Fischmarkt-Legende : Aale-Dieter im Interview: „In keinem Land kannst du besser leben als hier“

Dieter Bruhn steht seit 62 Jahren als Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt. Die Corona-Krise ist auch für ihn ein 'harter Schlag'.
Dieter Bruhn steht seit 62 Jahren als Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt. Die Corona-Krise ist auch für ihn ein "harter Schlag".

Im Interview erklärt Aale-Dieter, warum ihm in der Gesellschaft aktuell zu viel gemeckert und gemosert wird.

von
21. April 2021, 10:00 Uhr

Hamburg | "Aale, Aale, Aale, hier gibt's die besten Aale!" Mit diesem Spruch und vielen anderen lockt Dieter Bruhn, besser bekannt als Aale-Dieter, normalerweise jeden Sonntag die Besucher des Hamburger Fischmarkts an seinen Stand. Doch aufgrund der Corona-Pandemie findet der traditionsreiche Markt bereits seit März 2020 nicht mehr statt – eine Katastrophe für den waschechten Hamburger.

Wir treffen Dieter Bruhn zum Interview an der Elbe, um mit ihm über die Corona-Politik, seine Verkaufsstrategie und die – wie er sagt – "mosernde" Gesellschaft zu sprechen. Bereits bei der Begrüßung besteht der 82-Jährige auf das "Du" und will einen Handschlag, schließlich sei er schon zwei mal geimpft. Bei Kaffee und Mandelhörnchen legt er dann so richtig los – natürlich im Hamburger Schnack.

Dieter, ich hoffe du bist jetzt nicht aus der Übung, schließlich findet der Fischmarkt seit über einem Jahr nicht mehr statt. Aber wie würdest du mich denn jetzt normalerweise an deinen Stand locken?

Ich sach dann: "Mein Lütten, komm doch mal ran hier, nech. Hör mal, du musst mal einen schönen Aal essen, dann wirst du aalglatt." Da muss einem eben was einfallen. Es ist die Schlagfertigkeit, auf die es ankommt. Chef musst du sein im Ring.

Kann man das denn lernen, schlagfertig zu sein?

Joa, das kommt. Ich bin ja nun schon Profi. Wenn man das 62 Jahre lang macht, dann ist das drinne. Ich unterhalte die Leude und spiele mit denen. Ich sach dann: "Mein Lütten, was ist denn mit dir los? Du musst mal zum Frisör."

Du siehst also einen Menschen und dir fällt sofort was ein.

Ja, so ist das. Ich hab ja zum Beispiel große und kleine Aale im Angebot. Und wenn da eine Frau an meinen Stand kommt und fragt: "Haben Sie auch einen Kleinen?“ Dann sach ich: "Mein Lütten, woher weißt du das denn?"

Reporterin Ankea Janßen hat Dieter Bruhn am Altonaer Fischmarkt zum Interview getroffen.
F.Roschki
Reporterin Ankea Janßen hat Dieter Bruhn am Altonaer Fischmarkt zum Interview getroffen.

Du kannst dir solche Sprüche erlauben. Du sagst ja auch mal „Halt die Schnauze“ zu einem Kunden.

Ja gut, das nehmen die Leute mir ab, weil die genau wissen, wie ich das meine. Wenn einer sacht: "Hör mal, du bist n‘ Mors (plattdeutsch für „Arsch“, Anm. der Redaktion)", dann eskaliert das. Wenn ich das sage, dann lachen die Leude. Die erwarten von mir auch, das sowas kommt.

Als Kind hattest du eine klassische Gesangsausbildung durch einen Tenor der Hamburger Staatsoper und eine Gesangspädagogin. Konntest du davon auf dem Fischmarkt profitieren?

Klar, ich war noch nie heiser. Alle meine Kollegen brauchen ein Mikrofon. Ich nich'. Hör mal. (beginnt "Torna a Surriento" von Ernesto De Curtis zu singen)

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

Nicht schlecht! Aber zurück zu deinem Redetalent: Was macht denn einen guten Verkäufer aus?

