: Alles das darf öffentlich gezeigt werden, und in zehn Episoden breiteten die Regisseurinnen es vor dem Publikum aus wie die Beweise vor dem Richter. Der Zuschauer wurde zur Jury. Und dass die Regie als Anwalt der Inhaftierten argumentierte, demonstrierte sie schon im Titel – der den Fall als „Konstruktion eines Mörders“ definiert.

Die zweite Staffel von "Making a Murderer"

Zehn Jahre haben die Filmemacherinnen an der ersten Staffel gearbeitet; wenn drei Jahre später die nächste folgt, verdankt es sich einer neuen Protagonistin: Mit Kathleen Zellner hat inzwischen eine Star-Anwältin Averys Fall übernommen, die auf die Rehabilitierung unschuldig Verurteilter spezialisiert ist. Mit ihr unternimmt die Serie eine neue Bewertung der bereits diskutierten Indizien, Widersprüche und Zweifel der Anklage.

Auch in der zweiten Staffel wird „Making a Murderer“ zum Plädoyer gegen ein Rechtssystem, dem eine Verurteilung – womöglich – mehr wert als die Wahrheitsfindung. Und zur Kritik an einem privilegierten Justizapparat, der – dem Anschein nach – auf Kosten der Unterschicht agiert. Atemlos lässt man noch einmal sein Rechtsgefühl aufpeitschen, verfolgt, wie mehrdeutig und manipulierbar Beweise und selbst Geständnisse sind und wie existenziell die Folgen einer Fehleinschätzung vor Gericht. Und im Hinterkopf ahnt man zugleich, wie sehr man als Zuschauer selbst Teil der Geschichte wird: Die öffentliche Meinung ist ein Faktor im Rechtssystem, zumal in dem der USA. Und die Wirkung der Netflix-Serie ist gewaltig: Eine Petition für die Begnadigung Steven Averys und Brendan Dasseys erreichte über 100.000 Unterschriften, Averys ehemalige Anwälte waren nach der Serie mit einem Vortrag zum Fall auf Tour, und der Staatsanwalt, den die erste Staffel als geltungssüchtigen Rechtsverdreher schildert, hat in seinem Postfach Morddrohungen.

„Making a Murderer“, Staffel 2. Ab 19. Oktober 2018 auf Netflix.

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