Analyse von Video- und Satellitenbildern : Krieg im Jemen: Welche Rolle spielen deutsche Waffen wirklich?

Luftangriff nahe der Beerdigungsprozession von Saleh al-Sammad, einem hochrangigen Anführer der Huthi-Rebellen.
Luftangriff nahe der Beerdigungsprozession von Saleh al-Sammad, einem hochrangigen Anführer der Huthi-Rebellen.

Die UN nennen den Jemen-Krieg die "schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt". Deutsche Waffen sind offenbar im Umlauf.

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01. März 2019, 10:57 Uhr

Sanaa | In den Schulen im Jemen zeigt sich das Dilemma des Krieges. "Nichts ist hier mehr so wie vor dem Krieg", erzählt Hajat Said. Als eine der wenigen Lehrerinnen im Land geht die 47-Jährige noch regelmäßig zum Unterricht. Etwa 75 Euro bekommt sie dafür im Monat. Nicht von der Regierung, die aus dem Exil regiert, und nicht von den Huthi-Rebellen, die die Hauptstadt Sanaa eingenommen haben. Sondern von einem deutsch-jemenitischen Hilfsverein, der in dem Lehrergehalt mehr sieht als nur Unterstützung zum Überleben.

Die Situation im Jemen ist nach Angaben der Vereinten Nationen die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks Unicef starben im vergangenen Jahr 52 000 Kinder unter fünf Jahren an Hunger oder vermeidbaren Krankheiten. "Kinder haben den Krieg nicht gestartet, aber sie zahlen den höchsten Preis", sagt UN-Generalsekretär António Guterres in Genf.

2,3 Millionen Euro Hilfszusagen

Die Vereinten Nationen haben bei einer internationalen Geberkonferenz für den Jemen Hilfszusagen von 2,6 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro) erhalten. UN-Generalsekretär António Guterres sprach am Dienstag in Genf von einem Erfolg. Größere Spenden kamen demnach von den beiden an dem Jemen-Konflikt beteiligten Staaten Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deutschland versprach 100 Millionen Euro, die EU über 160 Millionen Euro.

Laut Guterres liegen die Zusagen für dieses Jahr um 30 Prozent höher als bei der Geberkonferenz im vergangenen Jahr. Genaue Zahlen nannte er nicht, doch allein Saudi-Arabien versprach nach eigenen Angaben 500 Millionen Dollar. Damit beliefen sich seine humanitären Hilfsleistungen seit 2014 auf 14 Milliarden Dollar, erklärte Riad.

Die Rolle deutscher Waffen

Deutsche Waffen spielen im Jemen-Krieg einem Bericht zufolge eine weitaus größere Rolle als bislang bekannt. Die Streitkräfte der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabiens benutzten deutsche Rüstungstechnologie für See-, Land- und Lufteinsätze in dem Bürgerkriegsland, berichtete des Recherchebündnis #GermanArms am Dienstag.

Das Bündnis ist ein gemeinsames Projekt des ARD-Magazins "Report München", des Magazins "Stern", des niederländischen Recherchebüros Lighthouse Reports, des internationalen Investigativnetzwerks Bellingcat und der Deutschen Welle.

Das Team habe durch Analyse von Video- und Satellitenbildern eine ganze Reihe aus Deutschland ausgeführter Waffensysteme im Jemen lokalisieren können, hieß es in dem Bericht. Demnach sei ein aus Deutschland stammendes Kriegsschiff der Frankenthal-Klasse der VAE im Jahr 2017 auf Satelliten- und Videobildern im Hafen von Mocha zu sehen, den kurz zuvor Truppen der saudiarabisch geführten Koalition erobert hatten.

Regierungsvertreter wissen von nichts

Das Rechercheteam habe außerdem Fahrzeuge der emiratischen Armee in Aden und bei Al-Chawchah im südwestlichen Jemen ausfindig gemacht, die mit sogenannten Fewas-Waffenstationen des deutschen Unternehmens Dynamit Nobel Defence (DND) ausgerüstet gewesen seien. Zudem sei auf einem Video einer arabischen Nachrichtenagentur aus dem Oktober 2018 ein Panzer des Typs Leclerc identifiziert worden. Dieses Modell werde von Motoren der deutschen Firma MTU angetrieben.

Der im Jemen eingesetzte Panzer auf dem Video verfügt den Angaben zufolge offenbar über das aus Deutschland stammende Schutzsystem des Typs Clara der Firma DND. Auch für den Einsatz der Kampfjets Eurofighter und Tornado sowie des Tankflugzeugs Airbus A330 MRTT durch die saudische Luftwaffe habe das Team Indizien gefunden. Sämtliche Flugzeuge seien mit wichtigen Komponenten aus Deutschland ausgestattet.

Vertreter der Bundesregierung hatten den Angaben zufolge versichert, ihnen lägen keine Erkenntnisse zum Einsatz deutscher Rüstungstechnologie im Jemen-Krieg vor.

Für SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich zeigen die Recherchen, "dass unser Kompass in der Außenpolitik in den vergangenen Jahren versagt hat". Er habe schon seit längerer Zeit befürchtet, dass Waffen, die einst aus Deutschland in Spannungsgebiete geliefert worden seien, nun Konflikttreiber geworden seien.

Die Bundesregierung wollte dem Bericht zufolge zu den Hinweisen auf einzelne Waffensysteme zunächst keine Stellung nehmen. Die betroffenen Hersteller verwiesen darauf, dass sie sich stets im Rahmen der Gesetze bewegt hätten.

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