Proteste in Hongkong : Zehntausende demonstrieren trotz Warnungen aus Peking

Demonstranten rüsten sich mit Gasmasken und Laserpointern gegen die Polizei während eines Protestes gegen das Auslieferungsgesetz.
Demonstranten rüsten sich mit Gasmasken und Laserpointern gegen die Polizei während eines Protestes gegen das Auslieferungsgesetz.

Wieder sind Zehntausende Demokratie-Anhänger durch die Stadt gezogen. Sonntag sollen es noch mehr werden.

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17. August 2019, 21:44 Uhr

Hongkong | Allen Warnungen aus Peking zum Trotz sind am Samstag in Hongkong wieder Zehntausende Anhänger der Demokratiebewegung auf die Straße gegangen. An einem friedlichen Protestmarsch in der ehemaligen britischen Kolonie, die heute zu China gehört, beteiligten sich nach Schätzungen mindestens 50 000 Menschen. Anschließend gab es kleinere Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Die befürchteten Krawalle blieben zunächst jedoch aus.

Mit warnenden Kommentaren und Bildern von Truppenbewegungen nahe Hongkong hatte die chinesische Zentralregierung in den vergangenen Tagen eine massive Drohkulisse aufgebaut. International gibt es Sorgen, dass dies zur blutigen Niederschlagung der Proteste wie 1989 in Peking führen könnte. Als Sonderverwaltungszone genießt Hongkong bislang eine verhältnismäßig große Autonomie.

Teilnehmer eines Protestmarsches laufen durch den Hongkonger Stadtteil Kowloon und schützen sich mit Schirmen vor dem Regen.
dpa/Gregor Fischer
Teilnehmer eines Protestmarsches laufen durch den Hongkonger Stadtteil Kowloon und schützen sich mit Schirmen vor dem Regen.


An diesem Sonntag will die Protestbewegung noch mehr Menschen auf die Straße bringen. Zu einer Kundgebung in der Innenstadt werden Hunderttausende erwartet. Die Demonstrationen dauern nun schon mehr als zweieinhalb Monate. Die Kritik richtete sich anfangs gegen die prochinesische Stadtregierung unter Regierungschefin Carrie Lam, inzwischen aber auch gegen Peking direkt. Aus der Menge wurden auch Rufe nach Unabhängigkeit laut.

An dem kilometerlangen Marsch beteiligten sich vor allem jüngere Leute. Der Großteil der Demonstranten war unter 30 Jahre alt. Viele waren schwarz gekleidet und hatten Atemschutzmasken im Gesicht - zum Schutz gegen Tränengas, aber auch, um nicht erkannt zu werden. In der Menge marschierten allerdings auch Familien mit Kinderwagen mit. Wieder waren auch Fahnen der USA und Taiwans zu sehen, was für China eine besondere Provokation ist.

Mülltonnen wurden auf die Polizei geworfen

Aus Angst vor Krawallen blieben viele Geschäfte entlang der Route geschlossen. Der Marsch verlief jedoch friedlich. Anschließend zogen mehrere Hundert maskierte Demonstranten vor ein Polizeirevier. Von einer Überführung wurden Mülltonnen auf die Polizei geworfen. Die Situation eskalierte aber nicht. In einem Park versammelten sich auch Tausende Gegendemonstranten. Dort wurde die chinesische Flagge geschwungen und die Nationalhymne gesungen.

Von der Demonstration am Sonntag wird Aufschluss erwartet, wie groß der Rückhalt für die Protestbewegung in der Bevölkerung noch ist. Auf dem bisherigen Höhepunkt gingen in der 7,5-Millionen-Einwohner-Stadt etwa zwei Millionen Menschen auf die Straße. Inzwischen sind es deutlich weniger. Nun hoffen die Veranstalter vom Bündnis Civil Human Rights Front wieder auf Hunderttausende Teilnehmer.

"Ein Land, zwei Systeme"

Hongkong gehört seit dem Abzug der Briten 1997 zu China. Eigentlich hat es bis 2047 noch umfangreiche Sonderrechte wie Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit garantiert. Man nennt dies: "Ein Land, zwei Systeme". Die Demonstranten werfen Regierungschefin Lam vor, solche Rechte immer weiter einzuschränken zu wollen. Auf einer der Kundgebungen forderten mehrere Redner den Westen auf, Hongkong im Kampf für demokratische Grundrechte nicht allein zu lassen.

Die Europäische Union mahnte beide Seiten zum Dialog und zu einem Ende der Gewalt. EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte: "Es ist entscheidend, dass Zurückhaltung geübt, Gewalt abgelehnt, und dringende Schritte zur Deeskalation der Situation unternommen werden."

Der deutsche China-Experte Tilman Spengler äußerte im Bayerischen Rundfunk die Erwartung, dass ein militärisches Eingreifen Pekings nicht unmittelbar bevorsteht. Spengler verwies auf die geplanten Feiern zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober. Es sei fraglich, ob sich Peking kurz zuvor Bilder von der Niederschlagung eines Protestes antun wolle.

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