Wie die Mutter so die Tochter : Experten uneins: Ist der Modetrend "Mini Me" niedlich oder übergriffig?

Nicht nur Luxusmarken, sondern auch einige Versandhändler, haben sich auf Eltern-Kind-Mode spezialisiert. Ob sich Mutter und Tochter gleich kleiden sollten, ist bei Experten umstritten.
Nicht nur Luxusmarken, sondern auch einige Versandhändler, haben sich auf Eltern-Kind-Mode spezialisiert. Ob sich Mutter und Tochter gleich kleiden sollten, ist bei Experten umstritten.

Eine Therapeutin und eine Soziologin erklären, warum manche ihren Nachwuchs als Mini-Ausgabe ihrer selbst ausstatten.

von
12. Mai 2019, 09:45 Uhr

Berlin | Beim Thema Partnerlook denken viele zunächst an Rentner-Paare in identischer roter Allwetterjacke, vielleicht noch an Freundinnen im Teenie-Alter, die exakt dasselbe Outfit tragen. Aber Mütter und Töchter im Partnerlook? Väter und Söhne im gleichen knallblauen T-Shirt und der gleichen Boxershorts mit Bananenmuster? Tatsächlich bieten Modehersteller wie H&M oder WE Fashion Eltern-Kind-Kollektionen an, häufig unter der Überschrift "Mini Me", was so viel wie Mini-Ich bedeutet. Auch Online-Plattformen stellen entsprechende Partnerlooks zusammen.

Kindermode gleicht Erwachsenenklamotten

"Es ist ein großer Trend im Luxusbereich", sagt Judith Kessler, Kindermode-Expertin beim Branchenblatt "Textilwirtschaft". "Alle angesagten Brands gibt es in der Kinderversion – von Chloé über Gucci bis Boss." Zunehmend wollten sich auch schon Neunjährige wie 16-Jährige stylen, sagt Kessler. So habe etwa die Männermodemarke Jack & Jones im August 2018 eine Juniorkollektion herausgebracht, die sich an der Erwachsenenkollektion orientiert.

Die "Mini Me"-Fotostrecken im Internet zeigen überwiegend Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren und ihre Model-Mamas mit ähnlichen Haarfarben und Frisuren – beide im identischen Blümchenkleid oder der gleichen gestreiften Leinenhose.

View this post on Instagram

Matchy matchy ï¸ #minime | Werbung

A post shared by Karolina Kauer (@karokauer) on

Die Online-Stylingberatung Zalon bietet seit drei Jahren eine Mini-Me-Box an mit individuell abgestimmten Mama- beziehungsweise Papa-Kind-Outfits. "Es scheint der starke Trend zu bestehen, dass Eltern es mehr und mehr lieben, ihre Kinder zu kleinen Abbildern ihrer selbst zu stylen", beobachtet Zalon-Stylistin Rosa Biazzo.

Ohne Frage ist ein Kleinkind in Blouson und Chino oder Plisseerock und Bluse ein überraschendes Bild und deshalb umso niedlicher anzuschauen. Rosa Biazzo, Stylistin

Die Therapeutin Claudia Haarmann aus Essen sieht den Eltern-Kind-Partnerlook kritischer. "Der "Mini Me"-Trend bedeutet eine Angleichung zwischen den Generationen, die es faktisch nicht gibt", sagt die Autorin, die sich intensiv mit Familienbeziehungen beschäftigt hat.

Es stellt sich die Frage: Will die Tochter aussehen wie die Mutter oder die Mutter wie die Tochter? Claudia Haarmann, Therapeutin

Sie glaube, die Erwachsene wolle sich verjüngen. "Gleichzeitig wird ein Schulterschluss signalisiert: Wir sind Freundinnen. Wir sind unzertrennlich. Wir sind eins."

Heute wird das Styling stärker inszeniert

Aus Sicht der Soziologin Christiane Varga spielt in Zeiten von Instagram & Co. beim "Mini Me"-Trend die Inszenierung eine wichtige Rolle. "Wenn man sich Fotos von Kindern aus den 80er und 90er anschaut, dann waren sie damals noch nicht so durchgestylt", sagt die Forscherin vom Zukunftsinstitut Wien.

Kinder mit Rollerskates im deutschen Brokdorf, in den 1980er-Jahrern. Foto: imago images/Roba/United Archives
Kinder mit Rollerskates im deutschen Brokdorf, in den 1980er-Jahrern. Foto: imago images/Roba/United Archives

"Für mich ist da auch ein Stück Übergriffigkeit dabei, eine Inbesitznahme des Kindes", sagt Varga. Sie plädiert dafür, dass das Aussuchen von Kleidung gemeinsam mit Kindern "auf Augenhöhe" geschieht.

Einheitslook in der Pubertät "respektlos"

Mode ist seit jeher ein gesellschaftliches Unterscheidungsmittel. In Bayern tragen bei Festen Jungen selbstverständlich Lederhosen wie ihre Väter und Mädchen Dirndl wie die Mütter – auch ohne das Label "Mini Me". Viele kleine Mädchen lieben es, die Stöckelschuhe oder Schminke ihrer Mama auszuprobieren.

"Ein Kind braucht Zugehörigkeit", betont Therapeutin Haarmann. Wichtig sei allerdings, dass sich Kinder mit der Pubertät abgrenzen und herausfinden, inwiefern sie anders als ihre Eltern sind. "Respektlos" findet Haarmann es, wenn Mütter dann ihren Töchtern noch bei der Kleidung Vorschriften machen oder sie gar wie eine gleichaltrige Freundin im Styling nachahmen.

Weiterlesen: Mitdenken statt Blumen – Was Frauen sich wirklich zum Muttertag wünschen

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen