Berlinale 2019: Extreme Gewalt : Ekel und Entsetzen: Akins „Goldener Handschuh“ polarisiert

Der Goldene Hanschuh: Jonas Dassler als Fritz Honka im Berlinale-Beitrag von Fatih Akin.
Der Goldene Hanschuh: Jonas Dassler als Fritz Honka im Berlinale-Beitrag von Fatih Akin.

Fatih Akin porträtiert den Serienmörder Fritz Honka – und schenkt der Berlinale einen extremen Gewaltfilm: „Der Goldene Handschuh“.

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09. Februar 2019, 22:30 Uhr

Berlin | Obwohl die erste Pressevorstellung von Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“ erst kurz vor Mitternacht endet, bleiben die Kollegen noch lange vorm Kino stehen. Der Film ist einer der Aufreger, nach dem alle sofort ihre Empörung loswerden wollen: „Warum verfilmt man so einen Stoff? Welches Publikum soll für sowas Geld bezahlen?“ Angesichts des massiven Ekels, den der Film auf jeden Fall auslöst, muss man Akins Leistung jetzt umso deutlicher verteidigen – gerade wenn man (wie ich zum Beispiel) seinen letzten Film grob verrissen hat.

Gewalt bis über die Ekelgrenze hinaus

Es stimmt: Schon die Eröffnungssequenz ist kaum auszuhalten. Der Serienmörder Fritz Honka versucht, eine Tote in einen Müllsack zu stopfen, scheitert, stürzt ein Wasserglas Korn und setzt die Säge an. Als er sein Opfer enthauptet, wird der Kopf zwar gnädig von einem Türvorsprung verdeckt. Die Tonspur ist dafür umso grässlicher. Weil die Entsorgung der ersten Leiche Schwierigkeiten bereitet, geht Honka dazu über, Torsi, Köpfe und Gliedmaßen späterer Opfer einfach in der Abseite verrotten zu lassen. Weshalb sich alle Frauen, die er in seiner Mansarde noch ermorden wird, vor ihrem Tod über den Gestank beschweren.

Dass alle die Wohnung trotzdem betreten, von nicht gelockt als der Hoffnung auf Honkas Oldesloer Korn, ist das Entsetzlichste an diesem Film. Das St. Pauli der 70er Jahre, in dem alle wie Zombies durch Nikotinschwaden und Schnapsdelirien taumeln, ist eine Vorhölle. Jeder Blick zeugt von einer tief empfundenen Wertlosigkeit des Lebens. Honka ist die billige Verfügbarkeit von Menschen so selbstverständlich, dass er sich von einer seiner Frauen sogar das Verfügungsrecht an ihrer erwachsenen Tochter überschreiben lässt – und den Vertrag für bindend hält.

Ein Mörder und seine Welt

Serienkiller-Filme neigen mitunter dazu, den Mörder als Monster zu schildern, als große Abweichung von der Normalität. Honka dagegen, so schaurig ihn die kaputten Zähne, sein Schielen und die Hasenscharte erscheinen lassen, ist ganz und gar Teil seiner Welt. Die Schauplätze sehen schon vor den Morden wie Tatorte aus, die Körper der Menschen sind Jahre vor ihrem Tod schon zerstört. Honkas Taten vollenden eine längst vollzogene Entwürdigung; und die drastischen Bilder, in denen Akin sie immer wieder zeigt, sind kaum schwerer zu ertragen als der ganz normale Alltag in seiner Wohnung.

Ein bisschen wirken Akins Sets wie die endzeitlichen Obdachlosen-Porträts des Fotografen Boris Mikhailov. Die fatalistische Stimmung konterkariert hier allerdings ein böser Humor: Der Hauptdarsteller Jonas Dassler übertreibt Honka bis kurz hin zum Grotesken; Akin setzt pointierende Schnitte, legt sehnsüchtige Schlager auf die grausamen Bilder, zelebriert den Wortwitz der Säufer und lacht über die Arglosigkeit, mit der zwei Schüler durch diese Apokalypse schlafwandeln. Man könnte das für zynisch halten, aber mit einer schönen Geste hebt Akin alle Figuren wieder aus dem Elend heraus: Immer wieder zeigt ihre Gesichter wie ein Porträtfotograf in statischen Einstellungen. Als wären sie vom Weg abgekommene Verwandte, an die wir uns trotzdem freundlich erinnern sollen.

Akins Film gefällt ganz sicher nicht jedem. Aber niemand wird die enorme Wirkung bestreiten, mit der er der Berlinale die Harmlosigkeit des Eröffnungsfilms ein für alle Mal für beendet erklärt.

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