Bedenkliche Entwicklung : Setzen, sechs: Kinder können nicht mehr schreiben

Kaum ein Kind beherrscht noch eine leserliche Handschrift.
Kaum ein Kind beherrscht noch eine leserliche Handschrift.

Nur vier Prozent der befragten Lehrkräfte sind mit den handschriftlichen Fertigkeiten ihrer Schüler zufrieden.

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09. April 2019, 20:42 Uhr

Berlin | Verschnörkelt, verspielt, vergessen: Für die einen ist die klassische Handschrift repräsentativer Ausdruck der Persönlichkeit, für die anderen eine Ausnahme, die nur noch für den gelegentlichen Notizzettel herhalten muss. Der vermeintliche Abstieg der Handschrift begann mit Tastaturen und Touchscreens, mit der Digitalisierung des Tages, die nur noch den Druck der Fingerkuppen benötigt, um Gedanken festzuhalten.

Der Ort, an dem sich dem Individuum die Welt des leserlichen und flüssigen Schreibens öffnen soll, ist – im Normalfall – die Schule. Immer häufiger funktioniert das aber nicht, wie der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und das Schreibmotorik Institut in einer am Dienstag vorgestellten, repräsentativen Studie zum Thema Handschreiben herausgefunden haben. Demnach bemängelt ein Großteil der Lehrer in Deutschland die Schreibfertigkeiten von Schülern.

Nur vier Prozent der Lehrer sind zufrieden

Lediglich vier Prozent der befragten Lehrkräfte sind mit den handschriftlichen Fertigkeiten ihrer Schüler zufrieden: Den Angaben zufolge haben rund 37 Prozent der Grundschüler Probleme, flüssig und gut lesbar zu schreiben. Auf weiterführenden Schulen haben sogar 43 Prozent der Schüler Schwierigkeiten damit, wie es hieß. Gleich zu Beginn der Schulkarriere von Kindern zeichnen sich zudem Unterschiede zwischen den Geschlechtern ab: Während 45 Prozent der Jungen in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Schreiben haben, sind es bei den Mädchen 29 Prozent.

"Schreiben macht schlau"

Für die Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts, Marianela Diaz Meyer, sind die Ergebnisse der Studie alarmierend, denn "Schreiben macht schlau", wie sie sagt. Das Schreiben mit der Hand sei genauso wichtig wie das Lesen oder die Rechtschreibung. Aber nicht nur einzelne Kompetenzen würden durch das handschriftliche Schreiben gestärkt: "Wer das Handschreiben fördert, fördert den allgemeinen Bildungserfolg der Kinder", betont der VBE-Vorsitzenden Udo Beckmann. Neben fehlenden motorischen Fähigkeiten von Schülern sowie Konzentrationsproblemen wirkt sich den Studienergebnissen zufolge auch ein zu starker Medienkonsum der Schüler negativ auf deren Schreibfähigkeiten aus. Indem Kinder basteln, malen oder kochen, kann einer schlechten Handschrift jedoch entgegengewirkt werden. Denn dadurch wird die Feinmotorik trainiert. Die Schrift von Kindern verbessert sich zudem bereits signifikant, wenn sie eine Stunde pro Woche das Schreiben üben, wie die Initiatoren der Studie erklären.

Handschrift und Digitalisierung kein Gegensatz

"Handschrift und Digitalisierung bedeuten aber keinen Gegensatz", sagt Diaz Meyer. Auch digital könne mit der Hand geschrieben werden, aber bisher fehle es an pädagogischen Konzepten dafür. Eine künftige Studie soll das ändern: Gemeinsam mit der Universität Regensburg, der Technischen Universität Darmstadt sowie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat das Schreibmotorik Institut beim Bundesministerium für Bildung und Forschung Gelder beantragt, um die Integration von Handschrift in digitale Medien zu erforschen.

Geschäftsmodelle widmen sich Handschrift

Aber auch abseits von Schule, Tastatur und Touchscreen gibt es sie noch, die Liebhaber des schönen handschriftlichen Schreibens. Ganze Geschäftsmodelle widmen sich der handgeschriebenen Kommunikation. Wer auch als Erwachsener die Sauklaue aus der Kindheit nicht losgeworden ist oder sie erst in höherem Alter entwickelt hat, kann sich beispielsweise Grußkarten, Geschäftsbriefe oder Tischkarten in kunstvoller Handschrift anfertigen lassen.

Der Welttag der Handschrift erinnert zudem immer am 23. Januar daran, wie wichtig das Schreiben mit der Hand immer noch ist. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, denn an diesem Tag wurde der US-Amerikaner John Hancock (1737-1793) geboren, der als erster die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnete - per Hand natürlich.

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