Grüne kritisieren Ministerin Reimann : Fall Lügde: Niedersachsens Sozialministerium kündigt Aktionsplan an

Der Campingplatz Eichwald in Lügde soll Schauplatz eines massenhaften Kindesmissbrauchs sein. Foto: Guido Kirchner/dpa
Der Campingplatz Eichwald in Lügde soll Schauplatz eines massenhaften Kindesmissbrauchs sein. Foto: Guido Kirchner/dpa

Im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im westfälischen Lügde gerät der niedersächsische Nachbarlandkreis Hameln-Pyrmont immer mehr in den Fokus.

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20. März 2019, 12:17 Uhr

Hannover | Angesichts des sich immer weiter ausbreitenden Missbrauchsfalls auf einem Campingplatz im westfälischen Lügde und einem weiteren Missbrauchsverdacht in Gifhorn hat Niedersachsens Sozialministerium ein Programm zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen angekündigt: Eckpunkte soll Sozial-Staatssekretär Heiger Scholz am Donnerstag dem Sozialausschuss des Landtags in Hannover vorstellen.

Akte zweimal manipuliert

Hintergrund sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen mittlerweile zwei Mitarbeiter des Jugendamtes im Landkreis Hameln-Pyrmont. Dieser Landkreis hatte dem mutmaßlichen Haupttäter, einem arbeitslosen Dauercamper, auf Wunsch der Mutter ein Pflegekind anvertraut. Dieses soll der Mann genutzt haben, um weitere Opfer anzulocken. Die Ermittler stellten nun fest, dass nach einem Mitarbeiter auch eine Mitarbeiterin des Amtes versucht haben soll, die Akte über den heute 56-Jährigen nachträglich zu schönen. So soll die Mitarbeiterin ein Genogramm – eine Art Skizze der Sozialbeziehungen des heute Verdächtigen – gelöscht haben. Aus der Grafik ging hervor, dass der nun Verdächtige immer wieder Kontakt zu kleinen Mädchen aufbaue und Abhängigkeitsverhältnisse anstrebe.

Mehrer aktenkundige Pädophilie-Hinweise ignoriert

Der zuständige Landrat Tjark Bartels (SPD) hatte am Dienstag diese und weitere Fehlleistungen des Amtes einräumen müssen, nachdem er sich bei vorherigen Pressekonferenzen vor seine Leute gestellt hatte. So wurden 2016 offensichtlich gleich drei aktenkundige Hinweise auf Pädophilie-Verdacht bei dem Camper ignoriert – und dass, bevor das Amt dem Mann die Pflegschaft über das Mädchen übertragen hatte. Am Donnerstag soll nun auch Bartels im Sozialausschuss Rede und Antwort stehen.

Zweiter Missbrauchsfall in Gifhorn

Ministeriums-Abteilungsleiter Dirk Schröder kündigte eine Fachtagung zu Jugendamt-Schutzsystemen im kommenden Herbst an. Dabei soll es auch um die konkreten Fälle Lügde und Gifhorn gehen: In Gifhorn soll ein Pädagogen-Ehepaar neun Jahre lang teils schwer traumatisierte Kinder zwischen 6 und 16 Jahren in einer von ihnen geleiteten Wohngruppe sexuell missbraucht und misshandelt haben. Zudem kündigte eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit an: Anfang der Woche sei er bereits in dem von Nordrhein-Westfalen „umzingelten“ Osnabrück gewesen, mit den Behörden im Nachbarland sei man in Sachen Lügde im engen Kontakt. „Wir verstehen das als einen gemeinsamen Fall“, sagte Schröder.

Grüne sticheln gegen Reimann

Die Grünen kritisierten Sozialministerin Carola Reimann (SPD). Die hatte dem Landkreis Hameln-Pyrmont am Dienstag„falsche und folgenreiche Entscheidungen“ vorgeworfen. „Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte – hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung“, hatte Reimann kritisiert. Grünen-Fraktionschefin Anja Piel erklärte, es bringe nichts, „mit dem Zeigefinger auf einen Landkreis zu zeigen“. Angesichts des „Totalausfalls beim Kinderschutz“ müsse Reimann selber aktiv werden, statt andere zu kritisieren.

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