Publikumsfavorit im Kino : Heiterer Öko-Terror: Alle lieben „Gegen den Strom“

Gegen den Strom: Halla rettet die Highlands, und die Highlands rettten sie.
Gegen den Strom: Halla rettet die Highlands, und die Highlands rettten sie.

Isländische Chorleiterin siegt über die Globalisierung. Die Öko-Satire „Gegen den Strom“ kommt ins Kino.

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10. Dezember 2018, 16:21 Uhr

Berlin | Nach ihrem Siegeszug durch Filmfestival-Landschaft kommt Benedikt Erlingssons schwarzhumorige Öko-Satire „Gegen den Strom“ am Donnerstag (13. Dezember) ins Kino.

Mit Pfeil und Bogen gegen die Globalisierung

Über Hallas Klavier hängen Porträts von Ghandi und Mandela. Beim gewaltfreien Widerstand folgt die Chorleiterin aus Reykjavik ihren Idolen allerdings nur, wenn es um Menschen geht. Oder vielleicht noch um Tiere. Wenn das örtliche Aluminiumwerk die herrliche Landschaft Islands gefährdet, greift Halla dagegen bedenkenlos zur Waffe. Und auch wenn das zunächst nur Pfeil und Bogen sind, gelingt es ihr, die Globalisierung im Alleingang aufzuhalten.

Dass der Endvierzigerin bald internationale Großkonzerne und die isländischen Regierung auf den Fersen sind, stört Halla nicht. Erst als die Adoptionsstelle sie zur Mutter eines ukrainischen Waisenkindes machen will, kommt sie in die Klemme: Soll sie weiter ihre Existenz für die Sache aufs Spiel setzen? Oder statt der ganzen Welt vielleicht doch nur einen einzigen Menschen retten – und dabei das private Glück finden?

Öko-Satire und Wohlfühlfilm in einem

Mit „Gegen den Strom“ gelingt Benedikt Erlingsson Öko-Satire und Wohlfühlfilm in einem. In schwarzhumorigen Verfolgungsjagden treibt er seine Hauptfigur durch die Berge und beschwört mit großem Sinn für Typenkomik die stoische Solidarität nordeuropäischer Landeier. Die eigentliche Heldin ist dabei eine überwältigende Natur, die der Aktivistin immer wieder rettend zu Hilfe kommt – und sei es in Form eines stinkenden Schafskadavers. Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson feiert die Highlands, deren Schönheit Halla bewahren will, in prächtigen Totalen.

Die Öko-Terroristin selbst bleibt eine ambivalente Figur. Mit dickem Augenzwinkern schildert Erlingsson in ihr das Paradox einer militanten Mitte. Der Wiedererkennungswert seiner Hauptfigur bleibt aber groß; an den Sympathien des Regisseurs kann nie ein echter Zweifel bestehen. In seinen Pointen spießt er weniger die Widersprüche in Hallas Mission auf, als dass er ihre Welt im Ganzen ironisiert. Mal passiert das in Form eines harmlosen Fahrradtouristen, der immer wieder unschuldig verhaftet wird. (Anstelle von Halla.) Mal über Zwillingsgags, bei denen die tolle Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir auch noch Hallas Schwester spielt. Vor allem aber unterläuft der Film seine Geschichte mit dem urigen Illusionsbruch einer Band, die den Soundtrack in den unmöglichsten Szenen direkt vor der Kamera einspielt, samt Tuba und Folklore-Tracht.

Preise über Preise für „Gegen den Strom“

Seit der Premiere erobert die „Frau im Krieg“ – so der wörtlich übersetzte Originaltitel – die Festivals: In Cannes wurde das Drehbuch ausgezeichnet, in Hamburg holte die Komödie den Preis der Filmkunsttheater, bei den Nordischen Filmtagen Lübeck heimste sie den Haupt-, den Publikums- und noch zwei weitere Preise ein – ein Novum in der Festivalgeschichte. Zuletzt prämierte sogar das Europäische Parlament „Gegen den Strom“ mit dem Lux-Filmpreis. In einem Wort: Alle lieben diesen Film.

„Gegen den Strom“. ISL 2018. R: Benedikt Erlingsson. D: Halldóra Geirharðsdóttir, Johann Sigurdarson, Davíð Þór Jónsson. 101 Minuten. FSK ab 6 Jahren.

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