Urteil von seltener Härte : Ihre Tat rüttelt seit 2012 das Land auf: Vier Vergewaltiger in Indien gehängt

Die Mutter des Opfers kämpfte jahrelang für eine Bestrafung der Täter.
Die Mutter des Opfers kämpfte jahrelang für eine Bestrafung der Täter.

Vor sieben Jahren hatten mehrere Männer eine Studentin brutal missbraucht. Aber ist das Land für Frauen nun sicherer?

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20. März 2020, 07:09 Uhr

Neu Delhi | Die vier Vergewaltiger sterben am Freitag im Morgengrauen am Galgen. Noch eine halbe Stunde hängen die leblosen Körper an den Seilen, bevor sie heruntergelassen werden, wie das Gefängnis in Neu Delhi berichtet. Nach der Hinrichtung brechen Hunderte vor dem Gefängnis in der indischen Hauptstadt versammelte Menschen in Jubel aus und schwenken Nationalfahnen. Denn damit ist für viele Inder ein dunkles Kapitel ihrer jüngeren Geschichte abgeschlossen – ein Problem aus der Welt geräumt.

Es ist etwas mehr als sieben Jahre her – Mitte Dezember 2012: Die 23 Jahre alte Medizinstudentin und ein Freund nehmen nach einem Kinoabend für den Heimweg einen Bus, in dem auch sechs betrunkene Männer sind. Diese verprügeln den Freund und vergewaltigen die Frau während der Fahrt. Für ihre Tat nutzen sie auch eine Metallstange. Danach werfen sie beide aus dem Bus und versuchen noch, sie zu überfahren. Die Frau stirbt knapp zwei Wochen danach in einem Krankenhaus an ihren inneren Verletzungen.

Das Verbrechen sorgte weltweit für Schlagzeilen und schockte nicht nur das Land. Es zeigte: Indien hat ein grundsätzliches Problem – ein Vergewaltigungsproblem.

Mutter der Studentin spricht von "Gerechtigkeit"

Nach der Hinrichtung am Freitag sagte die Mutter des Opfers Reportern, was sie schon lange hatte sagen wollen: "Es hat gedauert, aber Gerechtigkeit wurde endlich geschaffen." Hinrichtungen sind in Indien eine Seltenheit. Obwohl zurzeit Hunderte Verurteilte in der Todeszelle sitzen, werden nur wenige Urteile vollstreckt. Zuletzt war 2015 ein Mann gehängt worden, der 1993 für einen der schlimmsten Terroranschläge der indischen Geschichte mit mehr als 200 Toten und Hunderten Verletzten verantwortlich gewesen war. Mit der Hinrichtung der vier Vergewaltiger will Indien nun exemplarisch zeigen, dass es die Sicherheit von Frauen ernst nimmt.

Die Eltern des Opfers zeigen das Victory-Zeichen und sprechen von einer gerechten Strafe. Foto: imago images/Hindustan Times
Die Eltern des Opfers zeigen das Victory-Zeichen und sprechen von einer gerechten Strafe. Foto: imago images/Hindustan Times


Örtliche Medien feierten den Henker schon länger als Helden, er gab Interviews und sagte, dass die Hinrichtung eine große Erleichterung für sein Land sein und Vergewaltiger abschrecken werde. Berichten zufolge rieb er die Seile mit Bananen ein, um sie glatter zu machen und den Tod zu beschleunigen. Die Stärke der Seile habe er mehrfach mit Säcken voller Steine getestet, hieß es.

Jahrelanger Rechtsstreit um Kapitalstrafe

Die Anwälte und Familien der Verurteilten versuchten noch bis in die frühen Morgenstunden, den Tod der vier Verurteilten zu verhindern. Die Täter – ein Fitnesstrainer, ein Fruchtverkäufer, eine Reinigungsfachkraft und ein Arbeitsloser – könnten für klinische Studien im Kampf gegen das neuartige Coronavirus gebraucht werden, flehte der Vater eines Verurteilten zuletzt. "So würde ihr Leben genutzt werden, um die Menschheit zu retten", sagte er dem Magazin "Outlook".

