Mehr als 1000 Teilnehmer : „Testlauf für eine Diktatur“: Krude Theorien auf Corona-Demo in Hannover

'Inzwischen sind mehr Menschen an Corona verblödet als gestorben' ist auf dem Plakat in Hannover zu lesen.
"Inzwischen sind mehr Menschen an Corona verblödet als gestorben" ist auf dem Plakat in Hannover zu lesen.

Großes Polizeiaufgebot, ein Demonstrationszug, der immer wieder gestoppt wird und viele krude Theorien: Warum sind am Samstag in Hannover so viele Menschen unter dem Motto „Walk to freedom“ gegen die Masken und die Politik auf die Straße gegangen?

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12. September 2020, 22:32 Uhr

Hannover | Friedhelm Schrodt aus Bad Pyrmont redet sich in Rage. Er steht ganz vorne bei der Anti-Coronakundgebung am Georgsplatz am Samstag in Hannover. Die Pandemie? „Ein Riesenfake“, sagt Schrodt. Er sei von Anfang an misstrauisch gewesen, habe sich dann über alternative Medien informiert und RKI-Statistiken analysiert. Ergebnis: Falls es das Virus überhaupt gebe, sei es vollkommen ungefährlich. Bildern aus Italien und den USA glaubt der Mann mit Shirt und Hut nicht. Er beklagt: Diese Haltung habe zu „tiefsten bis feindlichen Spaltungen“ im Freundes- und Familienkreis geführt. Er ist heute alleine hier, war auch in Berlin dabei und will weiter demonstrieren. Er glaubt mit Blick auf die Regeln gegen die Pandemie: „Das ist ein Testlauf für einen Diktatur.“ Was es mit den Impfungen auf sich habe, da ist er sich nicht sicher.

So wie Schrodt denken viele an diesem Samstag in Hannover. Einen Steinwurf vom niedersächsischen Landeskriminalamt finden sich nach und nach zunächst einige Hundert Demonstranten auf einer großen Wiese ein. Kühler Wind fegt durch den großen Ahornbaum an der U-Bahnhaltestelle „Waterloo“. Auf der Bühne läuft Michael Jackson: „Heal the world. Make it a better place.“

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Es geht familiär zu: Picknickdecken, Tupperdosen, Demonstranten aller Altersgruppen, Paare, Familien. Eine Frau sagt zu ihrem Sohn: „Jetzt erstmal Mittagessen!“ Ein Ordner kommt vorbei, fragt etwas unwirsch: „Haben Sie ne Maskenbefreiung?“ Viermal Kopfschütteln. Der Ordner geht wortlos weiter und hinterlässt fragende Gesichter. Später klärt sich: Wer sitzt braucht keine Maske, wer steht oder läuft schon. Viele bleiben dennoch ohne Maske stehen.

Teilnehmer fühlen sich belogen, fordern "Freiheit"

13.04 Uhr: Über die Lautsprecher dröhnt eine Männerstimme: „Here is the walk to freedom. Hier ist Hannover.“ Jubel, Applaus. Hauptrednerin hier: Eine Frau, die sich als Dr. Carola Javid-Kistel vorstellt. Sie heizt die Stimmung an: „Wir sind Menschen, die es Leid sind, so belogen und ausgenutzt zu werden.“


Auf ihrer Internetseite informiert die Ärztin über Naturheilverfahren und Homöopathie. Auf der Bühne kritisiert sie Maskenpflicht und Abstandsregeln. „Dagegen war die DDR ein Kinderspiel.“ Sie habe Menschen erlebt, die hinter der Maske kollabiert seien. „Ärzte, die Atteste ausstellen, werden gejagt“, behauptet die Frau mit dem blonden Pony und einem grünem Shirt mit dem Demo-Motto.

Die Teilnehmer unterhalten sich zum Teil so laut, dass die Sprecherin kaum verständlich ist. Die ruft: „Es gibt einfach keinen Rechtsstaat mehr.“ Rund um die Wiese sichern Dutzende Polizisten die Veranstaltung.

Die Ärztin vermutet nun, man wolle durch Coronaangst eine Diktatur schaffen und fragt sich, ob mit einer Impfung Chips implantiert werden sollen. Als wenig später ein Sänger vorne „Frieden“ ruft, skandieren die Demonstranten wütend, wie um ihm zu widersprechen: „Freiheit“. Zuletzt fordert ein 12-jähriger Schüler auf der Bühne, dass die Menschen „anfangen selber zu denken“.