Ich sach immer: "Es gibt gute Verkäufer, sehr gute Verkäufer – ein Top-Verkäufer aber wird geboren." Das ist nun mal so. Das kann man nich' erklären. Das Wichtige ist, dass die Leude lachen. Wenn man so ein Muffelkopp ist, will keiner was mit einem zu tun haben. Aber wenn einer lustig ist und Ausstrahlung hat, dann läuft es gleich besser. Wenn jemand zu mir kommt und sacht: "Solche Leute wie Sie, die sterben aus", ist mir das mehr wert als alles andere. Weil ich dann weiß: "Du machst irgendwas richtig."

Kommt deine Art denn immer gut an?

Mich kann nich' jeder mögen, ich bin ja nich' der liebe Gott. Es sacht auch mal einer "Der Aale Dieter, der ist n‘ Idiot." Aber das interessiert mich nich'. Die meisten Leude in Deutschland mögen mich. Neulich bekam ich Post aus Frankfurt, da stand drin: "Dieter, wann kommst du wieder auf den Fischmarkt? Ich vermiss' deine Sprüche."

Wie ist es denn für dich, den Fischmarkt hier jetzt so leer zu sehen?

Das ist grausam für mich. Ich bin hier seit 1959, das ist meine zweite Heimat, mein Herzblut. Was alles verloren gegangen ist im letzten Jahr, das war eine ganz schöne Summe.

Wie geht es dir wirtschaftlich?

Ich kann es noch eine Zeit lang aushalten, aber irgendwann ist Ende. Ich hab' zwei Autos, einen Verkaufsanhänger, einen Stellplatz, ein Lager und 'ne Kühlzelle und der Strom läuft weiter. Ich verdiene ja keine riesigen Summen, bin ja kein Fußballspieler. Hinzu kommen meine Lebenshaltungskosten, da muss ich jetzt an meine Rücklagen ran. Außerdem sind alle Events weggefallen, ich werde ja nicht mehr gebucht. Das war ein harter Schlag.

Hast du dafür Verständnis, dass der Fischmarkt immer noch geschlossen bleiben muss? Alle anderen Wochenmärkte finden weiterhin statt.

Nein, ich kann das nich' verstehen. Ich kenne hier ja nun jeden Stein auf dem Fischmarkt. Mit der Hälfte der Stände hätten wir die Tradition des Fischmarkts aufrecht erhalten können. Wir haben hier so viel Platz und mit der Luft von der Elbe die beste Brise, die es gibt. Da können die Leude doch hier mit Maske und Abstand einkaufen und wir hätten Durchsagen gemacht: "Bidde Kinners, Abstand halten". Der Fischmarkt ist doch ein Aushängeschild für Hamburch. Und wenn dann gesacht wird: "Da kommen nur Besoffene", dann habe ich dafür kein Verständnis. Es ist auch nicht in Ordnung, dass man den Fischmarkt so diskriminiert.

Aale Dieter verkauft seit 1959 auf dem Hamburger Fischmarkt und ist bekannt für sein loses Mundwerk.
Carsten_Rehder/dpa
Aale Dieter verkauft seit 1959 auf dem Hamburger Fischmarkt und ist bekannt für sein loses Mundwerk.

Weil das nicht stimmt?

Nee, früher war hier ständig Hauerei. Das hab ich ja alles mitgemacht. Aber das ist nich' mehr. Jetzt sind hier nette Leude, die wollen einkaufen, sich die Sprüche anhören und schön auf die Elbe gucken. Klar hast du mal einen, der sich einen reingezwitschert hat, das kannst du aber auf jedem Wochenmarkt haben. Dann sachste: "Junge, nun mal 'n büschen ruhig, ne."

Und wenn ich jetzt höre – jeder Virologe sacht das ja – dass das Virus an der Luft nicht ansteckend ist, dann stell ich mir die Frage, warum man den Hamburger Fischmarkt nicht schon lange wieder aufgemacht hat. Manchmal denke ich: "Dieter, du bist jetzt 82 Jahre alt, hast den Krieg mitgemacht, was geht in den Menschen vor?" Das ist doch nicht normal. Bin ich im Irrenhaus, oder was?