Doch viele Inder wollten den Tod der Männer – das hatten bereits Tausende kurz nach der Tat vor sieben Jahren bei Demonstrationen gefordert. Das Urteil gegen die Täter stand kurz danach fest, aber die vier gingen jahrelang juristisch dagegen vor und baten zuletzt auch den Präsidenten, sie zu begnadigen. Ein weiterer Täter war damals minderjährig und inzwischen wieder auf freiem Fuß, der sechste wurde tot in seiner Gefängniszelle gefunden.

Aufstände nach der Tat führen zu härteren Gesetzen

Die Wut der Menschen nach der Gruppenvergewaltigung von damals führte auch zu härteren Gesetzen gegen Vergewaltiger. Premierminister Narendra Modi kündigte null Toleranz gegen Sexualstraftäter an. Trotzdem, so klagen indische Aktivistinnen, habe sich das Leben für Frauen seither nicht verändert – was auch eine Hinrichtung nicht ändere. Alle 15 Minuten wird nach offiziellen Zahlen im Land eine Frau oder ein Mädchen vergewaltigt. Dazu kommen weitere Fälle. Auch heute schweigen viele Inderinnen darüber.

Simultan gibt es Proteste gegen die Todesstrafe. Foto: imago images/Hindustan Times
Simultan gibt es Proteste gegen die Todesstrafe. Foto: imago images/Hindustan Times


Das Problem liege in der patriarchalen Gesellschaft, sagt Frauenrechtsaktivistin Ranjana Kumari. Viele Frauen lernten schon früh, dass sie weniger wert seien als ihre Brüder. Jedes Jahr werden Tausende weibliche Föten abgetrieben, Mädchen besuchen Schulen seltener als Jungen und Töchter sind für Familien oft eine finanzielle Belastung – häufig müssen sie bei ihrer Heirat eine hohe Mitgift zahlen, obwohl dies inzwischen offiziell verboten ist.

Und dass inzwischen mehr indische Frauen studieren und arbeiten, führe dazu, dass sich etliche Männer, die es in der Gesellschaft nicht so weit gebracht haben, bedroht fühlten – und auch deshalb vergewaltigten, sagt Kumari. Auch die nun gehängten Vergewaltiger lebten einst in einem Slum im Süden von Neu Delhi.

Strafverfolgung mangelhaft

Aktivistinnen werfen der Polizei und dem Justizsystem vor, Opfer sexueller Gewalt zu wenig ernst zu nehmen – besonders wenn sie einer tiefen Kaste angehörten. Polizisten und Politiker sagen immer wieder, dass anständige Frauen, nicht spät unterwegs sein sollten. Viele Fälle bleiben jahrelang liegen und manche Verdächtige kommen gar auf Kaution frei. So konnten Männer vor einigen Wochen ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer auf dem Weg zum Gericht anzünden.

Aber immer wieder, wenn es in den vergangenen Jahren besonders schlimme Fälle sexueller Gewalt in Indien gab, wurde demonstriert, wurde gefordert, dass die Täter hingerichtet werden sollen. Dann stieg der Druck auf die Behörden. Nach Protesten Ende vergangenen Jahres erschossen Polizisten mutmaßliche Vergewaltiger und Mörder bei einer Tatortbegehung und erhielten dafür viel Applaus. Der Vater des Opfers dankte damals den Polizisten.

Auch die Hinrichtung vom Freitag sehen die Eltern des Opfers, dem indische Medien den Namen "Nirbhaya" gaben ("Furchtlos" auf Hindi), als Erfolg für die Frauen des Landes. Ihre Tochter komme nicht zurück, sagt die Mutter. Aber sie werde weiter für die Töchter des Landes kämpfen. Doch die Werte einer Gesellschaft ändern sich nur langsam.

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