Keine Masken, kaum Abstand

Es dauert lange, bis der Demozug das Gelände verlassen darf. Von Anfang an werden Masken- und Abstandsregeln nicht eingehalten. Erst um 14.34 dürfen die Demonstranten loslaufen. Dabei startet die nächste Kundgebung anderthalb Kilometer entfernt in einer halben Stunde.

In der Menge: Viele Regenbogenfahnen, Hamburgfahnen. Texte auf Autos werfen Politikern Massenmord vor und Medien Gehirnwäsche. Ein Plakat ruft zum Widerstand auf. Polizisten flankieren die Menge, eine Gruppe setzt Sturmhauben und Helme auf. Ein paar Hundert Meter entfernt stehen Wasserwerfer, die heute nicht zum Einsatz kommen. Die Polizei wird am Abend von rund 1100 Teilnehmern sprechen. Bei einer Gegenkundgebung am benachbarten Opernplatz haben demnach rund 450 Menschen demonstriert. Mehrere hundert nahmen an unterschiedlichen linken Versammlungen teil.

Demonstranten ziehen mit Schildern und Transparenten durch Hannovers Innenstadt.
Hauke-Christian Dittrich/dpa
Demonstranten ziehen mit Schildern und Transparenten durch Hannovers Innenstadt.


Vorne klagt Javid-Kistel per Megafon: „Das ist ja auch was Symbolisches, dass wir hier einen Maulkorb tragen müssen.“ Auf der dreispurigen Straße vorm Neuen Rathaus muss der Zug anhalten. Problem: Abstände und kontinuierliche Verstöße gegen die Maskenpflicht. Es wird rund zwanzig Minuten dauern, bis es endlich weitergeht.

Eine, die geduldig wartet, ist Anne Lechtenberg aus Leer. Sie kritisiert „wie hier Angst verbreitet wird und dass wir sowas zulassen wie diese Impfung.“ Die Frau mit der grünen Maske fordert, dass auch Wissenschaftler mit einer anderen Meinung als Christian Drosten gehört wRüden.

Vorne wird die Ärztin am Megafon ungeduldig und formuliert nun schärfer: „Es fing auch im Dritten Reich nicht mit den Gasmasken an.“ Sätze wie dieser bleiben unwidersprochen. Ein Teilnehmer hält ein Schild hoch: „Gib Gates keine Chance.“

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Polizei stoppt Demonstrationszug mehrfach

Immer wieder muss der Demonstrationszug anhalten, wird auf die Spielregeln aufmerksam gemacht. Während die Demonstranten von Schikane und abgeschafften Grundrechten sprechen, erklärt ein Polizeisprecher Rande der Demonstration, Ziel sei es, die Demonstranten weiterlaufen zu lassen. „Aber im hinteren Bereich sind viele ohne Mund-Nasen-Schutz unterwegs.


Parallel postieren sich immer wieder Antifa-Gruppen direkt neben den Anti-Corona-Demonstranten und brüllen „Nazis raus“. Die Beamten bemühen sich, die beiden Blöcke voneinander fernzuhalten.

Angesichts der zahllosen Verstöße gegen die Auflagen könnte die Polizei die Demo abbrechen. Stattdessen wird eine Änderung der Route erlaubt, damit der Demonstrationszug mit einer Stunde Verspätung am Platz der zweiten Kundgebung, am Georgsplatz, ankommt. Immerhin: Größere Zwischenfälle verzeichnet die Polizei nicht. Lediglich eine Auseinandersetzung an der ersten Bühne, woraufhin drei Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten eingeleitet wurden. Außerdem ermittelt die Polizei wegen mutmaßlich gefälschter Atteste, die von der Maskenpflicht befreien sollten.

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Moritz Frankenberg/dpa


Bei der letzten Kundgebung an diesem Abend steht Friedhelm Schrodt unter einem Ahornbaum und sagt: „Ich möchte wieder die alte Normalität zurück.“ Er behauptet, Grundrechte seien eingeschränkt, das müsse ein Ende haben. Was heißt das konkret? Was soll diese Demo bewirken? Schrot überlegt kurz und sagt dann: „Ich will bei der Arbeit endlich wieder meine Meinung sagen.“

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