Zur Person

Aale-Dieter (geb. 21. Januar 1939 in Hamburg), bürgerlich Dieter Bruhn, ist ein deutscher Fischhändler und verkauft seit 1959 Aale und Lachs auf dem Hamburger Fischmarkt im Bezirk Altona. Dort gilt er als Publikumsmagnet und ist nicht selten der Hauptgrund, warum Touristen den Fischmarkt überhaupt besuchen. Er wurde im Jahr 1989 vom Manager Magazin zu einem der zehn besten Verkäufer Deutschlands gewählt und von diesem Blatt auch später noch als Beispiel für erfolgreiche Verkaufsstrategien aufgeführt.
Bruhn hat eine klassische Gesangsausbildung und veröffentlichte im Jahr 2004 eine CD mit Schlagern namens "Wovon kann ein Mensch denn schon träumen?".

Was denkst du generell über die aktuelle Corona-Politik. Alle paar Wochen haben sich Bund und Länder getroffen und neue Maßnahmen beschlossen.

Die Leude, die jetzt in der Politik sind, die haben es auch nicht leicht. Im Gegenteil. Aber ich stelle mir unter Politik Folgendes vor: Man kann hinter den Türen ruhig nich' einer Meinung sein. Aber nach außen hin, dem Volk gegenüber, muss man eine gemeinsame Linie vertreten. Das ist konsequent und gradlinig. Und da ich gradliniger Hamburger bin, erkenne ich, dass das gerade fehlt. Es gibt keine Einigkeit. Das ist so, als ob ein Chamäleon die Farbe wechselt. Heute so, und morgen wieder so. Ein guter Politiker hat Voraussicht und muss wissen, was morgen ist und rechtzeitig handeln. Und das vermisse ich. Wenn ich für etwas stehe, dann muss ich dafür eintreten und nich' sofort umkippen, wenn ich merke "Aha, das kommt nicht so gut an."

Hast du denn schon mal etwas Vergleichbares wie diese weltweite Pandemie erlebt?

Der Krieg war noch schlimmer als eine Pandemie – den habe ich erlebt. Ich bin nachts, wenn die Sirene heulte, rausgesprungen aus dem Bett und rein in den Bunker. Ich war vier Jahre alt und hatte meine kleine Schwester an der Hand. Als wir wieder rauskamen, waren die ganzen Fenster in der Wohnung von Granatsplittern zerstört. Ich bin in den Trümmern groß geworden, wir hatten nichts zu Essen. Aber wir waren trotzdem glücklich.

Also wird deiner Meinung nach gerade auf sehr hohem Niveau gejammert?

Ja, natürlich. Den Menschen geht es zu gut und wenn es ihnen zu gut geht, dann werden sie übermütig. Das ist so. Die jungen Leude haben das ja auch nich' kennengelernt, dass sie mal verzichten müssen. Bei allem nörgeln sie rum und wenn auf dem Pullover kein Krokodil ist, dann gucken sie schon komisch. Ich hatte früher Löcher in den Strümpfen, das war allen egal. Mobbing gab es gar nicht, jeder hat dem anderen geholfen. Heute bist du ein Asi, wenn du so in die Schule kommst. Das ist doch traurig.

Alle sind so verwöhnt von oben bis unten. Damals hat man sich über einen kleinen Ball gefreut, heute muss es am besten schon ein Auto sein.

Woran liegt das?

Das liegt an dieser Ellbogengesellschaft. Wenn einer viel hat, will der immer mehr. Immer mehr. Immer mehr. Ich hab' in meinem Leben auch schon weit über meine Verhältnisse gelebt, hab' dafür aber immer gerade gestanden, hab' nie irgendwas Linkes gemacht. Heute leben die Leude in Saus und Braus, kaufen sich etwas und werfen es wieder weg. Und alle wollen es immer billiger haben.

Und das ärgert dich.

Ja, Qualität hat ihren Preis. Wenn jemand fünf Euro für ein Schweinesteak bezahlt, kann er nich' erwarten, dass das gutes Fleisch ist. Heute wird alles schnell hochgezüchtet und darf nichts kosten. Die Hühner sitzen aufeinander und legen die Eier. Aber der Kunde bestimmt den Preis. Das ist so. Da haben wir selber schuld.

Worauf kommt es denn jetzt in der Krise besonders an, was ist wichtig und woran fehlt es in der Gesellschaft momentan?

