Neue Rätsel nach Graböffnungen : Mysteriöser Vermisstenfall im Vatikan: Was geschah mit Emanuela Orlandi?

36 Jahre nach ihrem Verschwinden gibt es noch immer keine Spur von Emanuela Orlandi.
36 Jahre nach ihrem Verschwinden gibt es noch immer keine Spur von Emanuela Orlandi.

Die Öffnung zweier Gräber sollte Licht ins Dunkel bringen – sorgte stattdessen aber für noch mehr Rätsel.

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11. Juli 2019, 16:17 Uhr

Rom | Ein verschwundenes Mädchen, Jahrzehnte voller Gerüchte um Drogen und Sexpartys, geöffnete Gräber, die überraschend leer sind – und das alles mitten im Zentrum der katholischen Kirche, im Vatikan: Der Kriminalfall Emanuela Orlandi klingt nach einem Kriminalroman, beschäftigt die italienischen Behörden aber seit vielen Jahren. Am 22. Juni 1983 verschwand die damals 15-jährige Tochter eines päpstlichen Hofdieners spurlos. Noch immer versucht ihre Familie herauszufinden, warum Emanuela nicht vom Musikunterricht im Zentrum Roms nach Hause kam.

Neue Hinweise auf zwei alte Gräber

In Italien ist das Verschwinden des Mädchens einer der meistdiskutierten Kriminalfälle, zahlreiche Bücher wurden veröffentlicht, unzählige Gerüchte machten die Runde. Was wirklich geschah, ist auch nach 36 Jahren noch unklar. Neue Hinweise sorgten nun dafür, dass auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico im Vatikan zwei Gräber geöffnet wurden.

Wandgemälde in Rom zur Erinnerung an Emanuela Orlandi.
imago images / Pacific Press Agency
Wandgemälde in Rom zur Erinnerung an Emanuela Orlandi.

Ein anonymer Brief hatte die Familie von Emanuela auf die mehr als 150 Jahre alten Gräber von Sophie von Hohenlohe (gestorben 1836) und Herzogin Charlotte Friederike zu Mecklenburg (gestorben 1840) aufmerksam gemacht. Der Verdacht stand im Raum, dass sich Knochen des verschwundenen Mädchens in einem der Gräber befinden könnten. Der Vatikan ließ die Gräber nun öffnen – mit überraschendem Ergebnis: Sie sind leer. Es seien weder die Gebeine des verschwundenen Mädchens Emanuela Orlandi, noch andere Überreste gefunden worden. "Die Suche hat keine Ergebnisse gebracht", so Gisotti. "Es wurden keinerlei menschliche Überreste und keine Urnen gefunden."

Blick auf den Deutschen Friedhof im Vatikan.
dpa/Gregorio Borgia
Blick auf den Deutschen Friedhof im Vatikan.

Was weiß der Vatikan?

Emanuelas Familie, die immer wieder an den Fall erinnert, wurde bereits von den Ergebnissen in Kenntnis gesetzt. Emanuelas Bruder, Pietro Orlandi, sagte, er sei "erleichtert". "Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn man die Überreste von Emanuela gefunden hätte." Alle seien allerdings sehr verwundert gewesen, dass die Gräber komplett leer waren.

Pietro Orlandi bei einer Gedenkfeier für seine Schwester im Juni in Rom.
imago images / Pacific Press Agency
Pietro Orlandi bei einer Gedenkfeier für seine Schwester im Juni in Rom.

Nun stellt sich die zusätzliche Frage, wo die Gebeine der beiden dort ursprünglich beerdigten Frauen sind. Wurden die Gräber vorher geöffnet und die Überreste herausgenommen? Oder lagen die Personen nie dort? Der Vatikan schweigt sich über die Hintergründe bisher aus. Es hieß lediglich, im Hohenlohe-Grab sei ein Hohlraum von etwa 4 mal 3,70 Metern entdeckt worden. Und auch das Mecklenburg-Grab sei vollkommen leer gewesen. Die Hinterbliebenen der Adeligen seien über das Ergebnis benachrichtigt worden, fügte Papstsprecher Gisotti hinzu. Es sollten nun Dokumente ausgewertet werden, in denen Renovierungen auf dem Friedhof dokumentiert sind. Die habe es sowohl im 18. als auch im 19. Jahrhundert gegeben.

Geistliche oder die Mafia – Wer in den Fall verwickelt sein soll

Ein weiteres Mysterium in einem Kriminalfall, um den sich die verschiedensten Legenden ranken. Unter anderem wurde in Italien vermutet, dass Emanuela von Kriminellen entführt wurde, die den Papst-Attentäter Ali Agca freipressen wollten. Agca hatte 1981 Papst Johannes Paul II. mit mehreren Schüssen schwer verletzt.

Eine andere Theorie dreht sich um Sexpartys im Vatikan, die Emanuela entweder beobachtet oder zu denen sie gezwungen worden sein soll. Vor zwei Jahren veröffentlichte ein italienischer Journalist ein vermutlich gefälschtes Dokument, das nahelegen sollte, dass der Vatikan Emanuela verschwinden lassen wollte.

Auch die Mafia wurde verdächtigt, weswegen bereits das Grab eines Mafiabosses geöffnet wurde. Auch dort wurden keine Hinweise auf Emanuela gefunden. Im Herbst letzten Jahres wurden dann Knochen bei einer vatikanischen Botschaft in Rom entdeckt und untersucht. Wieder Fehlanzeige. Sie stammten nicht von Emanuela, sondern aus der Antike. Ob die Familie des Mädchens jemals Gewissheit haben wird, was damals geschah, bleibt weiter fraglich.

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