„23 Morde“ neu auf Joyn : Franz Dinda, warum war Ihre Serie vier Jahre im Giftschrank?

Franz Dinda.
Franz Dinda.

Jahrelang hat Sat.1 Franz Dindas Serie „23 Morde“ zurückgehalten. Nun erklärt der Schauspieler, was da so lange gedauert hat

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16. August 2019, 12:17 Uhr

Berlin | Mehrere Jahre lang hat Sat.1 die längst abgedrehte Serie „23 Morde“ zurückgehalten. Ab Montag, 19. August, ist der Thriller nun doch noch zu sehen – auf dem kostenfreien Streaming-Portal Joyn. Hauptdarsteller Franz Dinda spielt darin einen Mann, der einen Serienmord gesteht, den er womöglich gar nicht begangen hat.

Hat er noch an eine Ausstrahlung der Serie geglaubt? Welche realen Verbrechen faszinieren ihn? Und was muss man tun, um ein Kunstwerk von Jonathan Meese geschenkt zu kriegen? Im Interview gibt der 36-jährige Schauspieler, Künstler und Dichter Auskunft.

Herr Dinda, eigentlich hätten wir schon vor vier Jahren über „23 Morde“ reden müssen. So lange hat Sat.1 die längst fertiggestellte Serie unter Verschluss gehalten. Haben Sie noch an eine Ausstrahlung geglaubt?

Franz Dinda: Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht mehr damit gerechnet. Jetzt freue ich mich umso mehr – für das Ensemble und das ganze Team. Wir haben hart gearbeitet und waren stolz auf die Serie.

Was haben die Produktion und vor allem der Sender für Gründe für dieses ungewöhnliche Zögern genannt?

Da gab es nie Klarheit. Von der Produktion wurde kommuniziert, dass „23 Morde“ scheinbar nicht zur Senderfarbe passt. Die Serie wurde als zu spitz empfunden. Wir mussten Haltung zeigen und es akzeptieren.

Bis jetzt gab es auch für die Presse nur zwei von sechs Folgen zu sehen; noch weiß ich also nicht, ob Ihre Figur Max Rapp ein Serienkiller ist oder ein Hochstapler, der die 23 Morde der Serie zu Unrecht gestanden hat.

Es soll ja spannend bleiben.

Zwei Folgen reichen aber, um die Vorbilder zu erkennen: Wie im „Schweigen der Lämmer“ hilft ein genialer Verbrecher einer Polizistin. Der Killer-Ermittler erinnert an „Dexter“; und die Morde im Stil der Kardinaltugenden haben was von „Sieben“. Sind so viele berühmte Vorbilder eine Last?

Grundsätzlich habe ich als Schauspieler kein Problem damit. Jeder kreative Prozess hat Vorbilder. Außerdem war klar, dass wir nicht so tief in die düstere Atmosphäre wie die Filme einsteigen können. Bei einem Privatsender muss man ein bisschen bunter bleiben. Trotzdem fand ich das Projekt mit seinem Grundkonflikt so stimmig, dass ich gerne eingestiegen bin. Auch weil es etwas ganz anderes war, als ich bislang gemacht hatte.

Franz Dinda in „23 Morde“. Foto: Joyn/Volker Roloff
Joyn/Volker Roloff
Franz Dinda in „23 Morde“. Foto: Joyn/Volker Roloff

Ihre Figur hat die Hochbegabung einer Übersensibilität; ein anderer Killer der Serie ist Künstler. Warum fantasieren wir uns Serienmörder so gern als Übermenschen? Im wirklichen Leben sind es nicht selten Stümper, die unwahrscheinliches Glück haben.

Wahrscheinlich stellen wir uns Mörder gern als Schachspieler vor, weil sie sich gegen so viele Instanzen behaupten müssen. Es ist ja immer einer gegen alle. Haben Sie „The Jinx“ gesehen?

Ja – die Doku, in der der Mordverdächtige und Millionenerbe Robert Durst aus Versehen sein Mikro mit aufs Klo nimmt und im Selbstgespräch mehrere Morde gesteht.

Genau. Das war ein Stoff, der mich fasziniert hat, weil so viel zusammenkommt: Durst hat einen enormen Status, er kann sich die teuersten Anwälte leisten und kommt bis zu dieser Panne mit allem durch: Durst hat einen Menschen getötet, seine Leiche zerstückelt – und ist trotzdem vom Mordvorwurf freigesprochen worden, weil er der Jury erzählt hat, er habe aus Notwehr gehandelt und die Leiche nur aus Panik verschwinden lassen. Darum geht es bei erfolgreichen Verbrechern immer: Eine Behauptung aufzustellen, sie durchzuhalten und die Leute damit zu verunsichern. Das lässt sich nicht nur auf meine Rolle übertragen, sondern auf ganz viele Situationen im Leben.

Was Ihre Figur unterscheidet: Während Durst als wirr vor sich hinbrabbelnder Sonderling auftritt, ist Max Rapp auf attraktive Weise diabolisch.

Scheinbar empfand man das damals als passender für einen Privatsender. Und es ist ja auch durchaus spannend, da man bei Sonderlingen eher Abgründe erwartet.

Sie arbeiten nicht nur als Schauspieler, sondern haben auch zwei Lyrik-Bände veröffentlicht. Ist der dritte in Arbeit?

Ich wollte eigentlich ein Lyrik-Comic machen, zusammen mit einem Zeichner. Das wäre für mich ein nächster Schritt: Das erste Buch war illustriert; aus dem zweiten ist ein Film geworden. Es geht mir immer um diese Brückenschläge. Aber der Zeitaufwand passt momentan nicht zu meinem Rhythmus. Die Lokomotive meiner Arbeit ist ja immer noch das Filmschauspiel, alle anderen Projekte ordnen sich unter. Und Gedichte bleiben Nischenprodukte: Vom „BilderReimbuch über Liebe“ haben wir 4000 Bücher verkauft. „Kavalier an Dame“ ist trotz des hohen Preises – fast 50 Euro – mit 2000 Exemplaren ausverkauft. Das ist innerhalb der Gattung sehr, sehr erfolgreich, rechtfertigt aber natürlich trotzdem weder die Kosten noch den Aufwand. Romane werden in ganz anderen Auflagen gedruckt. Ich habe Glück, dass ich so eine Leidenschaft verfolgen kann. Aber es geht nur in den Drehpausen. (Hier können Sie das „BilderReimbuch über Liebe“ online durchblättern.)

Zumal Sie zweifacher Vater sind. Die Kinder wollen ja auch noch betreut werden.

Richtig, das ist ein neuer Lebensabschnitt. Um 9.30 Uhr bringe ich meinen Sohn in die Kita, zum Arbeiten habe ich nur noch das Fenster zwischen 10 und 17 Uhr. Früher habe ich gearbeitet, wann ich wollte. Ich mache aber auch die Erfahrung: Wenn man gezwungen ist, effizienter zu arbeiten, tut man es auch.

Schon bei Ihrem ersten Buch haben Sie mit Künstlern wie Jonathan Meese, Norbert Bisky und sogar Udo Lindenberg zusammengearbeitet. Hängen die Originale jetzt bei Ihnen?

Ja.

Wirklich? Wie kriegt man einen Meese dazu, einem seine Bilder zu schenken?

Bei Meese war es am einfachsten. Ich habe mich mit ihm unterhalten und ihm die Texte gezeigt. Er hat wahrscheinlich verstanden, dass es mir nicht darum ging, über ein Scheinprojekt hintenrum die Werke eines teuren Malers zu kriegen. Meese hat sie mir dann kostenlos überlassen; bei anderen Künstlern habe ich die Galeristen-Gebühr übernommen, schon um die Rechte zu haben. Ich bin selbst ein verkappter Maler, der nur deshalb keiner geworden ist, weil er's eben nicht kann. Nun kompensiere ich diese Liebe, indem ich geliebte Maler bei mir zuhause hängen habe.

Ihre Wohnung scheint ohnehin einen gewissen musealen Wert zu haben. Stimmt es, dass bei Ihnen ein Sessel steht, der Brecht gehörte?

Der ist inzwischen weg. Ich bin kein großer Brecht-Fan und der Sessel war irgendwann zu groß und zu umständlich. Ich hatte ihn selbst mal umsonst bekommen und wollte keinen Profit daraus schlagen. Also habe ich ihn in Kreuzberg auf die Straße gestellt; und dann war er auch relativ schnell weg.

Und danach drehen Sie noch einen Brecht-Film mit Heinrich Breloer? Der muss Sie doch gesteinigt haben, dass Sie so ein Requisit wegwerfen!

Das durfte ich am Set natürlich nicht sagen. (Lacht.)

Weiß der neue Besitzer, worauf er sitzt?

Von mir jedenfalls nicht. Ich fand das sympathisch. Letztendlich ist es ja auch nur ein Möbelstück. Alles andere ist Einbildung. Da bin ich schmerzfrei. Ich finde es auch albern, wenn man mit wertvollen Gemälden übervorsichtig umgeht. Ich mochte immer Leute, die geliebte Bilder dort hinhängen, wo sie sie sehen können. Und wenn das die Küche ist, weil man da am häufigsten sitzt, dann ist es doch gut so. Da denke ich nicht darüber nach, ob das Bild irgendwelche Dämpfe abbekommt oder zu viel Licht. Natürlich kostet Kunst viel Geld; das ist bei der Anschaffung nicht zu umgehen. Aber sobald ich ein Bild habe, ist mir wurscht, was es gekostet hat.

Eine Nüchternheit, die zu Ihrem ersten Gedichtband passt. Da formuliert gleich die erste Seite eine Traueranzeige auf „Roman Tick“. Sind Sie generell ein Feind des Romantischen?

Es freut mich, dass Sie das fragen. Weil mir ja lange unterstellt wurde, dass ich der Klischee-Romantiker schlechthin sei. Die Leute haben geglaubt, dass ich immer nur traurig bei Kerzenschein am Fenster sitze und Gedichte schreibe. Ich wollte diese Zuschreibung immer loswerden. (Lacht.)

Franz Dinda. Foto: Ben Wolf, Wikicommons
Ben Wolf, Wikicommons
Franz Dinda. Foto: Ben Wolf, Wikicommons

Tatsächlich betonen Sie auch als Künstler das Handwerkliche. Ein Foto zeigt Sie in einem Atelier, das eher einer Werkshalle gleicht. Was machen Sie da?

Das ist die Metallbauwerkstatt von Kreuzberger Freunden, in die ich mich jederzeit einmieten darf. Mein eigenes Atelier ist in der Nähe, aber kleiner – und eher ein Think Tank mit angeschlossener Werkstatt. Hier kann ich mit sämtlichen Materialien arbeiten, von Papier über das Mechanische bis hin zur Elektrik. Das alles steht im Zusammenhang mit meinem ReimRaum ...

… den Sie bitte einmal beschreiben müssten.

Das ist im Prinzip ein begehbarer Gedichtband. Da stehen Gegenstände aus dem alltäglichen Leben, ein Fernseher, ein Spiegel, eine Schreibmaschine. Alle funktionieren noch. Man kann sie aber auch als Lyrikmaschinen benutzen: Wenn man in den Fernseher eine Kugel einwirft, spielt er ein verfilmtes Gedicht ab. Bei der Schreibmaschine lassen sich die Tasten L, I, E, B und N bedienen. Wenn man sie gleichzeitig drückt, wirft die Maschine ein Gedicht aus genau diesen Buchstaben aus. Das kann man sich dann mitnehmen. Man kann mit der Lyrik in Interaktion treten, man kann alles anfassen. Solche Ausstellungen habe ich als Besucher immer schön gefunden. Als Künstler stehe ich jetzt vor der Herausforderung, Maschinen zu konstruieren, die das aushalten. Alles das entsteht im Atelier. Ich lerne hier aber auch meine Texte. Den Hauptraum habe ich an eine Künstlerin vermietet. Die hat sich inzwischen an ihren kauzigen Nachbarn gewöhnt, der gelegentlich mit dem Drehbuch in der Hand rumbrüllt.

Via Instagram vermelden Sie die Anschaffung einiger Marmorplatten. Was wird das?

Ein Tisch. Ich versuche, die Idee der Wiener Werkstätte neu zu interpretieren, in der zur vorletzten Jahrhundertwende Möbel und Schmuck entstanden sind. Das ist ein reines Spaßprojekt: die Dinge, mit denen ich täglich Umgang habe, selbst zu gestalten.

Ich habe gelesen, dass sie nach dem Schauspielunterricht noch eine Schriftsetzer-Lehre gemacht haben. Tischler sind Sie auch?

Schon die Lehre ist ein Mythos. Ich habe mal ein Praktikum in meiner Lieblingsdruckerei gemacht, bei Martin Z. Schröder, der ein Schweizerdegen ist – ein Buchdrucker und Setzer in einer Person. Das gibt’s heute nur noch sehr selten.

Aha. Hier irrt das Internet also. Stimmt denn wenigsten die Anekdote, wonach Sie als Schüler bei der Telefonauskunft sämtliche Stuttgarter Nummern rund ums Thema Film erfragt haben – und so zu Ihrer ersten Casting-Agentur gekommen sind?

Damals gab es ja noch kein Internet. Das ist komplett korrekt. Das Prinzip dahinter pflege ich noch heute: Fragen, fragen, fragen. Man staunt, wie oft man offene Türen einrennt. Wenn ich in einen völlig neuen Bereich trete, habe ich natürlich auch Angst, mich in die Nesseln zu setzen. Aber im Gegenteil: Mit einer ehrlichen Naivität wird man am Ende nie verurteilt.

„23 Morde“ steht ab dem 19. August kostenlos beim Streaming-Portal Joyn bereit. Ab dem 10. Oktober ist Franz Dinda außerdem in der Kinokomödie „Ronny&Klaid“ zu sehen.

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