Dankbarkeit. Und man muss ehrfürchtig sein. In keinem Land kannst du besser leben als hier – man muss auch mal ehrlich sein. Die Leude sollen zufrieden sein, wenn es ihnen gut geht, sie gesund sind, etwas zu Essen haben und ab und zu mal etwas unternehmen können. Das Leben muss bergauf und bergab gehen, damit man dankbar ist für die guten Zeiten. Aber umso besser es den Leuden geht, desto mehr meckern und mosern sie rum. Aber jetzt macht es hoffentlich bei vielen mal Klick.

_202104210839_full_2.jpeg
F.Roschki

Du bist ja schon durchgeimpft. Hast du da auch nur einen Moment gezögert?

Nee, meiner Meinung nach sollte man sogar eine Impfpflicht machen. Und die Leude mit einem Impfstoff impfen, der sehr sicher ist und kaum Nebenwirkungen hat. BionTech zum Beispiel. Und dann: Impfen, impfen, impfen – bis die ganze Welt geimpft ist. Nur so kriegen wir diese Pandemie in den Griff. Wie soll das sonst gehen, wenn nur zwei Drittel geimpft sind und ein Drittel nicht? Dann wird es nie ein Ende geben. Die ganze Dümpelei nützt nix.

Du hast von Konrad Adenauer bis Angela Merkel alle Kanzler erlebt, die in Deutschland jemals regiert haben. Hast du einen Liebling?

Helmut Schmidt natürlich, is' ja klar. Helmut Schmidt haben wir in Hamburch aus einem einfachen Grund verehrt: Als wir hier 1962 die große Flut hatten, da hab ich bis hier oben (hält die Hände in Brusthöhe) im Wasser gestanden. Helmut Schmidt hat damals gesacht: Die Bundeswehr rein und die Leute von den Häusern retten. Der hat sich über alle Gesetze hinweg gesetzt. Das haben ihm die Hamburger hoch angerechnet.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) war von 2011 bis 2018 Hamburgs Erster Bürgermeister und kandidiert im September als Merkel-Nachfolger. Hat der Kanzler-Potential?

Ich werde mich dazu nich' äußern. Vielleicht unter vier Augen, aber nich' in der Presse. Das steht mir nich' zu, darüber zu urteilen.

Dann anders gefragt: Vor der Wahl geht es ja auch darum, sich gut zu verkaufen. Wer hat denn deiner Meinung nach noch Nachhilfe nötig?

(schweigt) Jeder muss selber wissen, wie er sich zu verkaufen hat. Es gibt Menschen, die fachlich wirklich erstklassig sind, aber in den Medien durch ihre Ausstrahlung nich' gut ankommen, obwohl sie sehr gut sind. Aber die werden nich' gewählt. Dann gibt es wieder Menschen, die einfach nur gut aussehen und sympathisch sind und dann wird da das Kreuz gemacht.

Aber verkauft sich ein Armin Laschet gut?

Würde ich nich' drüber urteilen. Es gibt ja den Spruch: "Man wird alt wie ne Kuh und lernt immer mehr dazu."

Du bist jetzt 82 Jahre alt und wirkst topfit. Wie machst du das?

Ich hab' nie geraucht und trinke grundsätzlich ganz wenig Alkohol – 'n Baileys oder 'n Eierlikör darf aber mal sein. Ich mache jeden Tag 60 Liegestütze, wenn ich richtig gut drauf bin auch mal 90. Nur sonntags sach ich mal: "Heute hab ich keine Lust." Vor Corona bin ich zwei mal die Woche ins Fitnessstudio gegangen, ich hab auch n büschen Muskeln, hab' 'n richtigen Body.

Und wie lange möchtest du mit dem noch auf dem Fischmarkt stehen und Aal und Lachs verkaufen?

Wenn ich so bin wie jetzt, dann noch mit 100. Und wenn ich irgendwann vor der Himmelstür stehe – denn irgendwann müssen wir ja alle gehen – dann kann ich sagen: "Ich hab' mein Leben gelebt und würde nochmal alles genauso machen".

Du bereust also nichts?

Nein, ich möchte mit keinem in meinem Leben tauschen. Ich hab' Höhen und Tiefen gehabt, musste auch krabbeln, mich zusammen nehmen und dies und das. Aber solange ich das noch kann, werde ich den Leuden Freude bereiten.

Lesen Sie auch:

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen