Abschied vom Eis in den Alpen : Vorbild Island: Schweizer trauern um abgeschmolzenen Pizol-Gletscher

Eine Schweizer Studie sagt voraus, dass bis 2010 rund 90 Prozent der Gletscher in den Alpen abgeschmolzen sein werden.
Eine Schweizer Studie sagt voraus, dass bis 2010 rund 90 Prozent der Gletscher in den Alpen abgeschmolzen sein werden.

Nach der demonstrativen Trauerfeier für den als tot erklärten Gletscher Okjökull in Island sind nun die Schweizer dran.

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22. September 2019, 16:49 Uhr

St. Gallen | Im Osten der Schweiz haben dutzende Umweltaktivisten in schwarzer Tracht am Sonntag einen Trauermarsch für den abgeschmolzenen Pizol-Gletscher veranstaltet. Der seit 1893 erforschte Gletscher in der Nähe des Fürstentums Liechtenstein habe "so stark von seiner Substanz verloren, dass er aus wissenschaftlicher Sicht kein Gletscher mehr ist", sagte Alessandra Degiacomi von der Schweizer Vereinigung für Klimaschutz.

Der Gletscherforscher Matthias Huss vermisst das verbliebene Eis. Foto: dpa/Gian Ehrenzeller/KEYSTONE
Der Gletscherforscher Matthias Huss vermisst das verbliebene Eis. Foto: dpa/Gian Ehrenzeller/KEYSTONE


Seit 2006 habe der Pizol-Gletscher zwischen 80 und 90 Prozent seines verbliebenen Volumens verloren, sagte der Geologe Matthias Huss von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Es blieben noch 26.000 Quadratmeter übrig, "weniger als vier Fußballfelder". Der Pizol-Gletscher befand sich in einer Höhe von rund 2700 Metern.

Ein Wanderer spielt Akkordeon an einem See unterhalb des Pizol-Gletschers. Foto: dpa/Gian Ehrenzeller/KEYSTONE
Ein Wanderer spielt Akkordeon an einem See unterhalb des Pizol-Gletschers. Foto: dpa/Gian Ehrenzeller/KEYSTONE


"Trauerkleidung erwünscht", stand auf der Einladung der Organisatoren. Hinter der Aktion stehen unter anderem das Hilfswerk Fastenopfer sowie die Gletscherinitiative und Greenpeace. Zu der fünf Kilometer langen Wanderung von der Pizol-Hütte zum Gletscher kamen rund 100 Teilnehmer. Am Gletscher sprachen unter anderem ein Glaziologe und ein Pfarrer.

Ein Pfarrer und eine Gletscherforscher leiteten die Abschiedszeremonie. Foto: AFP/Fabrice COFFRINI
Ein Pfarrer und eine Gletscherforscher leiteten die Abschiedszeremonie. Foto: AFP/Fabrice COFFRINI


Seit 1850 seien in der Schweiz mehr als 500 Gletscher verschwunden, sagt Geologe Huss. Viele von ihnen hätten keinen Namen getragen. Der Pizol-Gletscher sei ein Sonderfall, weil er "sehr gut untersucht worden" sei.

In den Alpen gibt es rund 4000 Gletscher. Sie sind Touristen-Magneten und Wasserspeicher für Millionen Menschen. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten mehr als 90 Prozent von ihnen abgeschmolzen sein – selbst der größte, der in der Schweiz liegende Aletsch-Gletscher.

Nur noch Reste sind vom Pizol-Gletscher verblieben. Foto: AFP/ Fabrice COFFRINI
Nur noch Reste sind vom Pizol-Gletscher verblieben. Foto: AFP/ Fabrice COFFRINI


Am Montag startet der Klimagipfel der Vereinten Nationen

Der Trauermarsch für den Pizol-Gletscher erfolgte am Vortag des UN-Klimagipfels in New York, bei dem es darum geht, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf höchstens zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, möglichst sogar auf 1,5 Grad. Im August wurde in Island eine Gedenktafel für den durch den Klimawandel verschwundenen Okjökull-Gletscher enthüllt.

Die Schweizer Vereinigung für Klimaschutz hat eine Volksinitiative für eine Referendum gestartet, mit der die Gletscher in den Schweizer Alpen geschützt werden sollen. Die Initiative hat zum Ziel, die Treibhausgas-Emissionen der Schweiz bis 2050 netto auf Null zu reduzieren.

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