Zivilprozess gegen die Meyer Werft : Wer muss für den Untergang der "Estonia" zahlen?

25 Jahre nach dem Schiffsunglück der Fähre 'Estonia', bei deren Untergang 852 Menschen starben, wird endlich das Urteil zum Schadensersatz für rund 1000 Überlebende und Opferangehörige erwartet. Foto: dpa/epa Scanpix Norge
25 Jahre nach dem Schiffsunglück der Fähre "Estonia", bei deren Untergang 852 Menschen starben, wird endlich das Urteil zum Schadensersatz für rund 1000 Überlebende und Opferangehörige erwartet. Foto: dpa/epa Scanpix Norge

Der Untergang der "Estonia" gilt auch nach 25 Jahren als eines der schwersten Schiffsunglücke der Nachkriegszeit. Viele Opfer und Angehörige kommen bis heute nicht zur Ruhe und fordern Schadenersatz. In Frankreich soll an diesem Freitag endlich ein Urteil fallen.

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19. Juli 2019, 05:58 Uhr

Nanterre/Papenburg | Die Nacht liegt fast 25 Jahre zurück, aber Mikael Öun erinnert sich genau an sie. Der schwedische Ingenieur befindet sich auf der Ostseefähre „Estonia“ auf der Überfahrt von Tallinn nach Stockholm, als er gegen ein Uhr morgens von einem „fürchterlichen Lärm“ geweckt wird. „Ich habe verstanden, dass etwas nicht stimmte“, erzählt er später. „Das Schiff neigte sich plötzlich auf die Seite, die Möbel wurden gegen die Tür geschmettert.“

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Er stürzt aus seiner Kabine auf das Deck, streift noch hektisch eine Schwimmweste über und springt in die Tiefe, denn im Wasser treibt ein Rettungsfloß. „Das war die schnellste Entscheidung meines Lebens“, sagt Öun. Von den elf weiteren Menschen, die es wie er auf das Floß geschafft haben, sterben zwei noch in der Nacht an Unterkühlung.

Foto: imago images/Xinhua
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Foto: imago images/Xinhua

Sie gehören zu den 852 Todesopfern der Katastrophe, die als eines der schwersten europäischen Schiffsunglücke der Nachkriegszeit gilt. Öun wiederum war unter den 137 Menschen, die den Untergang der „Estonia“ in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1994 überlebten. Bei voller Fahrt und tosender See war die Fähre vor der Südküste Finnlands gekentert und von den Radarschirmen verschwunden – nur rund eine halbe Stunde nach dem „Mayday“-Notruf.

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Ursache auch 25 Jahre später noch unklar

Auch ein Vierteljahrhundert später sind die entscheidenden Fragen noch immer unbeantwortet: Was war die Ursache? Wie konnte die 60 Meter hohe und 157 Meter lange Fähre so schnell sinken? Und wer trägt die Verantwortung dafür?

Um dies zu klären, fand im April im Pariser Vorort Nanterre ein zweitägiger Zivilprozess statt. An diesem Freitag wird nun das Urteil erwartet. Angeklagt sind die Meyer Werft aus dem emsländischen Papenburg, die die „Estonia“ im Jahr 1980 gebaut hatte, sowie die französische Zertifizierungsgesellschaft Bureau Veritas mit Sitz in Nanterre, die das Schiff als seetüchtig eingestuft hatte.

Archivbild der Fähre Estonia aus dem Jahr 1993 – ein Jahr vor dem Unglück. Foto: dpa/Pressens Bild
picture alliance / dpa
Archivbild der Fähre Estonia aus dem Jahr 1993 – ein Jahr vor dem Unglück. Foto: dpa/Pressens Bild

Zu den Klägern gehören 1116 Überlebende und Angehörige, die insgesamt 40,8 Millionen Euro an Entschädigung fordern. Sie klagen auf sogenannten psychischen Schaden. Das französische Gericht will nun über die Zulässigkeit und die Höhe der Ansprüche entscheiden. Opferanwalt François Lombrez bezeichnete den Prozess im Vorfeld als „außergewöhnlich in jeder Hinsicht“: „Zum ersten Mal fällt ein Gericht ein Urteil über die zivile Verantwortlichkeit.“

(Weiterlesen: Worum geht es im Schadenersatzprozess gegen die Meyer Werft?)

Reederei EstLine zahlte 130 Millionen Euro Entschädigung

Tatsächlich ging der Fall bereits durch diverse Instanzen, obwohl die schwedisch-estnische Reederei EstLine rasch nach dem Unglück 130 Millionen Euro Entschädigung bezahlt hatte, um juristische Schritte zu verhindern. Die Stockholmer Staatsanwaltschaft hatte 1998 alle strafrechtlichen Ermittlungen zur Klärung der Schuldfrage ergebnislos eingestellt.

Unstrittig ist, dass die Bugklappe des Schiffs sich auf offener See öffnete und abriss. Unmengen von Wasser strömten daraufhin schnell und ungehindert über die Fahrzeug-Bugrampe ins Autodeck. Nur 137 Menschen wurden lebend geborgen, 49 tot. Hunderte Tote blieben im Schiffsinneren eingeschlossen.

Ein offizieller Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 machte Konstruktionsmängel an der Bugklappe der „Estonia“ für das Unglück verantwortlich – und damit hauptsächlich die Meyer Werft. Experten aus Estland, Finnland und Schweden kamen damals zu dem Ergebnis, dass die Klappe abriss, weil die Schließvorrichtungen viel zu schwach gewesen seien und den Belastungen bei hohem Wellengang nicht standhielten.

Die Fähre sei gar nicht für die auf sie einwirkenden Kräfte ausgelegt gewesen. Die ungewöhnlich raue See in dieser Nacht habe die „Estonia“ dann in die denkbar schlechteste Situation gebracht.

Der Papenburger Schiffsbauer wiederum hatte sich bereits Mitte der 1990er-Jahre kein Mitverschulden an der Katastrophe vorwerfen lassen. Nach Ansicht der Meyer Werft waren nämlich nicht die Erbauer, sondern die damaligen Eigner sowie die Besatzung der Fähre für deren schlechten Zustand verantwortlich. Nachzulesen ist dies in einem Bericht aus dem Jahr 2000, den deutsche Fachleute im Auftrag unter anderem der Werft erstellt haben.

Die Meyer Werft am Seitenkanal Gleesen-Papenburg. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper
Daniel Gonzalez-Tepper
Die Meyer Werft am Seitenkanal Gleesen-Papenburg. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Darin verweist das Unternehmen darauf, die Fähre in einwandfreiem Zustand an die Reederei EstLine übergeben zu haben. In der Folge sei sie dann aber schlampig gewartet worden. Die „Estonia“ sei nicht seetüchtig gewesen, als sie den Hafen von Tallinn verlassen habe, so das Urteil der Experten. Die Gründe dafür seien fahrlässige Inspektionen und ein rücksichtsloser Betrieb des Schiffs. Zudem sei es falsch beladen und zu schnell unterwegs gewesen.

Tatsächlich stellten Inspektoren der schwedischen Marine-Behörden am Tag vor dem Unglück 14 Mängel an dem Schiff fest, welches dennoch ablegte. 2009 untersuchten dann die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt und die Technische Universität Hamburg-Harburg die Unglücksursache. Ergebnis: Die Bugklappe löste sich, weil die „Estonia“ in stürmischer See zu schnell fuhr.

Die Bugklappe der gesunkenen Fähre 'Estonia'. Foto: Lehtikuva/dpa
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Die Bugklappe der gesunkenen Fähre "Estonia". Foto: Lehtikuva/dpa

Deshalb geht Opferanwalt François Lombrez auch mit der französischen Prüfungsstelle Bureau Veritas scharf ins Gericht. Diese hätte den Konstruktionsfehler der Fähre melden müssen. Stattdessen habe sie die „Estonia“ für fahrtüchtig erklärt, obwohl sie es nicht gewesen sei, sagte er der Zeitung „Le Monde“.

Bureau Veritas wird außerdem vorgeworfen, es habe gewusst, dass die Entfernung der Ostseefähre von den Küsten nicht mehr als 20 Meilen (37 Kilometer) hätte betragen dürfen. Tatsächlich lag sie zum Zeitpunkt des Unglücks bei 100 Kilometern.

Die Meyer Werft hält sich im Vorfeld der Entscheidung in Nanterre unverändert bedeckt. Wie bisher äußert sie sich zu dem laufenden Verfahren nicht. Schon kurz nach dem Untergang der „Estonia“ hatten Überlebende und Angehörige der Opfer Zivilklagen gegen die Werft als Konstrukteur angestrengt – bisher ohne Erfolg.

Das Kreuzfahrtschiff 'Spirit of Discovery' der Meyer Werft. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper
Daniel Gonzalez-Tepper
Das Kreuzfahrtschiff "Spirit of Discovery" der Meyer Werft. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Die Papenburger hatten auch nach der Katastrophe zahlreiche weitere Fähren produziert. Parallel stieß das Unternehmen beim Bau von Kreuzfahrtschiffen in die Weltspitze vor. Allein in diesem Jahr liefern die Emsländer drei Ozeanriesen ab.

Mit dpa

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